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Bürgerkrieg in Syrien: Die Propagandaschlacht von Damaskus

Aus Damaskus berichtet Nadia Bitar

Wenn Baschar al-Assad für seine PR-Strategie schöne Bilder braucht, helfen die Sicherheitskräfte nach - wenn es sein muss mit Gewalt. Gegen die inszenierte Wahrheit kommen die Regimegegner kaum an. Die Taktik wirkt: Viele Damaszener wenden sich bereits von der Opposition ab.

Hamididsche-Markt in Damaskus: Die Händler werden gezwungen, ihre Läden zu öffnen Zur Großansicht
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Hamididsche-Markt in Damaskus: Die Händler werden gezwungen, ihre Läden zu öffnen

Damaskus - Wer in diesen Tagen über den Hamidiye-Markt in der syrischen Hauptstadt spaziert, könnte glauben, alles sei in Ordnung. Fast alle Geschäfte sind geöffnet, obwohl die Opposition ab Montag einen dreitägigen Streik ausgerufen hat - ein Aufschrei gegen das Massaker in Hula, bei dem mehr als hundert Zivilisten, überwiegend Kinder und Frauen, hingerichtet wurden. Das syrische Staatsfernsehen ist auf dem Markt und filmt die geöffneten Stände und den leeren Platz vor der Omayyaden-Moschee in der Altstadt von Damaskus, wo niemand demonstriert.

Seht her, alles in Ordnung, so wird es das Staatsfernsehen später den Syrern zeigen.

Dass nichts in Ordnung ist, zeigt sich im Detail. Um zehn Uhr morgens sollten die Geschäfte in der Altstadt eigentlich öffnen. Doch zunächst bleiben sie geschlossen. Dafür fahren zwei weiße Kleinbusse vor dem Markt vor. Hier kennt sie jeder: Es sind die Sicherheitskräfte. Die Männer steigen aus und spazieren mit Zangen und Sturmgewehren den Markt entlang. Es ist unmissverständlich: Wer das Schloss am Rollladen vor der Ladentür nicht aufschließt, dem wird sie aufgebrochen.

Eine halbe Stunde später kann das Staatsfernsehen seine Bilder drehen. Am Eingang zum Markt stehen noch immer die zwei weißen Kleinbusse. Sie sind eine unmissverständliche Warnung.

Mächtige Staatsmedien

Ein paar Assad-Gegner behaupten später, der Streik sei ein voller Erfolg, fast alle Händler hätten mitgemacht. Sie lassen ein entscheidendes Wörtchen weg: Sie hätten gern mitgemacht. Aber dann kamen doch fast alle angelaufen und öffneten ihre Läden, als die Männer mit den Sturmgewehren davorstanden. Es ist eine Lüge, die jeder Damaszener leicht mit eigenen Augen erkennen kann. Und jeder Syrer zu Hause vor dem Staatsfernsehen.

Es mögen Einzelne sein, die sich zu solchen Übertreibungen hinreißen lassen, der Streik sei ein voller Erfolg gewesen. Doch sie schaden der Glaubwürdigkeit der gesamten Opposition.

Die Lokalen Revolutionskomitees, eine der wichtigsten Oppositionsgruppen, beschreiben später in einer E-Mail die Ereignisse, wie sie tatsächlich stattgefunden haben. Doch anders als das Staatsfernsehen können sie keine gestochen scharfen Bilder dazu liefern, nicht einmal Handykamera-YouTube-Videos. Den Einsatz der Sicherheitskräfte zu filmen, wäre zu gefährlich. In direkter Konkurrenz mit den Staatsmedien hat die Opposition das Nachsehen.

"Die wichtigste Hilfe für die Medienstrategie des Regimes ist, dass sich die Opposition mit ihrer Strategie so blöd anstellt", sagt Nabil und meint damit die Falschmeldungen. Er ist ein kräftiger junger Mann mit schwarzen Locken und grünem Lacoste-Hemd und wollte an diesem Tag eigentlich auch den Laden seiner Familie in der Altstadt verschlossen halten. Nun steht er doch darin. Er heißt eigentlich anders, doch er hat Angst, umgebracht zu werden, wenn sein echter Name in ausländischen Medien auftaucht.

