Dalai Lama auf US-Tournee "Ich kann Ihnen gar nichts bieten, nur Blablabla"

Dalai Lama Superstar: Seit zweieinhalb Wochen tourt der sanfte Tibeter durch die USA. Jetzt kamen Tausende in den Central Park. Sie hörten seine Friedensbotschaft, lauschten fasziniert den fernöstlichen Weisheiten und lachten über die entwaffnende Selbstironie des buddhistischen Mönchs.

Von , New York


New York: Tausende kamen zum Dalai Lama
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New York: Tausende kamen zum Dalai Lama

New York - Als zum ersten Mal lauter Beifall aufbrandet, hat der Dalai Lama schon 20 Minuten geredet. Zwei, drei Mal hat das Publikum über seine Witze gelacht, es gab höflichen Applaus für Abstraktheiten zum Wesen des Glücks. Jetzt aber zieht er die Zuhörer wirklich in seinen Bann - denn der Dalai Lama spricht über Frieden und Krieg. "Die ganze Idee des Krieges passt nicht mehr in unsere Zeit", sagt er, und die Zuhörer jubeln. "Wer in der heutigen Welt seinen Nachbarn zerstört, zerstört auch einen Teil von sich selbst."

Es ist halb Eins am Mittag, und auf der Ostwiese im Central Park sieht es aus wie bei einem Rockkonzert. Viele Tausende drängen sich vor Absperrgittern, haben Decken zum Sitzen ausgebreitet. Nicht nur Meditationsbewegte und tibetanische Mönche, auch Studenten, Ehepaare mit Kindern - sie alle sind gekommen, um den Dalai Lama beim letzten Auftritt seiner dreiwöchigen US-Tour zu sehen. Zwei Großleinwände stehen neben der Bühne, ohne sie wäre der kleine Mönch kaum zu erkennen. "Ich kann Ihnen gar nichts bieten, nur Blablabla", hatte er sein Publikum am Anfang gewarnt. Das lachte nur über so viel Bescheidenheit.

"Je mehr wir sind, desto lauter die Botschaft"

Es ist die 15. US-Reise des tibetanischen Führers, aber noch nie hat er so viele Zuhörer angelockt wie diesmal. "Ein asketischer Superstar" titelte ein Magazin im Internet. In Boston kamen 14.578 Zuhörer in die Basketball-Arena - ausverkauft. In Cambridge stellten sich die Ersten um ein Uhr nachts in die Schlange, um Karten zu ergattern. In Washington füllte der Dalai Lama die National Cathedral, 3000 weitere Besucher hörten die Live-Übertragung vor ihren Türen. Auch bei eBay wurden Tickets angeboten. Der Dalai Lama habe einen neuen Höhepunkt seines Ruhmes erreicht, urteilte die "New York Times".

Die meisten im Central Park sehen den 68-Jährigen zum ersten Mal. Peter Nicolle ist einer von ihnen - und an diesem Sonntagmorgen extra um Sieben aufgestanden, um von New Jersey aus anzureisen. "Der Dalai Lama ist ein Mann des Friedens" sagt er, und andere äußern sich ähnlich. "Der Dalai Lama zeigt uns, dass wir den Frieden wählen müssen, um zu überleben", findet Janet McCann, eine katholische Nonne aus Harlem. "Hinterher wird man zählen, wie viele Leute hier waren", sagt Elara Tanguy. "Je mehr wir sind, desto lauter unsere Botschaft für den Frieden." So wird der Dalai Lama, fünf Monate nach dem offiziellen Ende des Krieges im Irak, für viele zu einer Symbolfigur.

Selbstzweifel eines Pazifisten

Gut anderthalb Wochen ist es her, dass der sanfte Tibeter auch die US-Hauptstadt besuchte. Er sprach vor dem Repräsentantenhaus, traf Außenminister Colin Powell - und dann den obersten Kommandeur der US-Truppen. Bei diesem Treffen mit George W. Bush, das wurde hinterher gestreut, sei es auch um das Thema Irak gegangen. Was genau der Friedensnobelpreisträger zu sagen hatte, wurde nicht mitgeteilt. Vorrangig sei es ohnehin um die Tibet-Frage gegangen, berichtete der Präsidentensprecher Scott McClellan.

