Datenchaos: 22 Millionen E-Mails aus Bush-Ära wieder aufgetaucht

Millionen verschwunden geglaubter E-Mails sind sichergestellt: Techniker haben den elektronischen Briefverkehr der früheren Regierung von George W. Bush geborgen. Bürgerrechtler warfen seiner Administration vor, die Öffentlichkeit belogen und wissentlich defekte Sicherungssysteme benutzt zu haben.

Ex-Präsident George W. Bush: "Die Öffentlichkeit erfuhr nie die ganze Geschichte" Zur Großansicht
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Ex-Präsident George W. Bush: "Die Öffentlichkeit erfuhr nie die ganze Geschichte"

Washington - Als George W. Bush im Januar 2009 sein Amt an Barack Obama abgab, hinterließ er eine dramatische Staatsverschuldung, zwei Kriege und ein denkbar niedriges Ansehen der Amerikaner in der Welt. Offenbar blieb von ihm auch eine massive Datenschlamperei noch übrig. 22 Millionen E-Mails galten als verschwunden - sie sind nun von Computertechnikern geborgen worden.

"Wir haben unser Bestes getan, so viele Mails wie möglich auf Notfallspeichern zu finden oder zu rekonstruieren", sagte Kristen Lejnieks vom Nationalen Sicherheitsarchiv der George-Washington-Universität am Montag in der US-Hauptstadt.

Das Archiv und eine weitere amerikanische Organisation hatten die US-Regierung 2007 nach Berichten über Millionen verschollener Nachrichten verklagt. Die Meldungen über das Verschwinden hatten damals für erheblichen Aufruhr gesorgt - seinerzeit war aber nur von fünf Millionen Mails die Rede gewesen. Der Briefverkehr stammt den Angaben zufolge aus der Zeit zwischen 2003 und 2005.

Die Bush-Regierung habe "gelogen", als sie zunächst behauptet habe, es gebe keinen verlorengegangenen elektronischen Briefwechsel - der Verlust sei ein Verstoß gegen die gesetzliche Verpflichtung, die E-Mails zu speichern. Nachdem die Administration sich zunächst verweigert hatte, stellte sie aber laut "Washington Post" später fest, dass 22 Millionen Nachrichten falsch beschriftet wurden. Dies geht laut der Zeitung aus Gerichtsakten hervor.

"Das Weiße Haus ignorierte die Probleme absichtlich"

Dokumente zeigten nun, dass das Weiße Haus seinerzeit "das Problem absichtlich ignorierte und zuließ, dass es schlimmer wird", hieß es. "Wir werden niemals genau wissen, was mit all den verschwundenen Mails passierte", sagte die Direktorin Melanie Sloan der Beobachtergruppe "Bürger für Verantwortung und Ethik in Washington" (CREW). "Aber wir wissen, dass die Öffentlichkeit nie die ganze Geschichte erfuhr."

Die beiden Bürgerorganisationen vermuten weitere Unregelmäßigkeiten bei der elektronischen Datenspeicherung und gehen davon aus, dass viele weitere E-Mails verschwunden sein könnten. Das Weiße Haus unter Bush habe wissentlich ein kaputtes System zur Verwahrung elektronischer Daten benutzt.

Der Rechtsstreit zwischen den Organisationen und dem Weißen Haus gilt nun aber als beigelegt. Die Gruppen lobten die Obama-Regierung "für ihre Bemühungen, das Datenchaos der Vorgängerregierung in Ordnung zu bringen". Die Administration könne nun in den wiedergefundenen E-Mails suchen. Es soll jedoch nur der Mail-Verkehr von 94 Tagen aus der fraglichen Zeit im System der Weißen Hauses zurückinstalliert werden, weil für mehr das Geld fehle.

Die Öffentlichkeit wird dennoch warten müssen, bis die E-Mails freigegeben werden. Der Briefverkehr wird zunächst einem normalen Prüfungsprozess der Nationalarchive unterzogen, dem auch andere Aufzeichnungen des Präsidenten und Dienststellen unterliegen.

kgp/dpa/AP

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