Geschickte PR-Taktik

Die PR-Taktik des Regimes hält Nabil dagegen für äußerst geschickt. "Dem Ausland erzählt das Regime, es verteidigt sich gegen Terroristen. Den Syrern erzählt es, es verteidigt sich gegen eine Verschwörung von außen." Dass Deutschland und andere europäische Länder den syrischen Botschafter ausweisen, dass in den USA diskutiert wird, die syrische Opposition zu bewaffnen - alles stellt das Regime als Zeichen dar, die seine Version bestätigen.

"Wenn die Europäer und Amerikaner in Syrien keine Verschwörung zu ihren Gunsten verfolgen würden, warum würden sie dann die Opposition unterstützen?", fragt Fadia, eine Syrerin, die sich wie viele in der Hauptstadt weder hinter das Regime noch die Opposition stellen will. Anfangs hielt sie es mit den Assad-Gegnern, erzählt sie, doch inzwischen sei sie sich nicht mehr so sicher, von wem welche Gewalt ausgehe.

Wer auf wen im Zentrum von Damaskus schießt, daran besteht kein Zweifel. Doch Damaszener, die sich wie Fadia zu Hause verschanzen und sich von Oppositionsvierteln fernhalten, die durch Checkpoints isoliert werden, die haben oft noch nie eine Demonstration mit eigenen Augen gesehen. Dazu ist alles immer zu schnell vorbei.

Demonstrationen? Es sind eher Flashmobs

Proteste im Herzen von Damaskus ähneln eher Flashmobs als Demonstrationen. Erst blockieren ein paar Passanten den Straßenverkehr, es kommt zu einem Stau, plötzlich strömen junge Männer und Frauen zwischen die Autos und rufen "Allah ist größer" - einmal, zweimal, vielleicht noch ein drittes Mal. Doch dann laufen bereits ein paar Männer in Zivil mit langen Prügeln und Sturmgewehren herbei - die "Hafeth ala Nisam", die Bewahrer des Regimes - und die Demonstranten müssen flüchten.

Der Stau verhindert, dass noch mehr Regime-Schergen in Fahrzeugen anrücken und die Demonstranten jagen könnten.

Trotz der zivilen Kleidung ist klar, auf wessen Seite die bewaffneten Männer stehen. Die Regime-Bewahrer, die hier vor den Aufständen kaum jemand kannte, stehen mittlerweile hinter Sandsäcken verschanzt in Damaskus an jedem größeren Verkehrsknoten und vor den Polizei-, Partei- und Geheimdienststationen sowie den Ministerien. Der Militärpolizei, der Polizei und der regulären Armee traut man die Überwachung der Hauptstadt offenbar nicht mehr zu. Viele ihrer Mitglieder sind korrupt oder spotten selbst über das Regime, wenn sie sich unbeobachtet von Assad-Getreuen glauben.

Das Regime behält die Deutungshoheit

Die Regime-Bewahrer sind Männer in Jeans und T-Shirts, um die 20 bis 30 Jahre alt. Sie ersticken jede Art von Widerstand in der Hauptstadt sofort. Nicht einmal regimekritische Graffiti werden geduldet. Sprüche wie "Baschar ist eine Ente" - eine Anspielung auf den Kosenamen, den eine Regime-Anhängerin für den Machthaber in E-Mails verwendet haben soll - werden schnell übermalt, daneben dann fein säuberlich mit einer Schablone regimefreundliche Aussagen gesprüht wie "Danke Russland" oder "Danke Addounia", ein privater Fernsehsender, der sich als Assad-Sprachrohr geriert.

Mit aller Macht kämpft das Regime um die Deutungshoheit. Es sitzt dabei am längeren Hebel. Wenn das Staatsfernsehen Nabil in seinem geöffneten Laden filmen würde, am Tag des Streiks - er wäre Teil der Syrien-Show. Er sähe aus wie ein Unterstützer des Regimes und könnte der Darstellung auch nicht widersprechen - es wäre sein Todesurteil.

