Datenlese

Datenlese Obamas europäische Rhetorik

DER SPIEGEL

Von Kurt Jansson und


Es ist seine erste Rede in Deutschland als US-Präsident, seine erste vor dem Brandenburger Tor, und die Erwartungen sind groß: Barack Obama gilt als brillanter Rhetoriker. Stilistische Figuren setzt er ein, ohne den Draht zum Publikum zu verlieren. Die Auswertung früherer Reden zeigt: Uns erwarten kaum Fakten, dafür umso mehr Pathos.

Wie unterscheiden sich Obamas Reden in den USA von jenen, mit denen er sich an die Europäer wendet? Natürlich spricht er über andere Themen - aber über welche genau? Nutzt er vielleicht auch andere rhetorische Mittel, um seine Zuhörer zu überzeugen?

Um das herauszufinden, hat ein Team von SPIEGEL-Redakteuren und -Dokumentaren Obamas "State of the Union"-Reden, seine jährlichen Ansprachen zur Lage der Nation, mit Reden verglichen, die er in Europa hielt. Für knapp 1600 Namen, Formulierungen und Begriffe aus verschiedensten Themenbereichen haben wir dabei ermittelt, welchen Anteil sie an den Vorträgen in den USA und an denen weltweit haben.

Zu Hause demonstriert Obama Fachkenntnis

Besonders auffällig: Die "State of the Union"-Reden sind dominiert von wirtschaftlichen Themen und durchsetzt mit Daten und Statistiken. Es geht um Arbeitsplätze, Steuern und Investitionen - in Zeiten einer Wirtschaftskrise sicher wenig verwunderlich. Diese detaillierten Passagen klingen dann zum Beispiel so:

  • "We've already announced over 500 reforms, and just a fraction of them will save business and citizens more than $10 billion over the next five years. We got rid of one rule from 40 years ago that could have forced some dairy farmers to spend $10,000 a year proving that they could contain a spill - because milk was somehow classified as an oil."

Auch auf einige gesellschaftspolitische Themen wie Bildung und das Gesundheitssystem geht Obama immer wieder ein, andere spielen jedoch keine Rolle, etwa der gescheiterte "War on Drugs".

Krieg, Frieden und Visionen für Europa

Spricht Obama hingegen in Europa, dann geht es ums Grundsätzliche - um Fragen von Krieg und Frieden, um Sicherheit, Freiheit und andere Abstrakta wie Würde, Schicksal und Moral. Konkrete Zahlen oder Statistiken erwähnt der US-Präsident kaum. Angaben zu Ort und Zeit verwendet er ebenfalls abstrakt. Zum Truppenabzug etwa stehen nicht die Daten im Mittelpunkt, sondern die große Bedeutung des Moments, etwa so:

  • "This is the moment to begin the work of seeking the peace..."
  • "Now the world will watch and remember what we do here - what we do with this moment."
  • "This incredible moment in history..."

"Wir" als dehnbarer Begriff

Das von Obama am häufigsten genutzte Pronomen ist - wenig überraschend - "we". Doch interessant ist, wer sich jeweils hinter diesem "Wir" verbirgt: In Europa bezieht Obama die Europäer fast immer mit ein und erwähnt diverse Länder und Kontinente.

Beispiele für das Europa-"Wir" aus Obamas Berlin-Rede im Juli 2008:

  • "This is the moment when we must defeat terror."
  • "We have too much at stake to turn back now."
  • "And this is the moment when we must give hope to those left behind in a globalized world."

In den USA spielt die europäisch-amerikanische Freundschaft hingegen kaum noch eine Rolle - "we", das sind ganz klar "Americans".

Einige der von uns ausgewerteten Reden zum Nachlesen:

"State of the Union"-Reden

Prag, Tschechische Republik (April 2009)

Straßburg, Frankreich (April 2009)

Dublin, Irland (Mai 2011)

London, Vereinigtes Königreich (Mai 2011)

Berlin, Deutschland (Juli 2008)



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15 Leserkommentare
kork22 17.06.2013
beschwingt 17.06.2013
Muessin 17.06.2013
pennywise_the_clown 17.06.2013
user567 17.06.2013
zagreus6 17.06.2013
mickt 17.06.2013
SvenMeyer 17.06.2013
gaiusmuciusscaevola 17.06.2013
ky3 17.06.2013
ogniflow 17.06.2013
Kanadische Bestie 17.06.2013
dapmr75 17.06.2013
Bördeknüppel 17.06.2013
heitjer 17.06.2013

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