Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Riskanter Militäreinsatz: Das droht Russland in Syrien - und in der Heimat

Eine Analyse von

DPA

Ob er weiß, was er da tut? Russland mischt in Syrien mit - für Machthaber Putin ein unkalkulierbares Risiko. Gefahren drohen nicht nur in dem Bürgerkriegsstaat. Auch die innere Sicherheit ist betroffen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Zum Autor
REUTERS
Christian Neef schreibt seit über 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt.

E-Mail: Christian_Neef@spiegel.de

Mehr Artikel von Christian Neef

Wer am Mittwoch das russische Fernsehen einschaltete und noch Erinnerungen an sowjetische Zeiten hat, der konnte sich das Schmunzeln kaum verkneifen. Dabei war das Thema ernst genug.

Stunden zuvor hatten die russischen Luftangriffe in Syrien begonnen, und jetzt wurden im 1. Fernsehkanal die Vorsitzenden aller Parlamentsparteien, die Vorsteher der religiösen Gemeinschaften und natürlich alle Gouverneure der russischen Provinzen mit muslimischem Bevölkerungsanteil nach ihrer Meinung befragt - der Statthalter in Baschkirien, der in Tatarstan und natürlich auch Ramsan Kadyrow, der Boss von Tschetschenien.

Alle schauten staatsmännisch in die Kamera und sprachen sich mit immer denselben Worten für die Militäraktion aus. Jeder billigte uneingeschränkt den Schritt Putins, der sei unausweichlich gewesen und im Gegensatz zu den Aktionen des Westens vom Völkerrecht gedeckt, und natürlich stehe das russische Volk hinter seinem Präsidenten.

Es war das Prozedere, das die sowjetische Parteiführung früher gern benutzte, wenn sie eine ihrer einsamen Entscheidungen im Nachhinein vom Volk gebilligt haben wollte. Es fehlte nur, dass im Zentrum Moskaus Gruppen von "Werktätigen" aufmarschierten, um ihre Begeisterung für den Kreml-Führer zum Ausdruck zu bringen.

Fotostrecke

9  Bilder
Angriffe in Syrien: Wen bombardiert Russland wirklich?
Selbstverständlich vergaß keiner der Interviewten zu erwähnen, die russische Militärhilfe sei "auf Bitten des syrischen Präsidenten" erfolgt, und spätestens da stellten sich bei den Älteren unschöne Erinnerungen ein. Natürlich hinken historische Vergleiche. Aber mit genau dieser Formel rechtfertigte die Kreml-Führung 1956 die Niederschlagung des Volksaufstandes gegen den ungarischen Diktator Mátyás Rákosi, 1968 den Einmarsch in die Tschechoslowakei und 1979 das Einrücken sowjetischer Truppen in Afghanistan.

In den beiden ersten Fällen gelang es, die alten Regime mit militärischen Mitteln zu halten. Im dritten Fall entwickelte sich ein zehnjähriger blutiger Krieg, der für die Sowjetunion mit einer krachenden Niederlage und etwa 15.000 Toten endete.

Gegen das militärische Eingreifen in Afghanistan - so viel zumindest ist heute bekannt - hatten sich damals zwei hochrangige sowjetische Politiker und Militärs ausgesprochen: Ministerpräsident Alexej Kossygin und Generalstabschef Nikolai Ogarkow. Dass es bei Putins Entscheidung, dem syrischen Diktator Baschar al-Assad unter die Arme zu greifen, keine Warnungen innerhalb der russischen Führung gab, ist unwahrscheinlich - auch wenn der Korpsgeist im innersten Kreml-Zirkel heute noch stärker zu sein scheint als zu kommunistischen Zeiten. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob man Außenminister Sergej Lawrow wirklich zu den Anhängern der russischen Bombardements zählen darf.

Hinter den Kulissen ist das Bild ein anderes

Die Einstimmigkeit, die Putin in seinem Fernsehen vorführen lässt, sollte also nicht für bare Münze genommen werden. Hinter den Kulissen ist das Bild ein anderes. Im Massenblatt "Moskowski komsomolez" machte sich Kolumnist Michail Rostowski darüber lustig, wie der russische Föderationsrat, "das weltweit unabhängigste Parlament", in wenigen Minuten den "Freibrief für Putins Eingreifen in Syrien abstempelte". Und ihm damit erlaubte, in den Bürgerkrieg einzugreifen, obwohl noch nicht mal der Konflikt mit der Ukraine beendet ist. Er könne nur hoffen, dass Putin wisse, was er da tue, so Rostowski.

Spricht man mit russischen Politikern und Experten über Russlands neues Militärabenteuer, führen sie gleich fünf Befürchtungen auf:

  • Es ist nicht ausgeschlossen, dass der "Islamische Staat" mit einer "asymmetrischen Antwort" auf das russische Eingreifen reagieren wird - mit großen Terrorakten auf russischem Territorium. Schwerfallen dürfte ihm das nicht, es stehen genügend Hilfstruppen im russischen Kaukasus und in Zentralasien bereit, den früheren mittelasiatischen Sowjetrepubliken.
  • Auch die russischen Luftschläge könnten sich als ineffektiv erweisen. Die Amerikaner bombardieren seit über einem Jahr den IS - warum sollte Putin schaffen, was Obama bisher nicht gelang: die Fundamentalisten auf ihrem Vormarsch zu stoppen? Das Problem wird dadurch noch größer, dass der Kreml zu Hause eine Riesenerwartung schürt. 7000 Luftangriffe habe die Nato über Syrien bereits geflogen, machte sich die "Komsomolskaja prawda" über den Westen lustig. Alles für die Katz. Das werde sich mit Russlands Eingreifen ändern.
  • Erstmals seit dem Korea-Krieg Anfang der Fünfzigerjahre agieren russische Militärs wieder in einem Land, in dem auch die Amerikaner militärisch intervenieren. Die Gefahr, dass beide Großmächte aufeinanderstoßen und es zu gefährlichen Missverständnissen kommt, sich ihre Jagdbomber möglicherweise gegenseitig abschießen, ist groß.
  • Indem Moskau nun rückhaltlos Assad unterstützt, droht ihm ein Bruch mit den sunnitischen Staaten in Nahost, vor allem mit Saudi-Arabien, Jordanien und den Arabischen Emiraten. Wohl wissend um dieses Problem hatte Putin diese Länder in den letzten Wochen intensiv umworben, sich mit dem Kronprinz von Abu Dhabi und dem jordanischen König getroffen und im September zweimal mit dem saudischen König Salman telefoniert. Der hatte für den Herbst sogar einen Besuch in Moskau avisiert - die Visite dürfte nun wohl ausfallen. Denn die Saudis sind empört, auch Israelis und Türken befremdet. Putins großes Ziel von einer "Anti-Terror-Koalition" war also von Anfang unrealistisch, und er wusste das auch. Russland hat im Nahen Osten jetzt mehr Feinde als je zuvor.
  • Schließlich: Der zeitweilige Fall von Kundus zeigt, dass die Islamisten auch in Afghanistan wieder neue Hoffnung schöpfen. Dass sie strategisch wichtige Punkte im Norden zurückerobern, unweit der tadschikischen Grenze, betrifft Russland unmittelbar: Die Ex-Sowjetrepubliken in Zentralasien sind militärisch schwach, bei weiteren Erfolgen der Islamisten wird Moskau sie militärisch stützen müssen - schon um die eigenen Grenzen zu sichern.

Putin setzt mit seinem Syrien-Abenteuer also viel auf eine Karte: nicht nur Russlands Reputation, sondern auch die Sicherheit seines Landes. Und das alles, obwohl er selbst nicht absehen kann, wie das Unternehmen für ihn ausgehen wird.

Wenige Tage vor dem Start der ersten russischen Bomber traf ich den russischen Experten Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie Center, der zu sowjetischen Zeiten selbst als Spezialist in Nahost im Einsatz war. Sollte Russland militärisch in Syrien eingreifen?, fragte ich ihn. Als Retter Europas und des Nahen Ostens auftreten zu wollen, den Krieg zu stoppen und das dann als Geschenk der Weltgemeinschaft darzubieten - das wäre ein Fehler, antwortete er. Und fügte hinzu: "Ja sogar eine Riesendummheit", Russlands Establishment unterstütze diesen Coup nicht. "Es wäre der nächste Eingriff in einen Bürgerkrieg. Nach unserem Einmarsch in Afghanistan ist die Sowjetunion zerfallen."

Ob Putin das genauso sehe, fragte ich ihn an jenem Tag. Das sei eine andere Frage, so Malaschenko: "Dieser Präsident ist unberechenbar."

Wie recht er hatte, hat sich diese Woche wieder gezeigt.


