Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

De-facto-Präsident Suleiman: In Washington beliebt, beim Volk verhasst

Von Andreas Niesmann

Zu Beginn der Krise ernannte Mubarak ihn hastig zu seinem Stellvertreter - jetzt überträgt er Vollmachten an Omar Suleiman. Der Ex-Geheimdienstchef gilt als Hardliner, ließ Gefangene foltern. Hat er als neuer De-facto-Präsident überhaupt eine Chance, das Land zu befrieden?

Fotostrecke: Omar Suleiman, Mubaraks Mann fürs Heikle Fotos
REUTERS

Er liebt maßgeschneiderte Anzüge, hat Politikwissenschaft studiert und gilt unter Bekannten als ruhig und beherrscht. Das ist die eine Seite des Omar Suleiman. Als General kämpfte er in den beiden Nahostkriegen gegen Israel, als Chef des gefürchteten Geheimdienstes Mucharabat ließ er Gefangene misshandeln und foltern. Das ist seine andere Seite.

Der Mann ist genauso widersprüchlich wie das Land selbst. Im Westen wird er als verlässlicher Gesprächspartner geschätzt. Im eigenen Land ist er als Gesicht des Regimes verhasst.

Doch wer ist der neue starke Mann in Ägypten?

Omar Suleiman stammt aus der ländlichen Provinz Kena, wo er nach unterschiedlichen Quellenangaben 1935 oder 1936 geboren wurde. Er wuchs in einer wohlhabenden Familie auf, absolvierte eine Militärausbildung in Kairo und in der ehemaligen Sowjetunion, studierte Politik.

Nach seiner Zeit beim Militär wechselte Suleiman zum einflussreichen und gefürchteten ägyptischen Geheimdienst Mucharabat, dessen Leitung er 1991 übernahm. Das unbedingte Vertrauen seines obersten Chefs Mubarak errang der Spionage-General 1995, als der Präsident bei einem Afrika-Gipfel in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ein Attentat auf seine Limousine unverletzt überstand. Es war Suleiman gewesen, der auf den Einsatz eines schwer gepanzerten Fahrzeugs bestanden hatte.

Seitdem gilt der Geheimdienstchef, der in seiner Freizeit gerne Schach und Karten spielt, als engster Vertrauter Mubaraks. Der frühere Chef eines europäischen Geheimdienstes bezeichnete ihn einmal als "Augen und Ohren des Präsidenten".

Und er ist Mubaraks Mann für die kniffligen Missionen.

Ein gefragter Unterhändler

Im Nahost-Konflikt galt Suleiman schon seit Jahren als gefragter Unterhändler. Er erreichte eine Reihe von Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und den Palästinensern und verantwortete die ägyptischen Bemühungen, die Gräben zwischen den rivalisierenden Palästinensergruppen wieder zuzuschütten. Außerdem vermittelte er in dem hochkomplexen Streit der afrikanischen Staaten um das Nilwasser.

Neben seinen zahlreichen außenpolitischen Spezialmissionen hat sich Suleiman im eigenen Land auf den Kampf gegen die Islamisten konzentriert, die er mit kompromissloser Härte verfolgen lässt. Ins Visier nahm er vor allem die radikalen Islamistengruppen Gamaa Islamija und Dschihad, nachdem diese eine Reihe von Anschlägen auf Ausländer verübt hatten, was die wichtige ägyptische Tourismusindustrie hart getroffen hatte.

Weil er den islamistischen Terror in seiner Heimat bekämpft und die pro-westliche Palästinenserfraktion um deren Präsidenten Mahmud Abbas gegen die islamische Hamas unterstützt, gilt Suleiman in den USA und in Israel als "Wunschpartner".

Suleiman muss beweisen, dass er anders ist

Vor diesem Hintergrund überraschte es die meisten Beobachter vor knapp zwei Wochen nicht, als Mubarak in seiner größten Not auf Suleiman zurückgriff und ihn zu seinem Stellvertreter ernannte.

Suleiman nahm die Krisenbewältigung in die Hand, skizzierte Reformpläne und versuchte, die Protestbewegung zum Mitziehen zu bewegen - vergebens. Jetzt wird Mubaraks Strippenzieher für sich selbst werben müssen, und das dürfte ihm alles andere als leicht fallen. Denn die Demonstranten argwöhnen, dass Suleiman bloße kosmetische Veränderungen anstrebe, die an den Strukturen in Ägypten nichts wirklich ändern. Diesen Verdacht nährte Suleiman selbst durch die wiederholte Bemerkung, Ägypten sei noch nicht reif für die Demokratie.

Erst am Dienstag hatte Suleiman mit einem Interview die Massen gegen sich aufgebracht. Es werde "kein Ende des Regimes" geben wurde er von der amtlichen Nachrichtenagentur MENA zitiert. Außerdem hatte er gedroht, dass die Regierung die Proteste nicht mehr lange hinnehmen könne. Die Rufe der Demonstranten nach zivilem Ungehorsam nannte er "sehr gefährlich für die Gesellschaft".

