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Debatte der US-Republikaner: Perry profiliert sich als Scharfmacher

Von , Washington

Die Rente? "Eine monströse Lüge". Die Todesstrafe? Kein Problem! Der Klimawandel? Quatsch. In seiner ersten TV-Debatte hat der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber Rick Perry sein Image als Rechtsaußen geschärft. Genau das könnte für den Umfragekönig nun zum Problem werden.

US-Republikaner: Die Redeschlacht des Scharfmachers Fotos
DPA

Es ist ein Sehnsuchtsort, an dem sich die Bewerber versammeln. Kalifornien, Simi Valley, die Ronald-Reagan-Präsidentenbibliothek. "Lasst Euch von niemandem einreden, dass Amerikas beste Tage hinter uns liegen", prangt ein Spruch des Ex-Präsidenten an der Wand dieses Museums, in dem sogar Reagans alte Air Force One, eine Boeing 707, ihren Platz gefunden hat. Für US-Republikaner ist die Bibliothek eine Pilgerstätte.

Und eine heile Welt für jene sieben Männer und jene Frau, die sich bisher um die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei bewerben. Am Mittwochabend mussten sie sich in Simi Valley in einer TV-Debatte beweisen - zwei von ihnen standen dabei im Mittelpunkt:

  • Rick Perry, seit mehr als zehn Jahren texanischer Gouverneur, Nummer eins in den Umfragen, Hardliner, zerfurchtes Cowboy-Gesicht wie aus der Zigarettenwerbung.
  • Mitt Romney, der Hunderte Millionen Dollar schwere Geschäftsmann und Ex-Gouverneur von Massachusetts, sehr glatt, die Nummer zwei.

Romney und Perry im Rededuell

Diese beiden ziehen die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Die Organisatoren - der TV-Sender NBC und das einflussreiche Blog "Politico" - haben sie nebeneinander an die Pulte gestellt, so dass die Kamera immer auch die Emotion des jeweils anderen einfangen kann. Für Perry ist es die erste große TV-Debatte, er ist erst seit drei Wochen im Rennen. Bis dahin war ausgerechnet Romney der Favorit. Er muss also Eindruck hinterlassen.

Und das geht so: "Wenn ich mein Leben lang in der Politik gewesen wäre, würde ich jetzt nicht Präsident werden wollen", feuert der Ex-Chef einer Investmentfirma eine erste Salve in Richtung Langzeitregent Perry. Der kontert prompt: "Romney war sehr erfolgreich in der Privatwirtschaft aber nicht in der Regierung. Wir haben in Texas während der letzten drei Monate mehr Jobs geschaffen als er in vier Jahren in Massachusetts."

Darauf wieder Romney: "Staaten sind verschieden, Massachusetts war in echten Schwierigkeiten."

Perry, mit Blick auf einen Vorgänger Romneys im Amt des Regierungschefs von Massachusetts: "Michael Dukakis hat dreimal mehr Jobs geschaffen als du, Mitt."

"Und George W. Bush hat mehr Jobs geschaffen als du, Gouverneur", spielt nun Romney seinerseits auf Perrys Amtsvorgänger in Texas an.

"Das ist nicht korrekt."

"Doch, ist korrekt."

Und so weiter. Gerade mal fünf Minuten lief die Debatte - doch von nun an war klar, dass dieser Abend vor allem ein Zweikampf sein würde. Und es war Romney, der nach fast zwei Stunden in der Arena schließlich besser dastand. Denn der Texaner Perry bezog harte Rechtsaußen-Positionen, die zwar beim republikanischen Publikum in der Reagan-Bibliothek prima zündeten - als er über die Todesstrafe sprach, brandete Applaus auf - bei unabhängigen Wählern in einem möglichen Wahlkampf gegen US-Präsident Barack Obama aber kontraproduktiv wirken könnten. Wenn die Vorwahlen im kommenden Jahr beginnen, werden republikanische Parteigänger eben dies bedenken: Ist der favorisierte Kandidat am Ende auch für eine Mehrheit der Nation wählbar?

Mancher Beobachter rechnete damit, dass sich Perry in Simi Valley ein wenig moderater, staatsmännischer geben würde. Dass er möglicherweise einige Formulierungen aus seinem Buch mit dem Titel "Fed Up!" (in etwa: "Schnauze voll!") relativieren würde. Karl Rove, der ehemals mächtige Einflüsterer von George W. Bush, kritisierte im Vorfeld Perrys "toxische" Sprache.

