Von Sebastian Fischer, Washington
So. Können wir? Krawatte justieren. Sakko zurechtruckeln. Mikrofon? "Hoffe, das geht. Ja, das geht." Und los.
Das Thema: "Die zukünftigen Aussichten für die transatlantische Allianz unter wachsender ökonomischer und politischer Unsicherheit." Der Redner: Karl-Theodor zu Guttenberg, Ex-Minister, Exilant. Der Ort: die Washingtoner Denkfabrik CSIS, bei der sich unser Vortragsreisender als "angesehener Staatsmann" engagiert. Ja, so heißt das.
Doch Moment, die transatlantische Allianz muss noch warten. Denn vorher gibt Guttenberg, grinsend, den Spielverderber bei jenem Thema, das stets mitschwingt, wenn sich der Mann zeigt: "Die zukünftigen Aussichten des Karl-Theodor zu Guttenberg in der bayerischen und bundesdeutschen Politik unter wachsender Entfernung von einer Affäre im plagiatorischen Bereich."
Guttenberg guckt in den Saal, begrüßt die paar "German correspondents" im Publikum und sagt, dass übrigens "alle Gerüchte der vergangenen Wochen über eine schnelle Rückkehr in die Politik Quatsch sind". Er würzt diese Ansage sogar noch nach, indem er das entscheidende Wort "Quatsch" - im Englischen: baloney - explizit beim clownesken, republikanischen Ex-Präsidentschaftsbewerber Newt Gingrich zitiert. Der nämlich setzte es für gewöhnlich ein, wenn er die Vorschläge seines Rivalen Mitt Romney zu kommentieren pflegte. Im Klartext: Guttenberg hat hier soeben die Dementi-Bazooka rausgeholt.
Und, nicht zu vergessen, Seehofer fügte damals hinzu: Der Noch-Exilant solle eine "maßgebliche" Aufgabe übernehmen. Kurz darauf stellte sich heraus: Guttenberg will gar nicht. Jedenfalls noch nicht. CSU-Spitzen, die bei ihm vorfühlten in der Sache, wie der SPIEGEL berichtete, ließ er abblitzen. Und jetzt, in Washington, nochmal ganz offiziell: "Quatsch."
Dennoch sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn "Quatsch" hat er kombiniert mit "keine schnelle Rückkehr" - also eben doch: Rückkehr. "Quatsch" heißt hier nur, dass er das Spiel von Horst Seehofer nicht mitmachen will. Der nämlich bastelt mit Vorliebe selbst an der Post-Seehofer-CSU, damit das nur kein anderer für ihn übernimmt. Seehofer ist ein Spieler. Aktuell schiebt er die Figuren Aigner und Söder ein bisschen hin und her. Eine dritte würde sicher noch ganz gut hineinpassen, so dass sich alles hübsch in Schach hält. Aber Guttenberg ist der Spielverderber. Er bastelt lieber selbst an seiner Zukunft.
Und deshalb muss er jetzt unten im fensterlosen CSIS-Keller eineinhalb Stunden vor gut 100 Leuten sowie zwei, drei Kameras sitzen und über Deutschland, Europa, Amerika reden. Über China auch und Afghanistan sowieso. Die Studenten in den Reihen eins bis drei, darunter auch Deutsche, fragen ihn nach der Rolle dieser Piratenpartei in Germany oder bemerken, dass die US-Jugend sich ja kaum mehr für Europa interessiert. "Great question", sagt Guttenberg dann. Ein anderer Zuhörer will wissen, wie Deutschland das eigentlich mit seinen Industriearbeiter-Jobs macht; und ein Journalist aus Mazedonien fragt in Sachen Erweiterungspläne für EU und Nato nach.
"Einfach sehr glücklich." Tatsächlich?
Guttenberg betreibt Basisarbeit, eine Art persönliches Wiederaufbauprogramm. Er sagt: "Meine Familie und ich sind hier einfach sehr glücklich." Ja, er genieße das. Und er könne sich jetzt weitergehend mit Themen beschäftigen, für die er früher nicht die Zeit gehabt habe. Das klingt alles recht vernünftig, recht demütig.
Doch just dann, wenn Guttenberg ein Späßchen über sich selbst machen will, scheint er sich in ganz andere Sphären zu sehnen als Raum B1. Zum Beispiel so: Eine Viertelstunde steht Guttenberg vorne am Pult, da spricht er über das Obama-Bild der Deutschen - über die Hoffnungen auf diesen Mann einerseits, die irrationalen Affekte gegen die USA andererseits - und dass sie, die Deutschen, nun haben erkennen müssen, dass es sich beim US-Präsidenten eben "um ein menschliches Wesen und keine gottesartige Figur" handele. Guttenbergs Fazit: Es sei aber doch eine gute Sache, wenn man zu einem ganz normalen Kerl schrumpfe, mit allen Talenten und Fehlern. Und dann: "Ich weiß, worüber ich rede." Von Obama direkt zu Guttenberg.
Auch seine - direkte und indirekte - Kritik an der Bundesregierung wiederholt das Ex-Mitglied vor ebendieser Mannschaft: dass die fehlgeschlagene Fusion der Rüstungsschmieden EADS und BAE eine "verpasste Chance" sei; dass man aus dem Afghanistan-Krieg lernen könne, "never ever" konkrete Abzugsdaten in die Diskussion zu bringen; dass man sich mit Blick auf die demografische Entwicklung mit den sozialen Sicherungssystemen beschäftigen müsste; dass die deutsche Uno-Enthaltung beim Libyen-Einsatz ein Fehler gewesen sei.
Guttenberg hat seinen eigenen Kopf - und einen Plan
Fast alles jedoch ist vergossene Milch, eh nicht mehr zu ändern. Mit seiner Kritik verbaut sich Guttenberg nichts. Eine Abrechnung mit Regierung und eigener Partei sähe doch ganz anders aus. Die aber will Guttenberg ganz offenbar nicht.
Rechnen wir also mal mit einer Rückkehr dieses Mannes auf die politische Bühne - nicht im nächsten Jahr, nicht gleich nach der Bundestagswahl. Aber in absehbarer Zeit. Guttenberg wird seinen ganz eigenen Plan haben.
Die Zeit arbeitet ohnehin für ihn, die Proteste werden schwächer. Im Februar in Berlin musste er sich von anonymen, sogenannten Netzaktivisten noch eine Sahnetorte ins Gesicht feuern lassen; am Mittwoch dieser Woche war der Ärger dann schon verhaltener: Während seines Vortrags über die "Mythen der transatlantischen Beziehungen" an der Yale University verließen einige deutsche Doktoranden den Saal.
Wann also steht sie an, die Rückkehr? "Open End" habe sein US-Aufenthalt, sagt Guttenberg, als er nach der CSIS-Diskussion dem Fahrstuhl zustrebt: "Uns gefällt es hier." Dann steigt er ein, drückt den Knopf. Und es geht wieder nach oben.
Anmerkung der Redaktion: Die Organisatoren des Guttenberg-Auftritts an der Yale-University teilten nachträglich mit, dass zu Beginn der Veranstaltung weniger als 20 Protestler den Raum verlassen hätten. In einer früheren Version dieses Textes hieß es, etwa 30 Zuhörer hätten den Saal verlassen.
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