Er mag ein anderes Gesicht haben als Mubarak, aber für die Menschen auf der Straße bleibt es das Gesicht des Regimes.

Mit Material von dpa/AFP/dapd

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Keine Chance
nr6527 10.02.2011
Zitat von sysopZu Beginn der Krise ernannte Mubarak ihn hastig zu seinem Stellvertreter - jetzt*überträgt er zusätzliche Machtbefugnisse an*Omar Suleiman. Der Ex-Geheimdienstchef*gilt als Hardliner, ließ Gefangene foltern. Hat er eine Chance, das Land zu befrieden? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744877,00.html
Aus ägyptischer Sicht sprechen wenigstens 2 Dinge dagegen, http://en.wikipedia.org/wiki/Omar_Suleiman Die ägyptischen Bürger fordern ja unter anderem das Ende der Repressalien des Polizei- und Geheimdienstapparates und Suleiman repräsentiert diese. Eine Befriedung durch Suleiman halte ich daher für unwarscheinlich
2. Der Westen liebt Folterer
vantast64 10.02.2011
Wer erinnert sich nicht an Chiles großen Diktator, der Tausende umbrachte? An den Folterschah, den die CIA auf Verlangen der Regierung im Iran installierte? An deutsche Helfer für das Mordsregime des christlichen General Franco? Der amerikanische Botschafter Walters wünschte sich, an seiner Seite gekämpft zu haben. usw. Es wäre gut, wenn unsere Regierung die Worte "Menschenrecht", "Völkerrecht", "Demokratie" leise mit kleinen Buchstaben aussprechen würde.
3. das ist schon sehr schwer,
lbm1958, 11.02.2011
Zitat von sysopZu Beginn der Krise ernannte Mubarak ihn hastig zu seinem Stellvertreter - jetzt*überträgt er zusätzliche Machtbefugnisse an*Omar Suleiman. Der Ex-Geheimdienstchef*gilt als Hardliner, ließ Gefangene foltern. Hat er eine Chance, das Land zu befrieden? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744877,00.html
Als Mr. Mubarak anfing gab es 45 Millionen Ägypter, heute sind es 85 Millionen. Er ist sicher ein Despot, aber er hat trotzdem keinen schlechten Job gemacht. Wie sollten diese ganzen Menschen denn ernährt werden ? Ohne Frieden mit Israel wäre das ganze Experiment im Wasser des Niles versunken. Mubarak hat wie zuvor auch Saddat das Beste für sein Volk, dieÄgypter herausgeholt. Den sogenannten "arabischen Protest" kann doch jeder in der Pfeife rauchen, Realpolitik ja, arabische Geschwafel auch , aber Bitte ohne Konsequqenzen.
4. Speichellecker sind den Amis immer lieb und
pudel_ohne_mütze 11.02.2011
Zitat von sysopZu Beginn der Krise ernannte Mubarak ihn hastig zu seinem Stellvertreter - jetzt*überträgt er zusätzliche Machtbefugnisse an*Omar Suleiman. Der Ex-Geheimdienstchef*gilt als Hardliner, ließ Gefangene foltern. Hat er eine Chance, das Land zu befrieden? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744877,00.html
manchmal sogar teuer.
5. Schlechte Alternative
Michael Giertz, 11.02.2011
Zitat von sysopZu Beginn der Krise ernannte Mubarak ihn hastig zu seinem Stellvertreter - jetzt*überträgt er zusätzliche Machtbefugnisse an*Omar Suleiman. Der Ex-Geheimdienstchef*gilt als Hardliner, ließ Gefangene foltern. Hat er eine Chance, das Land zu befrieden? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744877,00.html
Ein Despot ernennt den nächsten Despoten. Wo soll da die Befriedung eintreten? Frieden durch Machtdemonstration? Suleiman ist die denkbar schlechteste Alternative für die Ägypter, allein dass die USA ihn unterstützen würden, sollte eigentlich zum Denken anregen: was hat die USA denn lieber als die Demokratie? Washingtontreue, lenkbare Politiker. Und da ist es völlig egal, ob es sich um einen demokratisch gewählten Präsidenten, Premierminister oder Kanzler handelt - oder um einen despotischen Ex-Militär, einen Geheimdienstchef oder einen ehemalig demokratisch gewählten Diktator. Hauptsache, er vertritt die Interessen der USA noch vor denen der eigenen Nation.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Ägypten-Debatte auf Twitter


mehr über SPIEGEL ONLINE auf Twitter...
Fotostrecke
Ägyptens Opposition: Leben und protestieren am Tahrir-Platz

Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ägypten-Reiseseite


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: