Debatte über radikale Imame Dänemarks Hassprediger

Radikale Imame haben ihre eigenen Regeln, sie predigen Hass und Gewalt. Dänische TV-Reporter haben gefährliche Hetzer mit versteckter Kamera gefilmt. Nun diskutiert das Land über den Umgang mit ihnen.

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Dänischer Imam Abu Bilal Ismail
Jan Grarup/ laif

Dänischer Imam Abu Bilal Ismail


"Moscheen hinter dem Schleier" - so heißt die vierteilige Dokumentation des dänischen Fernsehsenders TV2. Die bereits ausgestrahlten Teile sorgen für großen Wirbel - denn sie zeigen: Einzelne radikale Imame in Dänemark predigen hinter geschlossenen Türen Hass und Gewalt, auch wenn sie in der Öffentlichkeit stets das Gegenteil beteuern. Das Problem ist seit Langem bekannt. Aber selten gab es so konkrete Belege dafür wie jetzt.

Dänemarks Politiker sind aufgeschreckt, in großen Fernsehrunden wird debattiert: Was muss jetzt passieren?

Im Zentrum der Enthüllungen von TV2 stehen Moscheen und Imame in der dänischen Stadt Aarhus. Reporter des Senders filmten dort heimlich und belegten zum ersten Mal mit der Kamera, dass es in Dänemark offenbar Formen der Paralleljustiz gibt: einen sogenannten Scharia-Rat, der bei Streit zwischen Gemeindemitgliedern vermitteln soll, der aber - zumindest in dem dokumentierten Fall - gegen dänisches Recht arbeitet.

Worum geht es genau?

  • TV2 hat nach eigenen Angaben Undercover-Reporter für mehrere Monate in muslimische Milieus und Moscheen geschickt. Darunter ist eine Frau, die vorgibt, in ihrer Ehe geschlagen zu werden, und sich deshalb an den Scharia-Rat wendet, also eine Gruppe von muslimischen Männern, die vermeintlich rechtliche Autorität besitzt. Das Gremium rät ihr, sie solle ihr Leben fortsetzen wie bisher, eine Scheidung komme nach islamischen Regeln nicht infrage. Vertreter zweier weiterer Moscheen in Aarhus raten der Frau, nicht zur Polizei zu gehen.

  • In der Grimhøj-Moschee in Aarhus filmen die Reporter Scharia-Unterricht, in dem ein Imam Frauen unter anderem erklärt, dass ihnen bei Ehebruch Steinigung drohe. Der Imam heißt Abu Bilal Ismail. Er ist auch hierzulande kein Unbekannter, hatte im Jahr 2014 auch schon in der Berliner Al-Nur-Moschee für die Vernichtung von Juden gebetet und stand deshalb vor Gericht.
  • Andere Prediger rieten nach den TV2-Filmen in der Aarhuser Moschee Frauen dazu, Kinder zu schlagen, wenn diese nicht beteten, oder erklärten, dass muslimische Frauen nicht zusammen mit Männern arbeiten dürften.

Radikale Islamisten predigen allerdings nur in einem kleinen Teil der rund 150 Moscheen in Dänemark - viele moderate Imame haben die nun bekannt gewordenen Äußerungen scharf verurteilt.

Selbstkritik? Distanzierung? Keine Spur

Aber bei den Verantwortlichen ist von Selbstkritik, Reue, Distanzierung nicht viel zu hören. Der Sprecher der Grimhøj-Moschee, Oussama El Saadi, erklärte nach dem Bekanntwerden der Berichte: Man habe keinen Fehler gemacht und werde nichts ändern - man verstoße nicht gegen dänische Gesetze. Bei einer Pressekonferenz mit mehreren Moscheevertretern aus Aarhus, Kopenhagen und Odense wollte man sich inhaltlich nicht zu den Gewaltreden in der Moschee und dem Scharia-Rat äußern. Der ehemalige Sprecher des Islamisk Trossamfund, einem Zusammenschluss konservativer muslimischer Gemeinden, verteidigte die Äußerungen zu Steinigungen für Ehebruch sogar. Solche Drohungen wirkten präventiv gegen den Zerfall von Familien, verkündete er in einem Radiointerview.

