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Jüdischer D-Day-Veteran: Zweimal durch die Hölle

Von , New York

Jüdischer D-Day-Veteran: Erinnerung an die Apokalypse Fotos
Werner Kleeman

Werner Kleeman hat den Albtraum des D-Day überlebt. Als deutscher Jude dem KZ entkommen, kämpfte er in der Normandie für die USA. Die Rückkehr nach Deutschland wurde für ihn zum privaten Triumph - und zur Abrechnung mit alten Peinigern.

Sie wirken wie Pfadfinder auf dem Weg ins Sommerlager. Sechs Jungs in einem Truck, hinten drauf Ausrüstung und Proviant, ein Zelt, Klapptisch, Klappstühle und ein Safe mit Geld. Nur ihre Gewehre, Stahlhelme und Gasmasken lassen erahnen, wo es in Wahrheit hingeht.

3. Juni 1944: Werner Kleeman und sein Trupp erreichen den Hafen im britischen Dartmouth am späten Samstagnachmittag. Monatelang haben sie für diesen Einsatz trainiert. Jetzt wird es ernst.

Allein der Anblick ist Furcht einflößend. In der Bucht liegen Hunderte Kriegsschiffe in Wartestellung. Hoch darüber schimmern Sperrballons in der Dämmerung, als Schutz vor Luftangriffen. Von überall her rollen Fahrzeuge an und verschwinden in den Bootsbäuchen.

Und das ist nur ein Teil der alliierten Armada, die sich an der gesamten Südküste Englands formiert für den Tag der Entscheidung - D-Day.

"Operation Overlord" heißt die Geheimmission. Der größte Kraftakt der Militärgeschichte: neun Divisionen, 155.000 Soldaten, mehr als 5000 Schiffe. Ihr Ziel: die Normandie jenseits des Ärmelkanals, gut 350 Kilometer entfernt. Dort wollen, dort müssen sie Hitlers Macht brechen. Misslingt das, ist der Krieg verloren.

Viele Soldaten sind noch Teenager. Die meisten waren nie im Gefecht. Auch Werner Kleeman, 24, und seine Kameraden nicht.

Sie gehören zur Stabskompanie der 4. US-Infanteriedivision, die in Utah Beach landen wird, eine der fünf Invasionszonen. Die sechs Männer der Civil Affairs Units sollen später - so sie es so weit schaffen - mit der deutschen Zivilbevölkerung kommunizieren. Kleeman ist ihr Dolmetscher, denn nur er spricht Deutsch.

Der D-Day wird zum Wendepunkt seines Lebens

Kaum einer weiß, dass für den scheuen New Yorker noch viel mehr auf dem Spiel steht. Dass er als Jude in Deutschland aufgewachsen ist. Dass er kurz im KZ Dachau saß, bevor er sich freikaufen und nach Amerika fliehen konnte. Dass er in die US-Armee eingezogen wurde, jetzt also auf dem Weg zurück ist in jene Hölle, der er damals nur knapp entkam.

Anzusehen ist ihm das kaum. Kleeman wirkt wie ein Kind. Auf seiner Nase klebt ein Pflaster über einer Schrapnellwunde von einer Übung.

Der D-Day wird nicht nur den Wendepunkt des Krieges markieren, sondern auch den seines Lebens. Das Opfer wird zum Rächer: "Ich will gegen die Deutschen kämpfen", schwört er.

Seine Odyssee begann in Unterfranken, in einem Bauerndorf namens Gaukönigshofen. Damals hieß er Werner Kleemann, mit zwei N.

54 der 723 Dorfbewohner waren Juden. Jahrzehntelang lebte man in "romantischer Unschuld" miteinander, so Kleeman. Ging gemeinsam zur Schule, spielte gemeinsam Fußball, strolchte gemeinsam durch den Wald.

Das änderte sich spätestens im September 1935 mit den Nürnberger Rassengesetzen. Kleemans Vater Louis verlor seine Konzession als Getreidehändler. Mutters Stoffgeschäft lief nicht mehr, da keiner bei Juden einkaufte. Werner flog von der Oberrealschule.

