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Das neue Ägypten: Die Erben Mubaraks

Von , Juliane von Mittelstaedt und Volkhard Windfuhr

Wer wird Mubaraks Nachfolger in einem demokratischen Ägypten? Der im Westen bekannte Mohamed ElBaradei ist nur ein Außenseiter. Große Chancen rechnet sich Amr Mussa aus, Generalsekretär der Arabischen Liga. Und welche Rolle werden die Ikonen der jugendlichen Revolutionsbewegung  spielen?

Ägypten: Wer kommt nach dem Pharao? Fotos
REUTERS

Es war der Tag vor Mubaraks Sturz. Amr Mussa, der Generalsekretär der Arabischen Liga, konnte nur schwer verbergen, dass er gerne der nächste Präsident Ägyptens werden möchte. "Wenn der Ruf kommt, und wenn er klar ist, bin ich bereit, dem Land zu dienen, in welcher Funktion auch immer", sagte Amr Mussa dem SPIEGEL. Auf die Nachfrage, ob er als Präsident antreten werde, sagte er: Das wisse er noch nicht. Auch nicht, ob er eine eigene politische Partei gründen werde.

Nach Mubaraks Sturz ließ er die Zurückhaltung schnell fallen. Noch am Freitagabend kündigte er an, dass er sein Amt bei der Arabischen Liga im März auslaufen lassen wolle. Und am Montag sagte er dem Nachrichtensender al-Arabija: Ja, er wolle Präsident werden.

Amr Mussa hat dafür von allen möglichen Kandidaten die besten Chancen. Es gibt kaum einen ägyptischen Politiker, der es an Popularität und Charisma mit ihm aufnehmen kann. Ein Mitglied der jungen Generation, die Mubarak verjagt hat, ist er mit seinen 74 Jahren aber nicht. Er ist auch kein unverbrauchtes Gesicht. Er begann als Karrierediplomat und diente Mubarak zehn Jahre lang als Außenminister. In diesem Amt erwarb er sich hohes Ansehen in der Bevölkerung und verschaffte Ägypten wieder außenpolitisches Gewicht.

Seit 2001 ist er Generalsekretär der Arabischen Liga - einer Organisation, die 22 Staaten vertritt, und sich vor allem durch ständige Uneinigkeit auszeichnete. Trotzdem blieb Mussa populär, vor sechs Jahren wurde er bereits einmal als Präsidentschaftskandidat gehandelt - aber er wollte es sich mit Mubarak nicht verscherzen.

Wie die meisten Mitglieder der ägyptischen Elite hielt sich Mussa in den Wochen und Tagen vor dem Sturz Mubaraks mit eindeutigen Stellungnahmen zurück. Das Hauptquartier der Arabischen Liga befindet sich in Kairo direkt am Tahrir-Platz, auf dem 18 Tage lang demonstriert wurde, und dort harrte Mussa aus - hinter einem eigenen Armee-Checkpoint, hohen Mauern und Toren, die mit Ketten gesichert sind. Er war in der ganzen Zeit nur zweimal auf dem Platz, berichtete er dem SPIEGEL am Tag vor Mubaraks Sturz. Einige riefen: "Wir wollen dich als Präsident!"

Er sei sehr stolz auf die jungen Leute, sagte er. Aber Mubaraks sofortigen Rücktritt mochte er selber nicht fordern. "Mubarak hat sich ja bereits entschieden, nicht wieder anzutreten", sagte er. "Das ist der Anbruch einer Übergangsperiode. Ein Wind des Wandels fegt durch die arabische Welt." Er sei schon auf die Zukunft konzentriert: "Ich will eine tiefgehende Demokratie, keine oberflächliche. Nicht einfach nur eine Kamera, ein Wahlbox und jemanden, der Zettel reinwirft. Weil wir es brauchen, nicht weil der Westen es braucht."

Die zögerliche Haltung gegenüber Mubarak hat Mussas Beliebtheit bei vielen Demonstranten gemindert, sie sehen ihn als Vertreter der alten Garde. Doch bei der Mehrheit der Ägypter genießt er Respekt. Zwar hatte er immer enge Verbindungen zum Regime, an ihm blieb dennoch nichts hängen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er im neuen Ägypten eine führende Rolle einnehmen wird.

Ganz im Gegensatz zu Mohamed ElBaradei, dem ehemaligen Generalsekretär der Internationalen Atomenergie-Agentur. Der genießt im Westen höchste Bekanntheit, gilt in Ägypten selbst allerdings als Außenseiter, weil er lange außer Landes lebte.

Muslimbrüder mit begrenztem Potential

Die Zeit nach Mubarak hat gerade erst begonnen, und auch die neue Parteienlandschaft formiert sich gerade erst. Es ist klar, dass die Muslimbrüder eine wichtige Rolle spielen werden - die islamistische Bewegung hat mehr als eine Million Mitglieder, ist hervorragend organisiert, sie ist als eine der wenigen Oppositionskräfte jetzt bereits im Parlament vertreten, und sie hat gerade angekündigt, eine Partei gründen zu wollen.

Vor den Muslimbrüdern und ihrem Anführer Mohammed Badia fürchtet sich der Westen, doch sie spielten beim Sturz Mubaraks keine entscheidende Rolle, und viele Experten halten ihr Wählerpotential für begrenzt. In Mubaraks Ägypten war die Bruderschaft die einzige starke Opposition, daraus zieht sie ihre Glaubwürdigkeit, und so profitierte sie letztlich gar vom System. Könnte in einer echten Demokratie mit vielen Parteien ihr Einfluss gar zurückgehen?

