Getötete Geisel David Haines "Wissen die nicht, dass er Muslimen geholfen hat?"

19 Monate lang war der Brite David Haines in der Gewalt der Terrormiliz IS, dann ermordeten ihn seine Geiselnehmer vor laufender Kamera. Wer war der Mann, der sein Leben der humanitären Arbeit verschrieben hatte?


Hamburg - Lange gab es nicht einmal einen Namen. Seit der Brite David Haines im März 2013 nahe der türkischen Grenze entführt worden war, verloren seine Angehörigen kein Wort über die Geiselnahme - vermutlich auf Anweisung des britischen Außenministeriums, um Verhandlungen über eine Freilassung nicht zu gefährden.

Seit Haines jedoch Anfang September in dem Video vorgeführt wurde, das die Ermordung des US-Journalisten Steven Sotloff zeigt, kamen immer mehr Informationen zur Person des Briten ans Licht - und auch Freunde und Familienmitglieder wandten sich an die Öffentlichkeit. Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der sein Leben der humanitären Arbeit in Krisengebieten gewidmet hatte.

Haines wurde demnach 1970 in England geboren, wuchs aber im schottischen Perth auf, wo bis heute seine inzwischen 17-jährige Tochter aus erster Ehe lebt. Nach zwölf Jahren bei der britischen Luftwaffe ging er laut "Telegraph" von 1999 bis 2004 nach Kroatien, um dort im Auftrag des deutschen Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) Bürgerkriegsflüchtlingen zu helfen. Während seines Einsatzes dort lernte er seine zweite Frau Dragana kennen, mit der er eine weitere Tochter im Alter von vier Jahren hat.

Auf Friedensmission im Südsudan

Während des Arabischen Frühlings arbeitete Haines im libyschen Bürgerkrieg als Missionschef für Handicap International, einer Organisation, die in Armuts- und Konfliktregionen Menschen mit Behinderung unterstützt. Ein Jahr später ging er in den Südsudan; Auftraggeber diesmal: die Gruppe Nonviolent Peaceforce, die sich in Konfliktregionen für den Schutz von Zivilisten engagiert.

Im März 2013 schließlich reiste der Brite im Auftrag der französischen Hilfsorganisation Acted (Agence d'Aide à la Coopération Technique et au Développement) nach Syrien - und fiel bereits nach drei Tagen seinen Kidnappern in die Hände. Laut "Guardian" hatte Haines nahe der türkischen Grenze gemeinsam mit dem Italiener Federico Motka mögliche Standorte für Flüchtlingslager erkunden sollen, die Acted einrichten wollte.

Ein Dolmetscher, der mit im Wagen saß, beschrieb den Moment der Geiselnahme später folgendermaßen: "Zwei Autos fuhren sehr schnell an uns heran, eines überholte, das andere blieb hinter uns. Auf Hocharabisch haben sie uns angeschrien, wir sollten aussteigen. Sie haben schwarze Masken getragen und gingen sehr professionell vor." Haines und Motka wurden verschleppt, der Dolmetscher und der Fahrer aus Syrien durften gehen. Im vergangenen Mai wurde der Italiener laut "Guardian" von der italienischen Regierung freigekauft - für umgerechnet knapp 6,3 Millionen Euro. Haines selbst hatte weniger Glück.

"Fantastischer Ehemann und Vater"

Noch kurz vor seiner Ermordung beschrieb ihn seine kroatische Frau Dragana als "fantastischen Ehemann und Vater". Niemand könne verstehen, wie sie sich fühle, sagte sie dem "Telegraph". "Er ist alles für uns. Er ist unser Leben." Jeden Tag frage die vierjährige Tochter nach ihrem Vater. "Sie hat ihn anderthalb Jahre nicht gesehen. Sie hat so viel durchgemacht; ständig sieht sie mich weinen."

Eine bewegende Stellungnahme veröffentlichte Haines' Bruder Mike über das britische Außenministerium. David sei "kaltblütig ermordet" worden, heißt es in dem Text, den unter anderem "Sky News" zitiert. "David war ein guter Bruder. Er war für mich da, wenn ich ihn brauchte; und wenn nicht, hielt er sich fern. Ich hoffe, dass er dasselbe über mich sagen würde." Auf dem Balkan habe David jeden unterstützt, der Hilfe brauchte, "ungeachtet seiner Ethnie oder seines Glaubens". Bis heute würde seine Arbeit von Menschen in der Region gelobt.

In den höchsten Tönen spricht etwa Nena Skoric von dem Briten - Haines' ehemalige Vermieterin in Kroatien, eine ältere Dame, mit der er eng befreundet war. "Es war, als hätte Gott David zu uns geschickt", sagte sie noch wenige Tage vor seiner Ermordung dem "Telegraph". "Es war ihm egal, ob die Leute Kroaten, Serben oder Muslime waren, er hat allen geholfen. Für mich war er wie ein Familienmitglied." Haines habe nach den Jugoslawien-Kriegen Tausende Flüchtlinge unterstützt, die in ihre Dörfer zurückkehrten; er habe ihnen beim Wiederaufbau ihrer Häuser und Schulen geholfen. Weil es oft nicht genug Geld gab, habe er einen großen Teil seines Gehalts gespendet, um etwa für Baumaterial aufzukommen.

Unverständnis äußerte Skoric über die syrischen Geiselnehmer. "Ich weiß nicht, was mit ihnen los ist", sagte sie der Zeitung. "Wissen die nicht, dass er Muslimen geholfen hat? Das scheint ihnen egal zu sein."

David sei seiner humanitären Arbeit mit Enthusiasmus und mit ganzem Herzen nachgegangen, schreibt auch Haines' Bruder Mike in seiner Stellungnahme. "Dass er sich auf sein Projekt in Syrien sehr gefreut hat, ist für uns der wichtigste Aspekt an dieser traurigen Geschichte." Die Familie werde ihn "schrecklich vermissen".

rls/aar

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