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Debatte über Minarett-Verbot: "Der Islam ist in Europa wichtiger als das Christentum"

Die Integration der Muslime gelingt nicht so, wie es sich die Europäer vorstellen. Schuld daran ist die Mehrheitskultur selbst, meint Einwanderungsexperte Christopher Caldwell im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie setzt sich mit dem Islam zu wenig auseinander - und kommt ihm zu weit entgegen.

Minarett in Rendsburg: "Es ist ein Fehler, die Religiosität der Muslime zu verachten" Zur Großansicht
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Minarett in Rendsburg: "Es ist ein Fehler, die Religiosität der Muslime zu verachten"

SPIEGEL ONLINE: Herr Caldwell, die Schweiz hat in einer Volksabstimmung Minarette verboten. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon hörten?

Caldwell: Für mich war das Faszinierendste die Kluft zwischen der deutlichen Ablehnung des Verbots in den Umfragen und der großen Zustimmung in der Abstimmung. Das bedeutet, dass es eine offizielle Islam-Diskussion gibt und eine verdeckte. Und das sollte den Europäern Sorgen machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass es in Europa keine offene Diskussion über den Islam gibt?

Caldwell: Ja, es hat sich allerdings schon einiges getan. Heute wird wesentlich offener debattiert als noch vor einigen Jahren. In den Niederlanden oder in Dänemark gibt es sogar eine sehr heftige Debatte. Ich glaube zwar nicht, dass viele Dänen oder Niederländer stolz darauf sind, wie ihre populistischen Parteien das Thema Einwanderung debattieren. Dennoch glaube ich, dass es besser ist, wenn offen darüber gesprochen wird.

SPIEGEL ONLINE: Wo kann denn ihrer Meinung nach nicht offen gesprochen werden?

Caldwell: In Ländern wie Frankreich bestehen Gesetze gegen alle möglichen Arten von Meinungsäußerungen. Das hat eine sehr abschreckende Wirkung. Viele Menschen haben Angst zu sagen, wie sie wirklich denken. Manchmal offenbar sogar bei Umfragen, wie das Beispiel der Schweiz zeigt.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch "Reflections on the Revolution in Europe" werfen sie einen skeptischen Blick auf Europas Verhältnis zu seinen muslimischen Einwanderern. Bedrohen muslimische Einwanderer in Ihren Augen also den Kontinent?

Caldwell: Ich spreche nicht von einer Bedrohung. Das ist mir sehr wichtig. Diese Debatte wurde bisher zwischen zwei Extremen geführt. Auf der einen Seite die Schwarzseher, die sagen, der Islam werde die Macht in Europa übernehmen. Auf der anderen Seite die Leute, die sagen, es gebe kein Problem, das einzige Problem sei der Rassismus. Beide Positionen halte ich für falsch. Ich habe versucht, einen neuen Ton anzuschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gewinnt man beim Lesen Ihres Buches den Eindruck, dass Sie es für schwierig halten, dass Europa seine muslimischen Zuwanderer jemals ganz wird integrieren können.

Caldwell: In der Tat glaube ich, dass sich mit dem Islam Schwierigkeiten ergeben, die andere Gruppen von Einwanderern nicht haben. Zum einen ist da die wachsende Bedeutung des politischen Islam in den letzten 50 Jahren. Eine bedeutende Minderheit der europäischen Muslime fühlt sich mit der muslimischen Welt solidarisch, und sie hat das Gefühl, dass der Westen mit dieser Welt im Krieg ist. Das macht es schwieriger für sie, die europäische Identität vollständig anzunehmen. Aber wichtiger scheinen mir die kulturellen Schwierigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Caldwell: Viele Menschen sind zu optimistisch, wenn sie glauben, dass die Muslime in Europa ihre Religion mit der Zeit gewissermaßen aufgeben werden. Ihre Religion wird vielleicht milder werden, sie wird sich verändern, aber wir wissen nicht genau wie. Mit Religion gehen gewisse Haltungen einher, und genau damit gibt es die meisten Probleme - mit der Einstellung von Muslimen zu Frauen, zu familiären Beziehungen, zu Sex oder zu Rechten von Schwulen.

SPIEGEL ONLINE: Der Anteil der Muslime an der europäischen Bevölkerung ist sehr gering. Er beträgt ungefähr fünf Prozent.

Caldwell: Das akzeptiere ich durchaus. In meinem Buch schätze ich die Gesamtbevölkerung Westeuropas auf 400 Millionen und die Zahl der Muslime auf etwa 20 Millionen, sie wächst allerdings weiterhin.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr wächst sie denn wirklich? Sie argumentieren mit der höheren Geburtenrate, aber die nähert sich laut vielen Studien in der zweiten und dritten Generation der Einwanderer dem Landesdurchschnitt an.

