Debatte in Großbritannien Tories träumen von der Atom-Renaissance

Die britische Regierung plant eines der ehrgeizigsten AKW-Neubauprogramme weltweit. Die Tories von Premier David Cameron wollen sich durch den Unfall in Fukushima nicht von ihrer Linie abbringen lassen. Die Anti-Atom-Lobby ist isoliert.

Von , London

Britanniens Premier Cameron: Atomkraft als wesentliche Bedingung für "green economy"
AFP

Britanniens Premier Cameron: Atomkraft als wesentliche Bedingung für "green economy"


Schon am Wochenende ahnte Londons Bürgermeister Boris Johnson Schlimmes. In den kommenden Tagen, stöhnte der britische Konservative, würden wieder die "Prediger und Moralisierer" von der "Atomkraft?-Nein-danke!-Brigade" ihre alten Argumente aus der Schublade holen. Dabei sei es doch fraglich, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen den Reaktorproblemen in einer bekannten Erdbebenzone und dem britischen AKW-Neubauprogramm gebe, schrieb Johnson in seiner "Daily Telegraph"-Kolumne.

Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima hat auch in Großbritannien eine neue Atomdebatte begonnen. Allerdings ist die Diskussion nicht annähernd so aufgeregt wie in Deutschland, wo eine Spontan-Demo in Baden-Württemberg mal eben 60.000 Teilnehmer anlockte. Vielmehr scheinen die Briten sich von Winston Churchills altem Motto leiten zu lassen: "Keep calm and carry on"- übersetzt etwa: "Ruhe bewahren und weitermachen."

Nur die üblichen Verdächtigen haben sich bislang alarmiert zu Wort gemeldet: Greenpeace, die Kampagne für nukleare Abrüstung und die Grünen fordern ein Umdenken der Regierung in der Atomfrage. Es sei "pervers", eine neue AKW-Generation zu bauen, wenn es sichere Alternativen gebe, sagte Caroline Lucas, die einzige Grünen-Abgeordnete im Unterhaus.

Politischer Konsens pro Atomkraft

Sie finden jedoch kaum Gehör. Politiker und Medien behandeln Fukushima bislang als Katastrophe im Ausland, nicht als Frage der Innenpolitik. Anders als in Deutschland ist der politische Konsens in Großbritannien seit langem pro Atomkraft. Labour- und Tory-Regierungen gleichermaßen treiben die Planungen für zehn neue Reaktoren seit Jahren voran. Der konservative Premier David Cameron wirbt für eine "green economy" und sieht Atomkraft als eine wesentliche Bedingung dafür. Labour kann das nicht schlecht finden: Der heutige Oppositionsführer Ed Miliband war vor einem Jahr noch Energieminister und selbst Verfechter der "sauberen Energie".

Die dritte politische Kraft, die Liberaldemokraten, die in der Opposition die wichtigsten Atomkraftgegner waren, sitzen nun in der Regierung. Der liberale Energieminister Chris Huhne, der 2007 die Atomkraft noch als Sackgasse bezeichnet hatte, vertritt inzwischen brav die atomfreundliche Koalitionslinie.

Nach dem Fukushima-Unfall verzichtete Huhne darauf, die Katastrophe zur parteipolitischen Profilierung zu nutzen. Er beauftragte nur die Atomaufsichtsbehörde, die Geschehnisse in Japan auf mögliche Lehren für Großbritannien hin zu untersuchen. Zugleich betonte er die Unterschiede zwischen den beiden Ländern: Zum einen laufe in Großbritannien kein Reaktor des Fukushima-Typs, zum anderen gebe es den "sehr großen Unterschied, dass wir glücklicherweise nicht in einer aktiven Erdbebenzone wie Japan leben", sagte er in einer BBC-Talkshow.

"Seltene Gelegenheit, eine heimische Industrie wieder aufzurichten"

Huhne sagte vor dem Energieausschuss des Unterhauses, das künftige Investitionsklima in der Atombranche werde vom Ausgang der Untersuchung abhängen. Diese solle man erst abwarten. Eine Schließung britischer Atommeiler lehnte er ab. Offensichtlich in Anspielung auf das deutsche AKW-Moratorium sagte er: "Ich bedauere es, dass Politiker auf dem Kontinent nun voreilige Schlüsse ziehen."

Die britische Regierung wird ihren Traum von einer Atom-Renaissance nicht so leicht aufgeben. Für sie geht es dabei nicht nur um die künftige Energieversorgung, sondern auch um die Wiederbelebung eines dahinsiechenden Industriezweigs. Das AKW-Bauprogramm biete "die seltene Gelegenheit, eine heimische Industrie wiederaufzurichten", schrieb die "Sunday Times".

Ursprünglich sollte das erste neue britische AKW seit zwei Jahrzehnten 2017 ans Netz gehen. Inzwischen gilt 2020 als realistischer, weil es Planungsverzögerungen gab und ungeklärt ist, welche Subventionen die Regierung den Kraftwerksbetreibern zugestehen wird. Die Fukushima-Debatte könnte die Pläne noch etwas weiter zurückwerfen - je nachdem, wie die Untersuchung der Atomaufsichtsbehörde ausfällt.