New York: Der Dalai Lama grüßt seine Anhänger
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New York: Der Dalai Lama grüßt seine Anhänger

In früheren Erklärungen zum Irak hat der Dalai Lama sogar gewisses Verständnis für den Kriegseinsatz durchscheinen lassen. Manchmal sei es nötig, Terroristen mit Gewalt zurückzuwerfen, sagte er vor einer Woche der Nachrichtenagentur AP - auch wenn langfristig nur "Mitgefühl und Dialog" als Gegenmittel taugten. Ob der Krieg im Irak ein Fehler war, könne er noch nicht sagen, "das wird die Geschichte entscheiden". Der Einsatz in Afghanistan sei womöglich gerechtfertigt gewesen, "eine Art von Befreiung." Manche Kriege, so wie der in Korea und der gegen Hitler, hätten mehr Übel ausgelöscht als angerichtet.

"Was wird Richard Gere dazu sagen?"

Mit diesem Vergleich hat der Dalai Lama einige Anhänger vor den Kopf gestoßen. "Es überrascht mich, dass er das gesagt hat", bekennt Shamim Alllen-Bailey, die mit ihrem Mann in den Park gekommen ist. "Ich finde, ein 'gerechtfertigter Krieg' ist ein Widerspruch in sich."

Rechts orientierte Medien wie "NewsMax" stürzten sich mit Freude auf die Zitate. "Dalai Lama für hartes Durchgreifen gegen Terrorismus", titelte das Magazin im Internet und spottete: "Was wird bloß Richard Gere dazu sagen?" Eine jüdische Interessengruppe behauptete, der Dalai Lama habe auch das Recht Israels anerkannt, mit Gewalt gegen Palästinenser vorzugehen.

In Central Park aber kommen die Pazifisten auf ihre Kosten. Ausdrücklich lobt der Dalai Lama die Friedensproteste vor dem Krieg. Dann übt er Selbstkritik: Im Frühjahr sei er gebeten worden, nach Bagdad zu reisen, um ein Zeichen zu setzen. Damals habe er sich gedacht "Was soll ein einzelner Mönch schon erreichen?" In Zukunft aber wolle er versuchen, eine aktivere Rolle spielen. Er wolle auf andere Friedensnobelpreisträger zugehen, auf Männer wie Vaclav Havel, Nelson Mandela und Jimmy Carter. "Immer, wenn es irgendwo eine Krise gibt, sollten wir dorthin fahren und Kompromisse suchen", sagt der Dalai Lama: "Wir werden die Menschheit vertreten und den Krieg vielleicht abwenden, das ist mein Wunsch."

"Tugendhafte Wut"

Der Dalai Lama ist bewusst im in diesem Monat in die USA gekommen. Die Reise, die am 5. September in San Francisco begann, sollte mit dem zweiten Jahrestag der Terroranschläge zusammen fallen. Am 11. September beging er eine Gedenkzeremonie in Washington DC. Auch am Ende seiner Rede in New York erinnert er an die "schreckliche Tragödie". Dann betet er auf Tibetanisch, um an die Toten zu erinnern. Sein Appell an die New Yorker aber heißt: "Werdet kein Opfer von Rachsucht und Groll".

Es ist kurz nach Eins, als der die Menschenmassen den Park verlassen. Studenten mit "Free Tibet"-T-Shirts laufen herum und sammeln Unterschriften. Freiwillige verteilen Flugblätter für Meditationstreffen. "Die sind kostenlos", rufen sie.

Zumindest einen im Park hat die Botschaft des Friedens nicht überzeugt. Kevin Kenny steht noch immer nahe der Bühne, er trägt eine Baseball-Mütze mit Sternenbanner darauf. "Der Dalai Lama hat mich fast zu Tränen gerührt", bekennt er, meint aber das Gebet für die Opfer des 11. September. Mit den Aussagen über den Krieg stimme er nicht überein. "Ich bin kein Pazifist". Verhandlungen allein taugten oft nichts, Tibet sei ein Beispiel dafür. Nach den Terror-Attacken habe Amerika durchgreifen müssen, auch und gerade im Irak.

Kenny findet: "Es gibt so etwas wie tugendhafte Wut."



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