Zusammengefasst: Russland ist in den Syrien-Krieg eingestiegen. Für Putin ist das Risiko groß. Es drohen Racheaktionen der Islamisten - auch im eigenen Land. Außerdem könnte es zu gefährlichen Missverständnissen mit den USA kommen. Schließlich noch die Frage: Wie aussichtsreich ist ein Engagement in dem Land überhaupt? In der Heimat gibt es reichlich kritische Stimmen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 247 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naja...
Biraso 03.10.2015
Syrien, Ägypten, Lybien, Iran, die Perschmerga und scheinbar auch die chinesen unterstützen das vorhaben Russlands. Sie mobilisieren alle und wollen demnächst mit der Erlaubnis der Syrischen Regierung dem Land militärisch zur Seite stehen, so quellen von Annonymus(Denn kann man schon glauben). Eine kleine Allianz sieht anderes aus udn wenn sich die Infos von Annonymus als wahr herausstellen werden bis November 50.000 Soldaten die die Syrische Regierung unterstützen in Syrien stationiert sein. Russland mit Überlegener Militärtechnik und massig an Rüstung + zehntausende bodensoldaten die damit ausgerüstet sind... Sind ziemlich gute Karten um dem IS und den Systemgegngern(Gemäßigte Rebbelen, Syrische Opposition, Al-nusa Front und IS) in den aller wertesten zu treten, ach was sage ich da, sie in den boden zu stampfen. Ma schauen, ich bin auf jedenfalls gespannt was da unten alles passieren wird und hoffe das beste für unseren jetzigen Syrischen Mitbewohner hier in Deutschland und in allen anderen Ländern.
2. Sieht nach Angst aus
Fred Widmer 03.10.2015
Sieht für mich nach großer Angst des Westens aus: könnte vielleicht Rußland die von den USA unterstützten Terroristen vernichten? Egal, was die Russen machen: besiegen sie die Terroristen - klagen wir, sie hätten "Zivilisten" oder "Demokraten" getötet; erreichen sie nichts, frohlocken wir: "wie immer macht der Russe alles schlimmer". Was nicht gesehen wird: Assad will den inzwischen zu starken Einfluß der Teheraner Militärs in Syrien zurückdrängen, dafür braucht er Moskau. Außerdem hat er den "gemäßigten Kräften" Verhandlungen und Frieden angebotebn (heute). Das ist natürlich alles keiner Erwähnung wert. Und wenn, dann ist es ein "böser Trick" Assads ...
3.
big t 03.10.2015
Warum er das macht? Weil er im Gegensatz zu den "Westmächten" wenigstens versteht wie der mittlere Osten funktioniert. Weil es keine vernünftige Alternative zu Assad gibt. Weil er international damit vor den dummen Amis 1A dasteht. Weil die deutsche Regierung und der Spiegel insbesondere noch immer absolut nicht verstanden haben, worum es geht. Weil die gemäßigten Rebellen der IS sind. Weil auch die saudischen Herrscher lieber Assad als den IS haben, während die saudische Oberschicht den IS unterstützt. Weil es im mittleren Osten nicht um Demokratie geht, denn es gibt keine demokratischen Kräfte, kein gebildetes Bürgertum (mehr, das haben die USA in den letzten Jahrzehnten ausgerottet und zur flucht gezwungen). WEil ohne Mittelschicht keine gewählte REgierung handlungsfähig sein kann und deswegen nur wieder neue Extremisten an die Macht kommen, siehe sogar 1927ff in Deutschland. Wegen all dieser Gründe macht Putin das (derzeit) "richtige", einen "stabilen" Herrscher unterstützen der aus einer Minderheitsposition (Schiiten/Alawiten) regiert und deswegen durch Druck von außen gelenkt werden kann.
4. Luftangriffe werden Putin innenpolitisch eher stärken
Nils Drolenberger 03.10.2015
Solange Putin nur Luftschläge durchführt und die syrische Regierung militärisch unterstützt glaube ich nicht das es Russland schaden wird. Schließlich bombardiert die Koalition auch Syrien und ist somit auch der Gefahr von Anschlägen ausgesetzt. Solange keine russischen Bodentruppen zum Einsatz kommen, glaube ich nicht, dass die Stimmung in Russland kippt. Hinzu kommt, dass Russland völkerrechtlich gesehen im Gegensatz zur Koalition die Erlaubnis der legitimen syrischen Regierung hat Luftschläge durchzuführen. Das diese Regierung keine europäisch demokratischen Standards erfüllt beeinflusst das Völkerrecht erstmal nicht.
5. kalkuliertes Risiko
gigi76 03.10.2015
Die Hinweise sind berechtigt, aber ein gewisses Risiko muss man in Kauf nehmen. Was ist die Alternative? Assad wird von islamistischen Rebellen gestürzt, die Alewiten vertrieben und ermordert, der IS wird noch stärker? Man macht sich nicht nur Freunde, wenn man etwas bombardiert, besonders nicht bei den Staaten, die offensichtlich die Rebellen unterstützen. Ich finde es immer falsch, etwas zu verurteilen, wenn man selbst keinen besseren Vorschlag hat.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: