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Dänemark: Legoland ist abgebrannt

Aus Kopenhagen berichtet

Während in arabischen Ländern dänische Flaggen verbrannt und Botschaften angegriffen werden, rücken muslimische Einwanderer und Dänen in Dänemark enger zusammen. Seit die Welt auf ihr Land schaut, wollen viele zu Hause ein Zeichen des Friedens setzen.

Kopenhagen - Viele in der dänischen Hauptstadt können gar nicht begreifen, warum ihr kleines Land plötzlich so in den Mittelpunkt gerückt ist. "Ich hätte nie gedacht, dass das so große Wellen schlägt. Auch in Dänemark sind die Mohammed-Karikaturen jetzt das einzige Thema", sagt der 50-jährige Knut M., der an einer Kopenhagener Würstchenbude steht und sich vor Kälte die Hände reibt.

Muslime in Kopenhagen: "So etwas hat Dänemark noch nie erlebt"
AP

Muslime in Kopenhagen: "So etwas hat Dänemark noch nie erlebt"

Es regnet in der dänischen Hauptstadt, durch die engen Straßen im Bahnhofsviertel pfeift der Wind. Hinter den Fenstern der Wohnhäuser flackern Fernsehbilder, Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen ist zu sehen, das Redaktionsgebäude der "Jyllands-Posten" und aufgebrachte Muslime in Afghanistan. Vor einem Kiosk steht ein Zeitungsständer, auf dem Titel der "B.T." ist das Foto eines kleinen Mädchens abgedruckt, das seinen Vater fragt: "Warum hassen die Muslime uns so?" Die Dänen haben Angst, schreibt die Zeitung, Angst vor Anschlägen, Angst vor Krieg.

Bisher fristete das kleine Königreich im Norden Europas eher ein beschauliches Dasein als Monarchie und Fußballnation. Früher stand es für Lego, doch Legoland scheint abgebrannt. In der islamischen Welt werden die Karikaturen der "Jyllands-Posten" zum Generalangriff auf die Ehre der Moslems aufgeblasen. In Kopenhagen sind die Leute fassungslos über die Reaktionen, die die Karikaturen weltweit ausgelöst haben. In der Vesterbrogade im Zentrum Kopenhagens reihen sich arabische Läden aneinander. Auf Reisen nach Nordafrika und in den Nahen Osten hat sich Mohammed spezialisiert, der wie viele der Ausländer seinen Familiennamen lieber nicht nennen will. "So etwas wie das hat Dänemark noch nie erlebt", sagt er. In einem langen schwarzen Mantel sitzt er vor einer Regalwand mit Prospekten. "Ich fühle mich gar nicht gut bei der ganzen Sache. Warum müssen die alles kaputt machen? Wir sind so ein friedliches Land", sagt er. Die, das sind für Mohammed diejenigen, die mit Absicht religiöse Gefühle verletzen, genauso wie die Leute, die zu Gewalt greifen, dänische Botschaften angreifen und Flaggen verbrennen. "Es tut mir weh", sagt Mohammed.

Die hellblauen Zettel in seinem Schaufenster, auf denen er Touren nach Damaskus und Beirut anpreist, könne er fast abnehmen, sagt Mohammed. Seit Tagen hat er kaum eine Reise verkauft. "Ich warte nur noch, bis die ganze Aufregung vorbei ist."

Müde von den Auseinandersetzungen

Seit zwei Wochen steht das 5,3 Millionen Einwohner kleine Dänemark im Mittelpunkt der Welt. Aber viele Dänen sind müde von der Diskussion um die Mohammed-Karikaturen, schließlich hatte die auflagenstärkste dänische Zeitung "Jyllands-Posten" die Skandalcartoons schon im Herbst abgedruckt.

Mefid, ein 22-jähriger Taxifahrer mit kahlrasiertem Kopf, will nicht mehr über die Karikaturen reden. "Wissen Sie, wir hier in Dänemark reden darüber schon fast ein halbes Jahr. Auf und ab, rauf und runter. Und jetzt plötzlich ist die Welt auf uns aufmerksam geworden", sagt der Sohn palästinensischer Einwanderer.

Für die Ausschreitungen in Syrien, im Libanon, Gaza und in Afghanistan findet Mefid harte Worte. Es sei eine Schande, was dort gerade passiere. "Ich entschuldige mich für die radikalen Muslime", sagt er. Er hält kurz inne: "Niemand hat das Recht so etwas zu tun."

Auch Ali, dessen Familie aus Afghanistan nach Dänemark gekommen ist, schämt sich dafür, dass im Namen seiner Religion Gewalt an dänischen Einrichtungen verübt wird, Flaggen verbrannt werden, Ausländer in arabischen Ländern bedroht werden. Er sitzt mit einem dänischen Freund auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum, raucht, sagt: "Die Bilder schockieren mich." Sein Freund nickt.

Trotzdem glaubt Ali, wie viele andere Kopenhagener auch, dass die Zeitung "Jyllands-Posten" die Karikaturen abgedruckt hat, "weil sie damit provozieren wollte". "Warum hat 'Jyllands-Posten' denn sonst die Jesus-Karikatur nicht gebracht?", fragt sich Mikkel Velstrup, der im Cafe "Paradis" mit Freunden zusammen sitzt. Als der Zeitung im Jahr 2003 ein Zeichner Jesus-Karikaturen angeboten hatte, lehnte ein Redakteur sie mit der Begründung ab, dass er fürchte, seinen Lesern würden sie wohl nicht gefallen. "Da stimmt doch was nicht", sagt Mikkel Velstrup. Er habe aber beobachtet, dass in Dänemark jetzt alle besonders nett miteinander umgehen - Pakistani, Türken, Afghanen und Dänen - Christen und Muslime.

"Das waren alles Lügen"

"Geschmacklos war das, dass sie die Zeichnungen abgedruckt haben", bekräftigt auch Mohammed aus dem Reisebüro. "Gerade in dieser Zeit, in der die rechtspopulistische Volkspartei so stark ist und sowieso schon ständig versucht, gegen Muslime Stimmung zu machen". Und auch Knut M. hofft, dass jetzt nicht ein falsches Bild entsteht von den dänischen Muslimen. "Schließlich sind die meisten Muslime, die hier leben, außerordentlich moderat", sagt er. Für Leute, wie den Arhuser Imam Ahmed Akkari, der den Streit um die Karikaturen zusätzlich angefacht hat, hat er überhaupt kein Verständnis. "Der hat auf einer Reise im Nahen Osten einfach falsche, viel schlimmere Karikaturen herumgezeigt. Das waren alles Lügen", erklärt Knut M. Von "solchen Muslimen" gäbe es aber in Kopenhagen nicht viele.

Wenn die Aufregung irgendwann vorbei ist, dann könnte die ganze Sache mit den Karikaturen auch etwas Positives bewirken - zumindest in Dänemark, glaubt Knut M.: "Vielleicht reden wir dann weiter miteinander - Einwanderer und Dänen." Dass Ministerpräsident Fogh Rasmussen sich lange geweigert hat, mit Botschaftern aus muslimischen Ländern zu sprechen, sei nicht richtig gewesen. "Ich will die Pressefreiheit nicht in Frage stellen, aber wenn die Gefühle von einer Religionsgemeinschaft verletzt werden, dann muss man reden und sich miteinander auseinandersetzen", sagt Knut M.

Dass vor ein paar Tagen auf dem Kopenhagener Rathausplatz gegen die Gewalt und für einen Dialog demonstriert wurde, zeige, dass hier eigentlich alle nur Frieden wollen. "Und einfach wieder ein bisschen Normalität."

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