In den nächsten Wochen muss die ägyptische Demokratie erst einmal in Gang kommen, es werden sich neue Bündnisse formieren. Es könnte einen linksnationalistischen Block mit den Anhängern von General Gamal Abd al-Nasser geben, die heute in drei Parteien zersplittert sind. Es könnte einen liberalen Block geben, um das Bündnis Kefaya oder die traditionsreiche liberalnationalistische Wafd-Partei.

Aber welche Rolle sie und selbst die bekannten Oppositionspolitiker spielen werden, ist unklar. Zu ihnen gehören Aiman Nour, den Mubarak 2005 verhaften ließ, oder George Ishak, Anführer des liberalen Bündnisses Kefaya. Doch sie alle waren es nicht, die Mubarak stürzten. Es war eine politisierte, extrem vernetzte Jugend, deren Köpfe erst in den letzten Wochen bekannt wurden.

Werden sie auch antreten und für politische Ämter kandidieren? Es sind Leute wie Ahmed Mahir, der die Jugendbewegung 6. April mitgegründet hatte - oder Wael Ghonim, der auf Facebook die Gruppe "Wir sind alle Khaled Said" begründete, die eine wichtige Rolle am Anfang der Revolution spielte. Ghonims Fernsehauftritt am Dienstag vergangener Woche, in dem er von seiner Inhaftierung und seinem Kampf für Ägypten berichtete, war es, der die Protestbewegung wiederbelebte.

Noch verneint Ghonim, dass er ein politisches Amt suche. Aber was ist, wenn die jugendlichen Anführer der Revolution antreten, welche Rolle werden sie spielen?

Die Zukunft der ägyptischen Demokratie hat gerade erst begonnen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Black Bush wie er im arabischen Raum genannt wird
ofelas 21.02.2011
Das Bauernopfer ist vollbracht, die Aegypter sollen sich gefaelligst jetzt wieder beruhigen. Die USA wollen Stabilitaet, es wird dem ganzen ein demokratischer Schleier verpasst und jemand der ihren Zielen (und dem des kleinen Nachbarn) gefuegig ist regiert weiter. Dieses Spiel geht solange bis die Bevoelkerung einen radikalen Wandel herbeisehnen, und wer wird dann die Macht uebernehmen, denke wir haben das Beispiel im Iran. Wir verfolgen unsere kurzfristigen Ziele bis auch wir die Rechnung erhalten.
2. -
Zwergnase, 21.02.2011
Welche Rolle die Ikonen der jugendlichen Revolutionsbewegung spielen werden ? Die sind doch schon längst in Lampedusa!
3. .
alfredoneuman 21.02.2011
Zitat von sysopWer wird Mubaraks Nachfolger in einem demokratischen Ägypten? Der im Westen bekannte Mohammed ElBaradei ist nur ein Außenseiter. Große Chancen rechnet sich Amr Mussa aus, Generalsekretär der Arabischen Liga. Und welche Rolle werden die Ikonen der jugendlichen Revolutionsbewegung* spielen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745770,00.html
Seit dem man Einblicke in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Mubarak- bzw. des Ben Ali Clans bekommen konnte, von den Gaddafis muss man gar nicht erst reden, hat jeder eine Ahnung, wie es bei den 22 Mitgliedern der Arabischen Liga zugeht. Sitzungen der arabischen Liga, muss man sich wohl in etwas so vorstellen, wie treffen der Mafia-Familien in New Yorker Nobelhotels. Im Paten I.Teil, wurde das sehr schön geschildert. Amr Mussa, als Generalsekretär der Arabischen Liga, hatte, um im Bild zu bleiben, die Funktion des Consigliere. Sollte also ausgerechnet dieser Mann, Präsident eines demokratischen Ägyptens werden, wäre dies ein Treppenwitz der Geschichte.
4. Die Erben Mubaraks?
andreasneumann2 21.02.2011
Na, da bin ich mal gespannt wann die ersten Frauen auf dem Platz der Befreiung in Kairo öffentlich gesteinigt werden. Die Ägypter haben dort ganz offen für die Scharia skandiert und ein Slogan ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er lautete: "Jews into the sea"! Und was wollten unsere Massenmedien uns weiß machen? Dass die Moslems in Ägypten für Demokratie und für Menschenrechte demonstrieren würden? Da kann ich ja nur lachen!
5. ja
friedrichii 21.02.2011
Zitat von andreasneumann2Na, da bin ich mal gespannt wann die ersten Frauen auf dem Platz der Befreiung in Kairo öffentlich gesteinigt werden. Die Ägypter haben dort ganz offen für die Scharia skandiert und ein Slogan ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er lautete: "Jews into the sea"! Und was wollten unsere Massenmedien uns weiß machen? Dass die Moslems in Ägypten für Demokratie und für Menschenrechte demonstrieren würden? Da kann ich ja nur lachen!
Da ja alle Nachrichten über das, was da am letzten Freitag auf dem Tahrir-Platz passierte, hier konsequent zensiert werden, hier dann vielleicht mal ein Interview einer ägyptischen Frauenrechtlerin zu dem Thema, etwas erweitert: http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article12603861/Das-sind-alles-Mubarak-Maenner.html
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Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

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Regierungschef: Sherif Ismail

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