IS-Sympathisanten und Hassprediger "Dänemark ist ein Traum für radikale Islamisten"

Hassprediger in Moscheen, Terroranschläge, Dschihad-Reisende: Was ist los in Dänemark? Der konservative Politiker Naser Khader, selbst Einwanderer aus Syrien, beklagt zu viel Naivität im Umgang mit Radikalen.

Ein Interview von

Politiker Naser Khader
picture alliance / Scanpix Denmark

Politiker Naser Khader


Radikale Islamisten - darum drehen sich in den vergangenen Tagen immer wieder Berichte aus Dänemark:

  • Eine Fernsehdokumentation enthüllt, wie in Moscheen Hass und Gewalt gepredigt wird.
  • Mehrere Frauen aus Dänemark sind nach Syrien gereist, um sich dort dem IS anzuschließen.
  • Am Dienstag nahm die Polizei ein 16-jähriges Mädchen fest, das zum Islam konvertiert war und zusammen mit einem 24-Jährigen unter anderem Anschläge auf eine jüdische Schule in Kopenhagen geplant haben soll.
  • Am Donnerstag hat der Prozess gegen mutmaßliche Mithelfer von Omar Abdel Hamid El-Hussein begonnen, der vor einem Jahr in Kopenhagen bei Terroranschlägen zwei Menschen tötete.

Im Interview spricht der Politiker Naser Khader, selbst Einwanderer aus Syrien und Parlamentsabgeordneter für die Konservativen, über Dänemarks radikale Islamisten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Khader, hat Dänemark ein größeres Problem mit Islamisten als andere europäische Länder?

Khader: Ja. Das liegt an mehreren Dingen. Seit dänische Zeitungen 2006 Mohammed-Karikaturen veröffentlicht haben, gehören wir zu den fünf größten Feinden der radikalen Islamisten weltweit. In den vergangenen zehn Jahren haben die Sicherheitsbehörden mehrmals Anschläge hierzulande vereitelt. Und gleichzeitigt haben wir in Dänemark sehr liberale Gesetze, die es Extremisten sehr leicht machen und die Dänemark quasi zu einem Traum für radikale Islamisten machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Khader: Nach der dänischen Verfassung ist es schwierig, Menschen zu verfolgen, die radikale Dinge sagen - das gilt nicht nur für Islamisten. Anders als in Deutschland ist zum Beispiel auch das Leugnen des Holocausts nicht strafbar. Man kann im Grunde sagen und verbreiten, was man will.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird?

Khader: Jedenfalls brauchen wir eine gesetzliche Handhabe, um radikalen Predigern das Handwerk zu legen. Ich fordere, dass die Aarhuser Grimhøj-Moschee geschlossen wird, um die es jetzt bei den Berichten um Hassprediger geht. Fast 30 Männer, die in den Dschihad nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, verkehrten dort - die Moschee fungiert beinahe wie ein Reisebüro des "Islamischen Staats." Auch der junge Mann, der jetzt Anschläge auf Schulen geplant haben soll, hatte Verbindungen zu dieser Moschee.

SPIEGEL ONLINE: Das Aarhuser Modell von Politik und Polizei im Umgang mit der Moschee und Dschihad-Rückkehrern hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Viele Experten sagen, in Kontakt mit radikalen Predigern zu treten, sei der einzige Weg, um Einfluss auf junge Islamisten zu nehmen. Und: Wenn man die Moschee schließe, würden deren Anhänger ja nur in den Untergrund gehen.

Khader: Ich glaube nicht an diesen soften Ansatz. Es kann sein, dass die größten Hardliner undercover in Wohnungen predigen, wenn man die Moscheen verbietet. Aber sie verlieren damit die Möglichkeit, ein großes Publikum zu erreichen. Die Hürde, zu verbotenen Predigten in eine Wohnung zu gehen, ist ja für die Menschen viel höher. Ich bin mir natürlich bewusst, dass auch das Internet eine große Rolle bei der Radikalisierung junger Muslime spielt, aber radikale Moscheen sind eben die zweite Anlaufstelle.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich politisch seit den Terrorangriffen in Kopenhagen vor einem Jahr geändert?

Khader: Es gibt eine Reihe schärferer Gesetze für Menschen, die in den Dschihad reisen wollen, Pässe können einfacher eingezogen werden. Und künftig soll jeder, der nach Syrien oder in den Irak ausreisen will, bei den Behörden begründen, warum er das macht. Tut er das nicht, droht ihm bei seiner Rückkehr Strafverfolgung. So sieht es ein geplantes Gesetz vor.

SPIEGEL ONLINE: Dänemark landet regelmäßig weit vorne in weltweiten Rankings, in welchen Ländern es sich am besten und glücklichsten leben lässt. Gleichzeitig sind aus Dänemark, gemessen an der Gesamtbevölkerung, so viele junge Menschen in den Dschihad gereist, wie aus kaum einem anderen westlichen Land. Wie kann das sein?