Die örtliche Polizei prüft die Aufnahme von Ermittlungen wegen der Hass-Äußerungen der Imame. Denn: Auch wenn Meinungsfreiheit in Dänemark weiter gefasst ist als in Deutschland und es etwa keinen Volksverhetzungsparagrafen gibt, ist es natürlich nicht erlaubt, zu Straftaten aufzurufen. Und Kinder zu schlagen, ist in Dänemark ebenso verboten wie in Deutschland.

Für die dänische Politik bleibt die Frage: Wieso gibt es dort immer wieder Probleme mit besonders radikalen Imamen? Wie können die radikalen Prediger bekämpft werden? Muss es neue Gesetze geben gegen Islamisten, für die es seit den Neunzigerjahren ein Umfeld in dem Land gibt? Muss das Recht auf freie Meinungsäußerung, das in Dänemark extrem weit gefasst ist, eingeschränkt werden, wo es um Hass und Gewalt geht? "Die Freiheit zu sagen, was man denkt, gehört zu unserer nationalen Identität", hat die Terrorismus-Forscherin Manni Crone einmal SPIEGEL ONLINE gesagt.

Der Fall der Grimhøj-Moschee in Aarhus ist für die Behörden besonders heikel. In den vergangenen Jahren waren viele junge Männer, die dort verkehrten, in den Dschihad nach Syrien oder in den Irak gezogen. Politik und Polizei haben - auch weil sie keine Alternativen dazu sahen - mit der Moschee zusammengearbeitet, um das Problem zu bekämpfen. Dschihad-Rückkehrer wurden mit einem regelrechten Sozialprogramm umsorgt.

Einfache Antworten von den Rechtspopulisten

Was ist jetzt zu tun? Bei den Politikern bleibt Ratlosigkeit. Integrationsministerin Inger Støjberg von der Regierungspartei Venstre sagt: Selbst wenn man die Moschee in Aarhus nun schließe, seien die Prediger ja immer noch in Dänemark. Die Behörden sollten nun die Aufenthaltstitel der betreffenden Imame prüfen, ordnete die Ministerin hilflos an - sagte aber gleich dazu, davon erwarte sie sich nicht viel.

Beinahe "wie ein Reisebüro des 'Islamischen Staates'" funktioniere die Aarhuser Grimhøj-Moschee, so der konservative Parlamentsabgeordnete Naser Khader, der 2006 die Organisation "demokratische Muslime" gründete. Es müsse geprüft werden, ob und wie das Gebetshaus verboten werden könne. Man müsse es den Radikalen so schwierig wie möglich machen, Platz für ihre Ansichten zu finden, so Khader im Radio.

Einfache Antworten hat wieder einmal nur die rechtspopulistische Dänische Volkspartei. Sie fordert nach den Enthüllungen: Die muslimische Zuwanderung nach Dänemark müsse gestoppt werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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opinio... 07.03.2016
1. Toleranz
kaschiert manchmal eben nur Bequemlichkeit. Hassprediger gibt es schon seit Jahrzehnten in Europa. Mit Meinungsfreiheit wurde argumentiert und man hat sie gelassen. Beim Säen von Hass sollte die Freiheit aufhören!
petra.blick 07.03.2016
2. Reden ist silber, predigen ist gold !
Diese über Jahrhunderte entwickelte Freiheit kommt den Mensche zu Gute die sie am wenigsten respektieren. Das System wird benutz von Programmen, die nicht dafür gedacht waren und diese zerschiessen unseren gesellschaftliche Prozessor.
ulli7 07.03.2016
3. Radikale Imame - nur in Dänemark?
In Deutschland scheint das Problem offenbar nicht zu existieren nach dem Motto: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!"
SvenMeier 07.03.2016
4. Die Radikalen haben es halt immer einfacher
Ob radikaler Imam, AfD'ler oder NPD'ler: Sie nutzen unsere Freiheit aus :(. Da hilft nur Aufklärung, alles andere führt uns in die Diktatur.
archivdoktor 07.03.2016
5. Intoleranz
Wie sagte schon Saint Just (1789): Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten. Dieser Satz ist auch heute noch gültig.
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