Mit 18 wollte er nach Amerika. Doch die Nazis sabotierten die Auswanderung: Man brauchte 5000 Dollar und blutsverwandte US-Bürgen.

Bei den Novemberpogromen 1938 wurde ihr Haus schwer demoliert. Die Nachbarn standen tatenlos drumherum. Einer von ihnen rückte mit einer Flinte an und nahm Kleeman fest.

Er landete als "Schutzhäftling" im KZ Dachau, dem ersten KZ Bayerns. Wurde kahlrasiert, fotografiert, verhört, gemessen, gewogen, betastet und schließlich der Baracke 23, Stube 2, zugewiesen. Gefangenennummer: 30862.

"Ich bin kein Deutscher mehr"

Es war das Ende seiner deutschen Identität. Jeden Tag mussten die Gefangenen strafexerzieren, stundenlang, egal bei welchem Wetter. Viele wurden krank, viele starben. Kleeman würde später nur selten und ungern darüber sprechen.

Am 20. Dezember 1938 kam er plötzlich wieder frei - unter der Bedingung, dass er umgehend emigriere. Zwei Verwandte hatten doch noch für ihn gebürgt und 5000 Dollar hinterlegt. Seine Familie hatte ihn freigekauft.

Im Januar 1939 verließ er Deutschland. Gerade noch rechtzeitig: Der Kriegsbeginn am 1. September schnitt den Juden den Fluchtweg ab.

Kleeman schaffte es noch, seine Familie nach London zu holen. Dann buchte er sich eine Passage nach New York. Bei der Einwanderung auf Ellis Island kreuzte er das zweite N seines Namens durch: "Ich bin kein Deutscher mehr."

1941 sog der Angriff auf Pearl Harbor auch die USA in den Krieg. Kleeman bekam den Einzugsbefehl - und damit automatisch die US-Staatsbürgerschaft. "Bringen Sie genügend Kleidung für drei Tage mit", empfahl der Brief.

Über Umwege kehrte er mit seiner Einheit nach England zurück. Sein neuer Stubenkamerad hieß Jerry und hackte dauernd auf einer Feldschreibmaschine herum. Sein voller Name war Jerome D. Salinger - was er schrieb, würde ab 1951 als "Der Fänger im Roggen" in die Literaturgeschichte eingehen.

Und so kamen sie in den Hafen von Dartmouth und dort an Bord der U.S.S. "LST 282". Das US-Transportschiff soll 267 Soldaten und fast 2000 Tonnen Kriegsfracht nach Utah Beach bringen.

Apokalyptischer Albtraum

Immer wieder rezitiert er im Kopf seine Instruktionen für die Landung. Laufen statt schwimmen. Kopf, Schultern und Gewehr über Wasser halten. Im Verbund bleiben. Beten.

"Das Gerede von einem blutigen Strand ist falsch", versichert ihnen Colonel Norborne Gatling, Kleemans Einheitsführer, bei einer Lagebesprechung. "Keiner wird umkommen."

Nach 24-stündigem Unwetter-Aufschub geht es am 6. Juni endlich los. Aus Bordlautsprechern krächzt die Stimme ihres Topkommandeurs: "Ihr begebt euch auf den Großen Kreuzzug", donnert US-General Dwight Eisenhower. "Die Hoffnungen und Gebete der freiheitsliebenden Völker überall marschieren mit euch."

"Fuck you, Krauts!", brüllen die Soldaten.

Kleeman springt in ein Landungsboot, schon lassen sie die "LST 282" hinter sich. Gischt spritzt den Männern in die Gesichter, manche übergeben sich. Erstmals verspürt Kleeman Panik.

Sie brauchen Stunden, bis sie Land sehen. Ferne, fahle Explosionen illuminieren die Küstensilhouette: ein flacher Strand, dahinter Dünen und zwei Kirchtürme. Rauch steigt auf. Die ersten Männer vor ihnen sind gelandet.

Der Rest ist ein apokalyptischer Albtraum. Irgendwann findet sich auch Kleeman bis zum Kinn im Wasser wieder. Kugeln zischen an ihm vorbei, immer mehr Leichen treiben heran. Alles geschieht so schnell und zugleich wie in Zeitlupe. Der blutgetränkte Strand. Die Bollwerke. Sterbende GIs im Stacheldrahtnetz. Doch Kleeman kommt durch.

