Britischer Premier Cameron vor dem Aus K.o. durch Brexit

Sein Name wird für immer mit dem Brexit verbunden sein: David Cameron ist eine Wette gegen die Briten eingegangen - und hat verloren. Nun ist der Noch-Premier seinen innerparteilichen Gegnern ausgeliefert.

Aus London berichtet


Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Die Situation ist surreal: Hinter dem Tor, das den Eintritt in die Downing Street versperrt, kündigt David Cameron gerade seinen Rücktritt an, davor feiern seine "Parteifreunde" ausgelassen. "Resign, resign", "Tritt zurück", rufen sie. Etwa 30 Brexiteers, wie die EU-Gegner genannt werden, haben sich am frühen Freitagmorgen hier versammelt. Sie haben die Nacht durchgefeiert. Camerons politisches Ende ist ihr Triumph.

Robert Tasker und Simon Richards liegen sich in den Armen. Beide sind seit vielen Jahren Mitglieder der Konservativen, Camerons eigener Partei. "Zwölf Jahre habe ich für diesen Moment gekämpft", sagt Tasker, 31. "Das ist so ein unfassbar schönes Gefühl."

Brexit-Befürworter Robert Tasker
SPIEGEL ONLINE

Brexit-Befürworter Robert Tasker

Mit Cameron haben sie keinerlei Mitleid. Er sei selbst schuld, sagen sie. Und er müsse sein Amt nun schnell übergeben.

Spätestens im Oktober wird es so weit sein, kündigte Cameron am Freitag an. Dann soll ein anderer Tory-Politiker übernehmen. Einer, der für den Abschied aus der EU eingetreten ist. Und nicht wie Cameron für den Verbleib.

Es war ein kraftloser, resignierter Auftritt des Premierministers. Der bis Donnerstag mächtigste Mann Großbritanniens ist gescheitert. Er wollte das EU-Referendum und er hat es verloren. Sein Plan war, die konservative Partei zu befrieden und seine innerparteilichen, europaskeptischen Gegner ruhigzustellen. Es war eine Wette auf Kosten eines ganzen Landes. Und Cameron hat sie verloren. K.o. durch Brexit.

"Ich kann nicht der Kapitän sein"

Dass er nicht sofort zurücktritt, sondern seinem Nachfolger den Übergang erleichtern will, ehrt ihn. Nur so kann die britische Regierung den Schaden nach dem Brexit-Votum irgendwie in Grenzen halten. Sollte Cameron sofort gehen, stünde Großbritannien ohne Führung da. Ein gefährliches Machtvakuum, das die Unsicherheit und die brenzlige Situation an den Finanzmärkten noch weiter verschärfen würde.

Er wolle in den kommenden Monaten "das Schiff stabilisieren", sagte Cameron. "Doch ich denke nicht, dass ich der Kapitän sein kann, der unser Land zu seinem nächsten Ziel steuert." Großbritannien brauche eine "neue politische Führung", um den Austritt mit der EU zu verhandeln.

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Klar wird bereits am Freitag, dass die EU Druck auf die britische Regierung macht. Diese solle am besten sofort den Antrag auf Austritt nach Artikel 50 des Lissabon-Vertrags stellen, heißt es aus Brüssel. Doch Boris Johnson, der als Favorit auf die Nachfolge von Cameron gilt, wiegelte bereits ab: Es gebe keinen Grund zur Eile.

Johnson kann warten

Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass Cameron wirklich bis Oktober im Amt bleibt, wenn der nächste Parteitag der Konservativen stattfindet. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass Cameron sich so lange halten kann", sagte Denis MacShane SPIEGEL ONLINE. Er war von 2002 bis 2005 Europaminister unter Tony Blair. "Cameron geht in die Geschichte ein als Premierminister, der den Abschied Großbritanniens aus Europa zu verantworten hat", so MacShane: "Seine Amtszeit ist ein Desaster."

"Leave"-Anhänger Simon Richards
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"Leave"-Anhänger Simon Richards

Wie lange Cameron tatsächlich noch im Amt bleibt, hat er nicht mehr selbst in der Hand. Über sein endgültiges politisches Ende bestimmen nun seine innerparteilichen Gegenspieler um Justizminister Michael Gove und Londons Ex-Bürgermeister Johnson. Leicht werden sie ihm die letzten Monate nicht machen.

Ob Johnson aus dem kommenden Machtkampf bei den Tories wirklich als Sieger hervorgeht, ist nicht sicher. Der Mann, den alle nur Boris nennen, ist der beliebteste Politiker Großbritanniens, innerparteilich hat er aber auch mächtige Feinde. Nicht zuletzt, weil er sich im Referendum gegen Cameron stellte - ohne von einem EU-Austritt wirklich überzeugt zu sein. Noch im August hatte er dem SPIEGEL gesagt, ein Brexit würde auch erhebliche Nachteile mit sich bringen.

"Boris ist der Favorit", sagt "Leave"-Anhänger Simon Richards vor der Downing Street. "Aber in der Politik gewinnt nicht immer der Favorit."

insgesamt 121 Beiträge
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Airkraft 24.06.2016
1. So what?
Ich vermute mal er fällt sehr weich ;-)
rockwater 24.06.2016
2. Direktdemokratische Mehrheitsbeschlüsse sind nie ein Desaster
Sondern Sternstunden an Demokratie.
Teddi 24.06.2016
3. Sollen sie doch selber sehen...
Cameron sollte sich einfach krank melden, meinetwegen Depression, ich würde denen ihre Entscheidung vor die Füße schmeißen. Sollen sie doch sehen, wie sie jetzt klar kommen. Die Eu sollte an Gesetzesänderungen arbeiten, die so ein Eklat nicht mehr zulassen, indem sie erträglichere Bedingungen stellt. Eine Rückkehr sollte, wenn überhaupt, nur nach einer langen "Strafperiode" erlaubt sein. Schade, dass in fast allen Ländern Europas der Nationalismus immer noch so sehr im Vordergrund steht. Aber das ist ja eh europäische Geschichte.
peter.gruebl 24.06.2016
4. Zufällig ..
in die Geschichtsbücher gestolpert, als der Premier der erst sein Land aus der EU geführt hat und dadurch wahrscheinlich noch ganz GB zerlegt hat. Wie lange gehören Schotten und Nordiren schon zu GB?
crimsonking24 24.06.2016
5. Sie verdrehen die Dinge - es ist unglaublich
Cameron hat mit der EU und mit uns gezockt, um seinen politischen Allerwertesten zu retten!! Was schreiben Sie da? Artikel 50 Lissabonvertrag - kann warten? Klar, das geht! Aber nur, wenn das Unterhaus mehrheitlich gegen den Brexit entscheidet und das dämliche Referendum eine Eintagsfliege bleiben lässt. Was Cameron, aber auch andere bei Labour, angerichtet haben, ist mit Worten nicht zu kommentieren. Jetzt will der Volkstribun der Brexiteers mal so weiter machen und alle Vorzüge aus dem Freihandel mit der EU zum Nulltarif! Frage: Was ist denn für eine Mentalität, die SPON hier verbreitet?!
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