In Leitartikeln forderten konservative Zeitungen die Regierung jedoch auf, an den Neubauplänen festzuhalten. "Wir brauchen die Atomkraft", kommentierte der "Telegraph" am Dienstag. Und die "Times" schrieb unter der Überschrift "Kernfakten", dass Atomkraft eine der sichersten Energieformen bleibe.

Am politischen Willen scheint der Unfall in Japan nichts geändert zu haben. Führende Tories sind entschlossen, ihre Atompläne zu verteidigen. In einer Zeit, da der Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel steigen könnte, wäre es doch geradezu "Wahnsinn", auf eine langfristige Alternative zu fossilen Energiequellen zu verzichten, gibt Londons Bürgermeister Johnson zu bedenken.

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insgesamt 45 Beiträge
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T. Wagner 20.03.2011
1. Wagner's wahre Worte
So richtig und wichtig es ist, eine Energieversorgung ohne große Risiken langfristig als Ziel zu deklarieren, so richtig und wichtig ist es auch, die Energieversorgung heute und morgen zu sichern. Deutschland isoliert sich mehr und mehr. Aber vielleicht erwächst daraus auch Gutes. Nämlich ein Innovationsvorsprung in Richtung "regenerative Energieversorgung", der nicht einholbar ist.
Europa! 20.03.2011
2. Null Toleranz für AKW-Egoismus
Der Bau von AKWs sollte grundsätzlich der Prüfung aller Nachbarstaaten unterworfen werden, zumindest in der EU. Die französischen und britischen AKWs werden fröhlich nach dem Motto errichtet: Der Wind weht ja meistens von Westen nach Osten. Diese Skrupellosigkeit darf nicht länger hingenommen werden.
holsteinerjung 20.03.2011
3. Ohne Subvention kein AKW-Neubau
Großbritannien hat das beste Windenergie-Potential in Europa überhaupt. Selbst wenn man das Risiko eines GAUs, die ungelösten Endlager-Probleme etc. ausklammert, ist es einfach nur dumm von der britischen Regierung auf den Neubau von AKWs zu setzen. In Großbritannien werden durch ein Planungsrecht, das den Ausbau der sehr kostengünstigen Onshore-Windenergie ausbremst, enorme wirtschaftliche Chancen verspielt. Ohne massive Subventionen werden neue AKWs auch in UK nicht gebaut werden. Nein, das kommt nicht von Greenpeace, sondern ist die Analyse der Citigroup (und das war vor Fukushima, die Risikoaufschläge zur Finanzierung von AKW-Neubauten werden sich nochmal deutlich erhöhen): https://www.citigroupgeo.com/pdf/SEU27102.pdf
buntesmeinung 20.03.2011
4. keine Spontandemo
Der Artikel spricht hier von einer "Spontandemo in Baden-Württemberg", die "mal eben 60.000 Teilnehmer anlockte". Das ist sachlich falsch. Die Demonstration war schon länger geplant. Lediglich die Teilnehmerzahl wird natürlich aufgrund der Ereignisse in Japan höher ausgefallen sein als erwartet. Es ist bedauerlich, dass es in Großbritannien keine breitere Bewegung der Kernkraftgegner gibt. Ebenso traurig, dass die offenbar einzig gewichtige Kraft aus diesem Lager in die Staatsräson eingebunden wurde. Es ist angesichts der katastrophalen Folgen von Tschernobyl und Fukushima zynisch, diese Form der Energiegewinnung mit "green economy" in Verbindung zu bringen und sie als "saubere Energie" zu bezeichen. Aber die Briten hatten und haben ja seit je her einen laschen Umgang mit den Risiken der Kernenergie, siehe Sellafield. Aus dem Artikel wird eines ganz deutlich: Es geht um Geld, Geld und nochmals Geld. Die extrem negativen Folgen für Mensch und Umwelt sind für dieses hehre Ziel in Kauf zu nehmen. Ganz übel finde ich auch, dass die weltweite Diskussion darüber, ob man noch bereit ist, das sogenannte Restrisiko angesichts der einmal mehr offenbar gewordenen Folgen seines Eintretens zu tragen, von den Briten als Chance gesehen wird, Marktanteile zu gewinnen.
Benjowi 20.03.2011
5. Weltfremd!
Zitat von Europa!Der Bau von AKWs sollte grundsätzlich der Prüfung aller Nachbarstaaten unterworfen werden, zumindest in der EU. Die französischen und britischen AKWs werden fröhlich nach dem Motto errichtet: Der Wind weht ja meistens von Westen nach Osten. Diese Skrupellosigkeit darf nicht länger hingenommen werden.
Aha, wären wir also soweit. Ganz offensichtlich beurteilen aber fast alle Nachbarstaaten die Situation grundlegend anders und sie werden sich nicht ausgerechnet an den Glaubenskriegern aus Deutschland orientieren. Die Annahme, die britische oder die französische Regierung würden sich von den deutschen Grünen in ihre jeweilige Energiepolitik hereinreden lassen, ist freundlich ausgedrückt absolut weltfremd!
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