Dan Diner zur Nahost-Krise "Deshalb spielt Israel verrückt"

Die Nahost-Krise wird immer blutiger, Israel und Hisbollah stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Historiker Dan Diner, warum Israel mit solcher Härte und Unberechenbarkeit gegen die Extremisten zu Felde zieht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Diner, was für einen Konflikt erleben wir gerade im Nahen Osten: Einen zwischen Israel und der Hisbollah, Israel und dem Libanon oder Israel und der arabischen Welt?

Der Historiker Dan Diner, 60, leitet das Simon-Dubnow-Institut in Leipzig und lehrt Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt."
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Der Historiker Dan Diner, 60, leitet das Simon-Dubnow-Institut in Leipzig und lehrt Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt."

Diner: Er ist jedenfalls mehrschichtig. Im Kern des Konflikts steht aber zunächst eine neue Konstellation israelischer Politik. Die aktuelle Regierung ist erklärtermaßen bereit, die besetzen Gebiete - Grenzkorrekturen eingeschlossen - aufzugeben. Aber gerade aus diesem Grund ist für sie das Element der Abschreckung umso wichtiger geworden. Die Verletzung einer Liniengrenze bedeutet eine existentielle Bedrohung des Gemeinwesens. Das sind keine besetzen Gebiete.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen also, Israels Hauptziel im Libanon ist es, das Abschreckungspotential aufrechtzuerhalten?

Diner: Es aufrechtzuerhalten und zu bestätigen. Diese Regierung verteidigt mit diesem Krieg gewissermaßen die Grenzen von 1948. An die Stelle der räumlichen Tiefe - so wie einst in Gaza und noch in der Westbank - ist im Falle von Rückzügen eine noch größere israelische Bereitschaft zur Gewaltanwendung bei jedweder Verletzung einer Liniengrenze getreten. Man könnte sagen: Je mehr Israel sich in Richtung der Grenzen von 1948/49 zurückzieht, desto größer wird seine Bereitschaft, diese Grenzen bei Verletzung aus Gründen der Abschreckung unter demonstrativer Gewaltanwendung zu bestätigen. Nicht unähnlich dem Krieg von 1967. Sechs Tage lang handelte es sich um einen Abschreckungskrieg. Am siebten Tage schlug er in Besatzung um. Das ist übrigens der Irrtum von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Er handelte bei der jüngsten Entführung noch aus dem Geist der neunziger Jahre heraus, ohne zu erkennen, dass nach dem israelischen Rückzug aus Gaza auch der bereits 2000 erfolgte Rückzug aus dem Südlibanon anders und somit auch schärfer gesehen wird. Die Auseinandersetzung hat für Israel nunmehr einen prinzipiellen Charakter angenommen. Das Land handelt, als stünde seine gesamte Existenz auf dem Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Müsste Israels Vorgehen sich dann aber nicht viel stärker auf die Hisbollah und weniger auf die zivile Infrastruktur des Libanon richten, schließlich hat nicht die libanesische Armee angegriffen, sondern die Hisbollah zwei Soldaten entführt?

Diner: Das ist richtig. Aber Israel führt diesen Krieg im Wesentlichen aus der Luft, nicht auf dem Boden. Da kann es sich nur um strategische Ziele wie Straßen, Flughäfen und Brücken handeln. Dabei hämmert Israel ohne Amboss, denn die libanesische Regierung ist kein relevanter Adressat. Sie kann nicht handeln, weil der Libanon eine Konkordanz-Demokratie ist und die Hisbollah Teil der Regierung. Sie hat nur die Wahl, die Schläge einzustecken - oder sich der Gefahr eines Bürgerkrieges auszusetzen. Aber der Bürgerkrieg ist das große libanesische Trauma. Er versetzt die Libanesen in noch größere Furcht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Syrien, Iran und die übrigen Staaten der Region in dem Konflikt?

Diner: Das ist die nächst höhere Ebene des Konflikts. Durch die Region verläuft eine Spaltung: Von den Überresten der Ideologie des Arabismus bestimmte Kräfte stehen den durch die Islamisierung geprägten Kräften gegenüber, die keinen Unterschied zwischen Arabern und Nichtarabern machen. So haben Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien etwa deutlich gemacht, dass sich die Hisbollah das israelische Vorgehen selbst zuzuschreiben hat. Das ist kein Zufall, denn diese Länder sehen die Hand Teherans im Spiel, das sich als Regionalmacht aufzubauen sucht. Das wird bei den Arabern nicht gerne gesehen. Syrien hingegen, obschon erklärtermaßen arabisch-nationalistisch-säkular, macht aus rein opportunen Gründen mit den Iranern gemeinsame Sache. Das Damaszener Regime steht mit dem Rücken zur Wand und wird jede Gelegenheit ergreifen, seine Existenz zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Die Achse Teheran-Damaskus verschärft die Krise also potentiell?