Die Heimkehr

Im Hinterland trifft er mit seiner Einheit auf Zivilisten, die von den Kämpfen nichts zu merken scheinen. Kleeman beschafft Lebensmittel und schaufelt Schützengräben. Sie folgen der Speerspitze der 4. Division, die unter schweren Verlusten Cherbourg einnimmt. Einmal kommt Kleemans selbst fast um, bombardiert von "friendly fire".

Sie durchbrechen die Linien, erreichen Paris, sind bei dessen Befreiung dabei. Kleeman lernt Ernest Hemingway kennen. Salinger schenkt ihm drei deutsche Luger-Pistolen, eine trägt Kleeman für den Rest des Krieges am Körper: "Mit deutschen Waffen gegen die Deutschen."

Sie überqueren die Grenze zu Deutschland. Für Kleeman ist es eine seltsam antiklimaktische Heimkehr. Das Erste, was er sieht, sind Kühe.

Im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald überleben sie die längste Schlacht, die die US-Truppen je gefochten haben. Auf beiden Seiten sterben mehr als 60.000 Soldaten. Salinger wird die Eindrücke lebenslang in seinen Geschichten verarbeiten.

Das Kriegsende erlebt Kleeman in Heidelberg. Im Radio hört er von der Befreiung des KZ Dachau. Sofort will er nach Gaukönigshofen, alte Rechnungen begleichen. Gegen den Befehl seines Vorgesetzten stiehlt er sich fort, erreicht das Dorf im Schutz der Dunkelheit. Kein Jude lebt da mehr. Alle wurden in Lagern ermordet.

Kleeman nennt der US-Militärpolizei die Namen der Dorfbewohner, die 1938 an den Juden-Pogromen beteiligt waren. Den Nachbarn, der ihn damals ins KZ bringen ließ, verhaftet er höchstpersönlich, Salingers Luger im Anschlag.

