Cameron beim G-20-Gipfel: David gegen alle

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Wie bringt man binnen 48 Stunden mehrere Länder gegen sich auf? David Cameron hat es auf dem G-20-Gipfel geschafft. Die französische Regierung ist empört, die argentinische beleidigt - und dann äußerte sich der britische Premier auch noch zu einem alten Fußballspiel gegen Deutschland.

Großbritanniens Premier Cameron: Gipfel der Giftpfeile Zur Großansicht
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Großbritanniens Premier Cameron: Gipfel der Giftpfeile

Los Cabos - Bei einem Gipfel der führenden Wirtschaftsnationen ist häufig vom roten Teppich die Rede. Großbritanniens Premier David Cameron gelang es nun, mit einer Bemerkung über das bekannte Gipfel-Accessoire eine diplomatische Krise mit dem alten Rivalen Frankreich auszulösen.

Auf dem G-20-Treffen im mexikanischen Los Cabos sagte Cameron, er werde "den roten Teppich ausrollen" für Frankreichs Reiche und Firmen, wenn die Regierung in Paris ihre Steuerpläne umsetze.

Der Hintergrund: Staatspräsident François Hollande will Einkommensmillionäre künftig mit 75 Prozent besteuern. Nun freute sich Cameron in Los Cabos über "französische Firmen, die ihre Steuern in Großbritannien zahlen und damit unser Gesundheitssystem, unsere Schulen und alles andere finanzieren".

Diplomatisches Feingefühl war das nicht. Die Reaktion der Franzosen klang dann ebenfalls wenig diplomatisch: "Ich weiß nicht, wie man einen roten Teppich über den Ärmelkanal ausrollt. Er könnte nass werden", sagte Michel Sapin, der neue französische Arbeitsminister. Europaminister Bernard Cazeneuve entgegnete Cameron: "In Frankreich gibt es durchaus Firmenchefs, die auch Patrioten sind." Der sozialistische Abgeordnete Claude Bartolone sagte, er hoffe, Cameron sei bei dieser spätabendlichen Äußerung nicht mehr bei vollem Bewusstsein gewesen.

Hollande selbst gab sich zurückhaltend - konnte sich eine kleine Spitze aber nicht verkneifen: "Jeder muss für das verantwortlich sein, was er sagt", erklärte er.

Mit zwei, drei Sätzen Porzellan zerschlagen

Großbritannien und Frankreich sind seit Jahrhunderten Rivalen, das Verhältnis ist immer wieder schwierig. Nun gelang es Cameron mit zwei, drei Sätzen, die antibritischen Reflexe der Franzosen zu mobilisieren. Und dann - machte er munter weiter. Seine nächste Adresse: Argentiniens Präsidentin.

Cameron sei auf Cristina Fernández de Kirchner zugegangen, um mit ihr über eine Bankenreform zu sprechen, berichtet die argentinische Delegation. Dabei habe er sie auch aufgefordert, die Meinung der Bewohner der Falkland-Inseln zu respektieren - die mehrheitlich zu Großbritannien gehören möchten. Argentinien und Großbritannien streiten seit langem um die Inselgruppe.

Kirchner habe dem Premierminister daraufhin einen Umschlag mit Uno-Resolutionen übergeben wollen, in dem zum Dialog über die Inseln aufgerufen werde. Doch auch mit mehrfachen Anläufen scheiterte Kirchner, Cameron verweigerte konsequent die Annahme des Kuverts.

Dafür fing er sich einen Rüffel des argentinischen Außenministers ein: "Nationen sind verpflichtet, miteinander zu sprechen. Wir haben einen Umschlag mit Papieren vorbereitet. Doch der Premier wollte ihn nicht annehmen", sagte Héctor Timerman nach dem Vorfall.

Die Sache mit dem Wembley-Tor

Zwei alte Rivalen waren also empört, doch es sollte noch weitergehen. Nun widmete sich Cameron dem Fußball. Eigentlich ein schönes Thema, England war nach dem 1:0 gegen die Ukraine ins Viertelfinale der Fußball-EM eingezogen. Dem Gegner wurde dabei allerdings ein klares Tor aberkannt. Ein Schuss der Ukrainer war bereits deutlich hinter der Torlinie, bevor ihn Englands Verteidiger John Terry wieder ins Spiel schoss. Eine Art modernes Wembley-Tor.

Der nicht gegebene Treffer löste erneut eine Debatte über Torkameras aus - an der sich Cameron dann gern beteiligte. "Torlinien-Technik?", fragte er und wechselte dann ins Jahr 2010 zum WM-Achtelfinale Deutschland gegen England, als ein Tor der Engländer nicht gegeben wurde, obwohl auch dort der Ball hinter der Linie aufprallte. "Ich glaubte, es sei eine gute Idee, als Frank Lampards Tor im England-Deutschland-Spiel nicht gegeben wurde. Ich muss nun noch mal ein bisschen darüber nachdenken."

Nachdenken schadet sicher nicht - eine mögliche Lektion für Camerons nächsten Gipfel. Immerhin: Das G-20-Treffen ist beendet, Cameron ist abgeflogen, mehr Porzellan kann der britische Premier in Mexiko nicht zerschlagen.

mit Material von AP

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Cameron
Hank Hill 20.06.2012
ist nicht geeignet fuer diesen Posten. Er hat nie eine klare Meinung zu einem Thema, macht soviele U-Turns wie noch kein Premierminister vor ihm. Der Job ist einfach eine Nummer zu gross fuer ihn. Je laenger er im Amt bleibt, um so mehr schadet er Grossbritannien. Obama braucht auch noch einige Zeit um die Bush Schaeden zu beseitigen, wenn das ueberhaupt geht. Nach Cameron wird es auch dauern bevor Britain wieder ernst genommen wird.
2. optional
sunandsea 20.06.2012
Also der Spruch über das Deutschland-Spiel ist doch typisch brittischer Humor, über den ich sogar lächeln konnte. In Sachen Falkland würde ich eher auf die Argentinier mit dem Finger zeigen. Die einzige Frechheit ist der Spruch über die Millionäre - würde mich freuen, wenn es im Euro-Raum eine Regelung gäbe, wodurch man Kapital nicht ohne weiteres abziehen kann - wer hier sein Geld verdient, soll es auch nach den Gesetzen besteuern.
3. Halb so schlimm
vorschau 20.06.2012
Der darf das. Schließlich ist er Regierungschef von GROSSbritannien.Und das mit der immerwährenden Rivalität mit FrankREICH ist auch nicht so ernst. Wenn es gegen Deutschland geht, waren die sich eigentlich immer einig.
4. Wußte ich doch schon immer, dass...
lefs 20.06.2012
Zitat von sysopWie bringt man binnen 48 Stunden mehrere Länder gegen sich auf? David Cameron hat es auf dem G-20-Gipfel geschafft. Die französische Regierung ist empört, die argentinische beleidigt - und dann äußerte sich der britische Premier auch noch zu einem alten Fußballspiel gegen Deutschland. David Cameron verärgert beim G-20-Gipfel Argentinien und Frankreich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839986,00.html)
die Briten einfach nur brutale Egoisten sind. Halben Beitragssatz zur EU aber möglichst bestimmen wo es langgeht; Kanalinseln/Steueroasen; Besteuerung von Reichen so, dass alle nach London ziehen; als erste die Aufsicht an den Finanzmärkten einseitig geändert, dadurch Auslöser des Finanzkapitalismus und mit Amerika der späteren Finanzkrise; keinen Beitrag zur Eurorettung aber die Vorteile immer gern genießen usw. usf.
5. Dr.
Redigel 20.06.2012
Ist der denn immer noch nicht innerhalb der EU isoliert? Merkel schläft seit Jahren...
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