"Monströse Lüge"

Aber auf mehr als eine Anleihe beim Demokraten John F. Kennedy - das beste Wohlfahrtsprogramm sei ein Job - ließ sich Perry nicht ein. Im Gegenteil: Von den Moderatoren der TV-Debatte immer wieder mit eigenen Zitaten konfrontiert, entschloss sich der 61-Jährige zur Vorwärtsverteidigung. Hatte er das System der US-Rente in seinem Buch als "Fehler" und "Ponzi-Schema" (Schneeballsystem) gebrandmarkt, wich er nun keinen Millimeter zurück: Es sei eine "monströse Lüge", die jungen Leute würden später nicht davon profitieren.

Es war einer der Momente, die Romney für sich zu nutzen wusste. "Der republikanische Präsidentschaftsbewerber kann keiner sein, der die Sozialversicherung abschaffen will - er will sie erhalten", sagte er und legte die Stirn in Falten. Es gehe um Millionen von Amerikanern. "Vielleicht ist es Zeit für mehr provokative Worte", entgegnete Perry. Da machte er dann auch gleich beim Klimawandel weiter: Man solle die amerikanische Wirtschaft bitteschön nicht wegen einer bisher nicht belegten "wissenschaftlichen Theorie" in Gefahr bringen.

Attacke aufs Sozialsystem, Leugnen des Klimawandels, scharfe Rhetorik - hat es Perry übertrieben? Romney erscheine eher wählbar als jeder andere auf dieser Bühne, kommentierte die "Washington Post" nach der Debatte: "In der ersten Perry-Romney-Begegnung hat Romney gewonnen." Für Michele Bachmann, die nicht minder radikale Bewerberin von der Tea Party, bedeutete die Fokussierung auf das Männer-Duell an diesem Abend einen neuerlichen Rückschlag. Mehr und mehr ist sie in den vergangenen Wochen in den Schatten Perrys geraten, da beide Politiker nahezu identische Zielgruppen ansprechen.

Besser lief es in der Reagan-Bibliothek schon für Jon Huntsman vom anderen Flügel der Partei. Obamas Ex-Botschafter in China gab sich besonders moderat, suchte sich immer wieder vom Streitduo Perry-Romney abzusetzen, das er stets als "die beiden großartigen Gouverneure" ansprach. "Wir brauchen einen Kandidaten, der auch unabhängige Wähler gewinnen kann", bemerkte er mit Blick auf Perrys Äußerungen und attackierte zugleich immer wieder Obama als den eigentlichen Gegner: "Wir brauchen jemanden, der führen kann. Der Präsident kann nicht führen."

Klar, dachten sich in diesem Moment wohl auch die sieben anderen Politiker auf der Bühne. Und jeder hatte in diesem Moment für diesen Jemand einen anderen Namen im Sinn. Ganz sicher.

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insgesamt 153 Beiträge
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1. Der Klimawandel? Quatsch.
nitram1 08.09.2011
Sehr sympathisch der Mann!
2. An Republikaner, CDUler und Sonstige
Hinrich7 08.09.2011
Perry spricht es aus, es geht um unser Wohlergehen, unser Wohlbefinden und um unser persönliches Glück. Würden wir uns Zeit nehmen und unseren vergänglichen Körper betrachten, so würde sich manches relativieren. Nur wir müssen Geld verdienen, wir müssen unsere Umwelt(Welt) ausbeuten, ja ja die Steinzeit sie meldet sich wieder. Wie wärs wenn wir alle einmal nachhaltiger denken, arbeiten und leben würden? Weniger Verbrauch z. B., ein Mr Perry lebt uns das Unglück vor und es wird noch schlimmer kommen.
3. USA, von gestern
Hubert Rudnick, 08.09.2011
Zitat von sysopDie Rente? "Eine monströse Lüge". Die Todesstrafe? Kein Problem! Der Klimawandel? Quatsch. In seiner ersten TV-Debatte hat der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber Rick Perry sein Image als Rechtsaußen geschärft. Das könnte für den Umfragekönig nun zum Problem werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785034,00.html
Da kann man nur zu sagen, dass nach wie vor einige nichts aus der Vergangenheit gelernt haben, weiter so und nur nicht die Realität mit in Betracht ziehen.
4. Stimmt hoffnungsvoll...
Richard.M 08.09.2011
...da kann man ja hoffen, dass die Republikaner tatsächlich einen radikalen Dünnbrettbohrer zum Kandidaten ernennen, der dann hoffentlich rechtzeitig von genug Wählern als Nullnummer erkannt wird. Nochmal vier Jahre mit einem Präsi vom Kaliber eines George W. würden weder den USA noch dem Rest der Welt gut bekommen.
5. ...
Erz_Atheist 08.09.2011
Zitat von nitram1Sehr sympathisch der Mann!
Sie wissen wohl schon, womit er diese Aussage begründet?
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Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

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