Seit seiner Heimkehr lebt Kleeman im selben Haus im New Yorker Stadtteil Queens. Er ist 94 und weigert sich bis heute, Deutsch zu reden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Erkenne mich in dieser Story
realpress 05.06.2014
In '63 zwangsumgezogen von Leiden (NL) nach Bad Lippspringe, der Vater war im WWII auf der falschen Seite, erlebte ich in meinem Lehrbetrieb in Paderborn die böse und noch sehr lebendige scheissbraune Seite der deutschen Gesellschaft kennen. Frau Abteilungsleiterin hieß "Feldwebel", dem Fahrzeugführer(!) fehlte den linken Arm, der ausgeflippte Mitarbeiter in der Expedition aht Stalinggrad überlebt und der Sohn eines deutschen Offiziers der von den "Zwarte Duivels" mit einem Messer zwischen den Rippen in "De Nieuwe Maas" in Rotterdam ertrank, liess ohne Hemmungen seine Frustrationen an den jungen 16-jährigen "Hollända" aus. Ein kompletter Haufen Gesindel aus braunem Pack also. Problem war aber dass dieser Jüngling aus NL bestens Bescheid wusste über das Unwesen der Deutschen zwischen '33 und '45 ! Und er rieb ihnen dies auch ständig zwischen den Kiemen, Folge, noch mehr Frustration wenn er fragte "wieso habt ihr es nicht gewusst". To the point : in den 90ern hat der damalige Jüngling seine Peinigern besucht und dene ungesalzen die Meinung gegeigt. Der damalige Personalchef brach in Tränen aus und sagte wörtlich : "wir wussten damals nicht besser und wir waren tatsächlich noch braun, heute schäme ich mich dafür, ich entschuldige mich dafür" Paderborn Western(strasse)Beach. So wirkt sich dieser Beach noch in 2014 aus !
2. Hass ist nicht gut.
n01 05.06.2014
Zitat von sysopWerner KleemanWerner Kleeman hat den Albtraum des D-Day überlebt. Als deutscher Jude dem KZ entkommen, kämpfte er in der Normandie für die USA. Die Rückkehr nach Deutschland wurde für ihn zum privaten Triumph - und zur Abrechnung mit alten Peinigern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/d-day-ueberlebender-erinnert-sich-an-seinen-kampf-in-der-normandie-a-973537.html
Vielleicht sollte er irgendwie einen Frieden mit der bösen Vergangenheit schließen. Und auch wieder Deutsch sprechen. Weil, auch wenn noch immer ein paar Dumpfbacken herumlaufen. Hitler ist tot. Die Nazis sind besiegt. Auch mit Hilfe von Werner Kleeman. Hass ist nicht gut, denn Deutschland war immerhin sein Geburtsland. Und es ist nicht mehr das Deutschland, was es von 1930-1945 war.
3. Ein Mensch
93160 05.06.2014
der nicht verzeihen kann. Es ist verstaendlich. Der Film der mich am meissten beeindruckte war "le Pont". Das waren die deutschen menschlichen Kriegsopfer.Haben diese ihren Eltern verzeihen koennen? Verzeihen ist eine schwere Sache. Was kann man heute tun? Jeder der einen Menschen oder ein Volk zum Feind erklaert, tut wieder unrecht.Die Augen und Ohren sollten gerade heute sehr offen sein. Dem Herrn Kleeman wuensche ich noch friedliche schoene Jahre im Kreis seiner Familie.
4. Tja....
Einweckglas 05.06.2014
Zitat von sysopWerner KleemanWerner Kleeman hat den Albtraum des D-Day überlebt. Als deutscher Jude dem KZ entkommen, kämpfte er in der Normandie für die USA. Die Rückkehr nach Deutschland wurde für ihn zum privaten Triumph - und zur Abrechnung mit alten Peinigern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/d-day-ueberlebender-erinnert-sich-an-seinen-kampf-in-der-normandie-a-973537.html
Tja....Bei dem schicksalhaften Werdegang kann man den Frust & Hass des Mannes wohl nachvollziehen. Einer unter vielen jungen Menschen, den jener Krieg gezeichnet hat. Oder mal naiv gesagt: "Krieg ist Scheisse, Frieden ist gut!" Nur leider funktioniert die Welt so einfach auch wieder nicht!
5. Komplett niederschreiben
PeterLublewski 05.06.2014
Zitat von realpressIn '63 zwangsumgezogen von Leiden (NL) nach Bad Lippspringe, der Vater war im WWII auf der falschen Seite, erlebte ich in meinem Lehrbetrieb in Paderborn die böse und noch sehr lebendige scheissbraune Seite der deutschen Gesellschaft kennen. Frau Abteilungsleiterin hieß "Feldwebel", dem Fahrzeugführer(!) fehlte den linken Arm, der ausgeflippte Mitarbeiter in der Expedition aht Stalinggrad überlebt und der Sohn eines deutschen Offiziers der von den "Zwarte Duivels" mit einem Messer zwischen den Rippen in "De Nieuwe Maas" in Rotterdam ertrank, liess ohne Hemmungen seine Frustrationen an den jungen 16-jährigen "Hollända" aus. Ein kompletter Haufen Gesindel aus braunem Pack also. Problem war aber dass dieser Jüngling aus NL bestens Bescheid wusste über das Unwesen der Deutschen zwischen '33 und '45 ! Und er rieb ihnen dies auch ständig zwischen den Kiemen, Folge, noch mehr Frustration wenn er fragte "wieso habt ihr es nicht gewusst". To the point : in den 90ern hat der damalige Jüngling seine Peinigern besucht und dene ungesalzen die Meinung gegeigt. Der damalige Personalchef brach in Tränen aus und sagte wörtlich : "wir wussten damals nicht besser und wir waren tatsächlich noch braun, heute schäme ich mich dafür, ich entschuldige mich dafür" Paderborn Western(strasse)Beach. So wirkt sich dieser Beach noch in 2014 aus !
Sie sollten Ihre Geschichte unbedingt komplett niederschreiben. Ich könnte mir vorstellen, dass am Ende ein interessantes Buch und/oder ein interessanter Film dabei heraus kommt.
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