Khader: Es wäre schön einfach, wenn wir sagen könnten: Es liegt daran, dass sich diese jungen Menschen diskriminiert fühlen. Aber das stimmt aus meiner Sicht nicht. Die Mehrheit der jungen radikalen Islamisten kommt nicht aus einem armen Umfeld, viele haben studiert. Es ist ihre eigene aktive Entscheidung, sie wollen Pioniere sein bei der Errichtung eines neuen Weltreiches - so sehe ich es. Diese Menschen sind vergleichbar mit den RAF-Terroristen früher in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Die rechtspopulistische dänische Volkspartei drängt seit Jahren - und verstärkt in der Flüchtlingskrise - auf schärfere Gesetze gegen Asylsuchende und Einwanderer. Welche Rolle spielt diese Polarisierung der Gesellschaft für die Anziehungskraft der Islamisten?

Khader: Wir sollten nicht die dänische Gesellschaft und Politik verantwortlich machen, wenn sich Jugendliche radikalisieren. Dänemark ist das Land der Möglichkeiten, noch viel mehr als die USA. Vieles ist umsonst, wir haben Milliarden in die Integration investiert. Verantwortlich sind die Eltern dieser Jugendlichen - und wir auch, weil wir nicht verhindert haben, dass sich in Dänemark radikale Prediger niederlassen und wirken konnten. Ich glaube: Wir sind zu naiv. Die Dinge, die jetzt Schlagzeilen machen, gibt es seit vielen Jahrzehnten.

SPIEGEL ONLINE: Nur eine kleine Minderheit der dänischen Moscheen gilt als radikal. Sind die moderateren Imame zu still?

Khader: Ich finde das Verhalten vieler Vertreter jedenfalls fatal: Statt aufzustehen und sich von radikalen Predigern abzugrenzen, kritisieren sie jetzt den Fernsehsender, der die Hasspredigten enthüllt hat, und erfinden neue Verschwörungstheorien gegen Muslime. Wir brauchen etwas anderes: eine richtige Bewegung gegen die Radikalen. Ich beobachte aber auch in meinem persönlichen Umfeld eine Unlust. Einige sagen mir: Ich habe ein gutes Leben, warum sollte ich mir durch ein solches Engagement Probleme schaffen? Das ist ein großes Problem.

Zur Person
  • picture alliance / Scanpix Denmark
    Naser Khader wurde 1963 nahe Damaskus als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer syrischen Mutter geboren. Mit elf Jahren kam Khader nach Dänemark. Auf seinem Gymnasium war er der erste Schüler mit Migrationshintergrund, der Abitur machte. Als junger Mann löste Khader die mit einer Cousine arrangierte Verlobung, 1996 schrieb er den Bestselller "Ehre und Scham" - gleichzeitig schloss er sich der linksliberalen Partei Radikale Venstre an und war der erste Abgeordnete mit arabischem Hintergrund im dänischen Parlament. Große Bekanntheit erreichte Khader während der Krise um die in dänischen Zeitungen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen Anfang 2006. Damals wurden dänische Botschaften in der arabischen Welt angegriffen, bei gewalttätigen Demonstrationen dort starben Menschen. Khader gründete das Netzwerk "Demokratische Muslime." 2007 gründete Khader mit zwei anderen Politikern eine neue liberale Partei, inzwischen ist er Abgeordneter der Konservativen, die die Regierung im Parlament stützen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
onkel bama 11.03.2016
1. Meinungsfreiheit
In Deutschland ist also die Meinungsfreiheit eingeschränkt, weil das Leugnen von Holocaust verboten ist? Oder wie ist die Frage von Frau Reimann sonst zu verstehen?
spon_3064063 11.03.2016
2.
Importierte Imame sind das Problem! Nur in Europa ausgebildete Imame dürfen zugelassen werden!
markus_wienken 11.03.2016
3.
Zitat von onkel bamaIn Deutschland ist also die Meinungsfreiheit eingeschränkt, weil das Leugnen von Holocaust verboten ist? Oder wie ist die Frage von Frau Reimann sonst zu verstehen?
Sicher ist es eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, was soll es denn sonst sein? Allerdings eine, mit der ich als deutscher Bürger gut leben kann.
chiefseattle 11.03.2016
4. Gastredner
Ein Problem bei den Moscheen sind die eingeladenen Gastredner und Imane, die oft radikalislamisch predigen ohne jeglichen Bezug auf europäische Werte. Die verbreiteten Glaubensphantasien werden von jungen Leuten gerne angenommen - der Jihad als Sinn des Lebens - sozusagen.
alfredjosef 11.03.2016
5.
"Seit dänische Zeitungen 2006 Mohammed-Karikaturen veröffentlicht haben, gehören wir zu den fünf größten Feinden der radikalen Islamisten weltweit." Herr Khader, wie man in den Wald schreit, schreit es zurück. In Dänemark ist die allgemeine Stimmung sehr ausländerfeindlich und islamophob – was man schon daran festmachen kann, dass die stärkste Partei die "dänische AfP" ist (Danske Folkeparti). Die Radikalisierung dänischer Minderheiten inkl. Moslems geschieht auch aufgrund der Ablehnung und Verachtung von Religion in DK, vor allem aber des Islams. aj.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.