Das PKK-Kalkül Niederlage im Frieden - Sieg im Krieg

In der Türkei wächst die Wut, aber auch die Ratlosigkeit: Was will die PKK mit ihrer Offensive wirklich erreichen? Sicher ist, dass die Kurden-Guerilla alles tun wird, um eine schnelle politische Lösung zu verhindern - denn sie fürchtet nichts mehr als eine Normalisierung der Lage.

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Istanbul - Sie wollen die Türkei spalten. Sie wollen Krieg. Sie wollen die Türkei in den irakischen Sumpf locken.

So oder ähnlich lauten in diesen Tagen die Schlagzeilen vieler türkischer Medien zur jüngsten Offensive der PKK an der Grenze zum Irak. Sie lassen nicht den geringsten Zweifel daran erkennen, was die kurdische Guerillatruppe aus ihrer Sicht im Schilde führt: der Türkei größtmöglichen Schaden zuzufügen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Kenner der kurdischen Szene sind aktuell stark verunsichert, welche Ziele die PKK mit ihrer Offensive in der Türkei seit Beginn des Jahres wirklich verfolgt. "Wenn ich das nur wüsste", sagt der Journalist Saruhan Oluc, der sich seit langem für eine türkisch-kurdische Verständigung einsetzt. "Im Moment verschlechtert sie nur die Stimmung zwischen Türken und Kurden."

Mit jedem getöteten Soldaten, fast immer jungen Wehrpflichtigen, wächst in der Türkei der Zorn über die PKK - aber auch über die Kurden generell. Bei der Beerdigung eines Soldaten in Bursa gingen gestern mehr als 100.000 Menschen auf die Straße, um gegen die PKK zu protestieren. "Das kann ganz schnell in Gewalttätigkeiten gegen die Kurden nebenan umschlagen", sagt Oluc. "Die Situation ist sehr gefährlich."

Normalisierung des Lebens in den kurdischen Gebieten

Der PKK scheint diese Explosion der Wut egal zu sein, oder sie legt es sogar darauf an. Viele Beobachter vermuten hinter der Offensive eine einfache Strategie: Die PKK verliert im Frieden - aber sie gewinnt im Krieg.

In der Tat spricht einiges dafür, dass die PKK befürchtet, zum großen Verlierer einer Normalisierung in den Kurdengebieten im Südosten der Türkei zu werden. Nach der Festnahme von PKK-Chef Abdullah Öcalan im Frühjahr 1999 hatte sie angekündigt, ihre Waffen niederzulegen und sich in den benachbarten Nordirak zurückzuziehen.

Der Kurdenkonflikt
Kurdistan
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Das Volk der Kurden umfasst Schätzungen zufolge bis zu 30 Millionen Menschen. Sie leben hauptsächlich auf dem Gebiet der Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien. Im Irak ist ihr ölreiches Gebiet im Norden des Landes weitgehend autonom (siehe Karte...). Einen eigenen politischen Staat Kurdistan hatten sie nie. Vor allem die Türkei unterdrückte die Kurden auf ihrem Staatsgebiet: Mehrere Aufstände wurden niedergeschlagen, Sprache, Musik, Literatur und sogar die kurdische Nationalkleidung wurden verboten. Aber auch Iran, Irak und Syrien versuchten, den Kurden ihre kulturelle Identität zu nehmen.
PKK
Die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gründete sich in den siebziger Jahren im kurdischen Teil der Türkei. Ihr Ziel war es, mit Waffengewalt einen eigenen kurdischen Staat zu schaffen. Vor allem in den achtziger und neunziger Jahren eskalierte die Gewalt - und wurde von der Organisation auch ins Ausland getragen. Die PKK ist in der Türkei verboten, ebenso in Deutschland. Die EU und die USA betrachten die PKK als terroristische Organisation. Heute sollen sich rund 3000 PKK-Kämpfer in den Bergen im Nordirak versteckt halten. Der verhaftete und zu lebenslanger Haft verurteilte PKK-Führer Abdullah Öcalan hatte 1999 den bewaffneten Kampf der Gruppe für beendet erklärt; Mitte 2004 kündigte diese jedoch den Waffenstillstand auf.
Nordirak
Die nordirakische Kurdenregion ist seit mehr als 15 Jahren weitgehend autonom. Nach dem Golfkrieg 1991 schufen die Alliierten dort eine von den USA und Großbritannien geschützte Flugverbotszone, was noch unter Diktator Saddam Hussein zur Autonomie führte. Seit der US-geführten Invasion in den Irak und dem Sturz Saddams 2003 ist der Norden im Vergleich zum Rest des Landes weitgehend von Gewalt verschont geblieben. Viele Iraker unterschiedlicher Volksgruppen haben deshalb dort Zuflucht gesucht. In jüngster Zeit kommt es jedoch auch in der Kurdenregion vermehrt zu Anschlägen. Für Spannungen sorgt der Status des ölreichen Gebiets Kirkuk. Die gleichnamige Stadt liegt zwar knapp außerhalb der autonomen Region, wird aber von den Kurden als historische Hauptstadt beansprucht. In ihr leben jedoch auch Araber und Turkmenen. Die irakische Verfassung von 2005 sieht ein Referendum über den künftigen Status der Stadt noch in diesem Jahr vor.

Nicht zuletzt unter Druck der EU begann die türkische Regierung, der Minderheit lange verwehrte Rechte einzuräumen. Die kurdische Sprache wurde allmählich akzeptiert, kurdische Zeitungen und Musik zugelassen. Kurdische Politiker konnten, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, Schlüsselstellungen in überwiegend kurdisch bewohnten Städten übernehmen. Jahrzehntewährende Ausnahmezustände wurden aufgehoben. Das Leben normalisierte sich.

Zwar blieb die türkische Regierung eine endgültige Lösung des Problems schuldig. Doch bei den Wahlen im Juli schaffte es sogar eine 21 Abgeordnete starke kurdische Fraktion ins Parlament. Die Zeit war gekommen, endlich politisch nicht mehr nur über die Kurden zu diskutieren, sondern mit ihnen.

Dazu ist es jetzt angesichts der PKK-Offensive nicht gekommen. Und gut möglich, dass bei einer weiteren Eskalation die parlamentarische Chance für lange Zeit wieder vorbei ist.

Kurdischen Politikern droht Verbotsverfahren

Die Abgeordneten der kurdischen DTP sollen sich endlich deutlich vom Terror der PKK distanzieren, fordert Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Doch deren Fraktionsführer Ahmet Türk und Ayse Tuglu schweigen. Bald könnte ein Verbotsverfahren wegen Unterstützung einer Terrororganisation gegen sie eröffnet werden - dann droht ihnen ein Platz im Gefängnis statt im Parlament.

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