Diner: Im Endeffekt gibt es eine Art politischen "Tunnel", der von Iran über Syrien zur Hisbollah und sogar bis zur Hamas beziehungsweise zu Teilen von ihr führt. In Israels Strategie scheint es nun offensichtlich zu liegen, die Hisbollah zu schlagen und Syrien vor die Wahl zu stellen, die Hisbollah zu unterstützen - und dabei selbst in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Ein solcher Fall träte vermutlich ein, wenn etwa auf dem Damaszener Flughafen iranischer Raketennachschub für die Hisbollah eingeflogen würde. Israel würde dann dagegen vorgehen und der Konflikt wäre so eskaliert. Dann müsste wiederum Iran Farbe bekennen und zeigen, ob er zu seinem Wort steht und Syrien und der Hisbollah aktiv beisteht.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten es also für möglich, dass der Konflikt sowohl auf Syrien als auch Iran ausgreift?

Diner: Israel nimmt das jedenfalls bei seinem Vorgehen in Kauf. Auch eine Konfrontation mit Iran, vielleicht unter dem Gesichtspunkt: Lieber jetzt als später. In diesem Fall wäre allerdings kein klassischen Krieg in Sicht - wohl eher ein Vorgehen aus der Luft, möglicherweise gekoppelt mit einem Raketen-Schlagabtausch zwischen Iran und Israel. Von der Logik der Eskalation her ist das drin. Aber gegenwärtig sehr wenig wahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir an, der Konflikt bleibt weiter lokal. Wann und wodurch könnte er denn im besten Fall wieder beendet werden?

Diner: Es gibt kein konkretes militärisches Ziel, dass Israel erreichen müsste, um seine verloren geglaubte Abschreckungsfähigkeit wieder zu gewinnen. Israel spielt im Moment einfach das Image aus, das es in der Region ebenso hat und gefürchtet wird: Es spielt gleichsam verrückt - mit dem Ergebnis gesteigerter Abschreckungsfähigkeit. Seine Feinde sollen geradezu davon überzeugt werden, dass Israel ein verrückter, ja, ein durchaus unberechenbarer Staat ist.

SPIEGEL ONLINE: Hat internationale Vermittlungspolitik in dieser Konstellation eine Chance?

Diner: Das kann ich mir gegenwärtig nicht recht vorstellen. Seit 1990 ist die Region davon geprägt, dass die Regulierungen des Kalten Krieges zusammengebrochen sind. Nur die USA könnten so etwas wie Einfluss ausüben, vermitteln aber nicht gerade den Eindruck, sie hätten solches vor. Oder aber sie können auch nicht. Wahrscheinlich hat es von beiden etwas.

SPIEGEL ONLINE: Kurz nach den ersten Angriffen auf die Hisbollah erklärte Iran im Atomkonflikt, ein Kompromiss mit dem Westen sei vorstellbar. Vermuten Sie einen Zusammenhang?

Diner: Zunächst hat man den Eindruck, dass Iran mittels der Entführungen israelischer Soldaten bei Gaza und in Nordisrael dem Westen und der Welt zeigen wollte: Sehr her, wir können die Region auch in Flammen setzen! Denn die Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah zu ebenjenem Zeitpunkt fand wohl kaum ohne Einfluss oder tätiges Zutun Teherans statt. Die Folge: Jetzt haben die G8-Führer in St. Petersburg fast nur über den Nahen Osten und nicht über das iranische Nuklearprogramm gesprochen. Jedenfalls verdunkelten die Rauchschwaden im Libanon jede darüber hinausgehende Sicht.

SPIEGEL ONLINE: Israels Luftschläge im Libanon haben bereits zahlreiche zivile Opfer gekostet, vermutlich weit mehr als Hisbollah-Kämpfer. Ist das ein Problem für die Legitimation des israelischen Gegenschlags?

Diner: Natürlich, keine Frage. Aber das liegt vor allem daran, dass die Hisbollah erst in zweiter Linie Israels Ziel ist. An erster Stelle steht die Demonstration der Abschreckung. Ohne die gibt es kein Zurück zu den Gewissheiten der Liniengrenzen und damit auch keinen Abzug aus den besetzen Gebieten.

Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Yassin Musharbash



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