Wieder verrät nur ein Detail, dass Nabil zu den vielen Gegnern des Regimes gehört. Er hat das Bild des Präsidenten Baschar al-Assad in seinem Laden abgehängt. Die Anhänger mit dem Konterfei von Assad hat er aus seinem Sortiment genommen. Stattdessen verkauft er nun Medaillons, auf denen "Allah ist größer" steht.

Es ist Nabils Widerstand im Kleinen. Demonstrieren, das traut er sich nicht.

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1.
TBF 31.05.2012
Zitat von sysopAPWenn Baschar al-Assad für seine PR-Strategie schöne Bilder braucht, helfen die Sicherheitskräfte nach - wenn es sein muss mit Gewalt. Gegen die inszenierte Wahrheit kommen die Regimegegner kaum an. Die Taktik wirkt: Viele Damaszener wenden sich bereits von der Opposition ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836072,00.html
vielleicht funktioniert die strategie ja in beide richtungen und der spiegel hats noch nicht gemerkt? vielleicht wenden sich ja viele damaszener nicht nur aus propagandagründen von der opposition ab? nur mal zwei gedankengänge...
2. wie heißt es so schön ?
yyz 31.05.2012
im krieg und in der liebe ist alles erlaubt...
3. Wenn das Regime von Assad..
Baikal 31.05.2012
Zitat von sysopAPWenn Baschar al-Assad für seine PR-Strategie schöne Bilder braucht, helfen die Sicherheitskräfte nach - wenn es sein muss mit Gewalt. Gegen die inszenierte Wahrheit kommen die Regimegegner kaum an. Die Taktik wirkt: Viele Damaszener wenden sich bereits von der Opposition ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836072,00.html
.. soviel Macht hat und sie so geschickt einsetzen kann - wäre es dann nicht angebracht, ihm auch die Leitung aller Uno-Pläne zu überlassen? Oder wird hier nur ein neuer Trick der Aktivisten/Rebellen/Aufständischen/ Revolutionäre/Exilanten beschrieben?
4. x
ralf_gabriel 31.05.2012
Zitat von sysopAPWenn Baschar al-Assad für seine PR-Strategie schöne Bilder braucht, helfen die Sicherheitskräfte nach - wenn es sein muss mit Gewalt. Gegen die inszenierte Wahrheit kommen die Regimegegner kaum an. Die Taktik wirkt: Viele Damaszener wenden sich bereits von der Opposition ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836072,00.html
Und hier ist's genau anders herum. Aber immer weniger Leute interessiert es. *Schulterzuck* Das haben die Presselenker von den ganzen gefühlsduseligen Geschichten. Und die Presse hat selber schuld, wenn sie sich zum Gehilfen der Meinungsmacher machen lässt. Eigene Leute am Boden und Pressekodex sind lange schon vergessen. Embedded Journalists, Pressebüros und vorgefertigte Meinungshäppchen allerorten. Irgendwann glauben die Leute nix mehr. Genau darum lässt mich die Berichterstattung aus Syrien eher kalt. Ich glaube nicht mehr, daß mir die Presse ein auch nur einigermaßen objektives Bild liefern kann. Die Zeit mir aus 20 (wirklich) verschiedenen Quellen so etwas wie eine Näherung der Wahrheit herauszufiltern, habe ich nicht. Und ohne INformationen habe ich dazu keine Meinung. Kann ja sein, daß das da alles sehr schlimm ist, es ist sogar wahrscheinlich. Aber um sich einzumischen oder zu entscheiden ob das hilfreich wäre und wenn ja auf welcher Seite, muß man halt mehr wissen. Nicht nur die Meinungsstückchen die wir hier vorgesetzt bekommen. Das war auch in Libyen, Afghanistan und Irak so.
5. Bemerkenswerter Artikel
kabian 31.05.2012
Ein sehr eindrucksvoller Bericht von Nadia Bitar. Da ich früher öfter mal in Marokko war, kann ich mich sehr gut in diese, von ihnen beschriebene, Szenen hineinversetzen. Vielen Dank.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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