Caldwell: Das ist richtig. Die Zahl nimmt dennoch zu, weil erstens weiterhin Einwanderer kommen, und weil zweitens ihre Geburtenrate trotzdem immer noch leicht höher liegt. Viel entscheidender ist aber, dass die Muslime mit ihrer Kultur in einer Weise beherbergt werden müssen, die Europa nötigt, seine Strukturen zu verändern. Die Mehrheitsgesellschaft ist den Einwanderern in den letzten 20 Jahren in vielen Fragen entgegenkommen. Manchmal geht es um kleine Dinge wie Gebetsräume am Arbeitsplatz. Es geht aber auch um große Fragen, das zeigt das Urteil eines französischen Gerichts, das eine gerade geschlossene Ehe annullierte, weil die Frau nicht mehr Jungfrau war.

SPIEGEL ONLINE: Und dadurch verändert sich der Charakter Europas?

Caldwell: Wenn eine unsichere Mehrheitskultur, die alles relativiert, auf eine Kultur trifft, die zwar in der Minderheit ist, aber ein großes Selbstvertrauen und Dynamik hat, dann ist es normalerweise die Mehrheitskultur, die sich der Minderheitskultur anpasst.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie die europäische Mehrheitskultur für so schwach, weil sie säkular ist?

Caldwell: Der Islam ist in Europa die zweitgrößte Religion. Aber das ist nur statistisch richtig. Wenn man die Lebendigkeit seiner Ideen betrachtet, ist der Islam in Europa die viel wichtigere Religion als das Christentum. Es gibt so viele Artikel in Zeitungen, so viele Debatten zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Koran zu Ehrenmorden oder zum Kopftuch sagt. Was das Christentum dazu sagt, scheint für niemanden von großer Wichtigkeit zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Da höre ich ein gewisses Bedauern.

Caldwell: Ich will Europa keine Ratschläge erteilen. Mir fällt nur auf, dass viele Europäer sich selbst für aufgeklärt halten und den Islam für barbarisch. Es ist ein Fehler, die Religiosität der Muslime zu verachten. Mein Eindruck ist, dass sie ihnen etwas gibt, das den Europäern fehlt. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Präsenz so weniger Muslime viele Europäer so nervös macht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 98 Beiträge
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1. Recht hat er
delta058 09.12.2009
Zitat von sysopDie Integration der Muslime gelingt nicht so, wie es sich die Europäer vorstellen. Schuld daran ist die Mehrheitskultur selbst, meint Einwanderungsexperte Christopher Caldwell im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie setzt sich mit dem Islam zu wenig auseinander - und kommt ihm zu weit entgegen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,665841,00.html
Vor allem hat der Autor recht. In vielen Ländern Europas herrscht nach wie vor eine Zensur der Meinungen die nicht pc sind. Die Umfragen die sich der Autor wohl als Vergleich herannahm sind ein besinders gutes Zeiche dafür. Umfragen die nicht das gewünschte Ergebnis bringen werden entweder ganz schnell gelöscht (geschiet z.B. auch gerne mal bei SPON) oder manipuliert, weil man so hofft die Leute zu beeinflussen (bei Wahlen nicht ganz unüblich). Das geschrei ist dann allerdings groß, wie die gefälschten Werte plötzlich mit der Realität aufeinander prallen, allerdings wird dann immer die Schuld bei der Bevölkerung nicht beim verlogenen System gesucht.
2. Die Ausseinandersetzung geht nicht zw. Christentum und Islam,
Christiane Schneider 09.12.2009
Wenn man seine Freiheit nicht verteidigt, muß man sich nicht wundern, das sie irgendwann weg ist. Ich möchte nur nicht, das meine Kindeskinder irgendwann mal nach den Regeln des Islam leben müssen, weil eine entsprechende muslimische Interessenvertretung dafür gesorgt hat. Dafür genügen auch demokratische Anteile in unserem Parteiensystem. Diese islamischen Parteien wird es irgendwann geben. Die Ausseinandersetzung geht nicht zw. Christentum und Islam, es geht um die Werte unserer Verfassung und Freiheit gegen eine Ideologie mit politischem Anspruch und Regeln für den Alltag. Ich hoffe die westliche Gesellschaft schafft das..
3. Korrektur
Nachtschwester Ingeborg 09.12.2009
Zitat von sysopDie Integration der Muslime gelingt nicht so, wie es sich die Europäer vorstellen. Schuld daran ist die Mehrheitskultur selbst, meint Einwanderungsexperte Christopher Caldwell im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie setzt sich mit dem Islam zu wenig auseinander - und kommt ihm zu weit entgegen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,665841,00.html
Die Überschrift gibt ein verschobenes Bild des Interviews wieder. Caldwell hält nicht den Islam in Europa für wichtiger als das Christentum, sondern sagt, die mediale Präsenz und die Diskussion darüber erwecken diesen Eindruck.
4. Religion
heinrichp 09.12.2009
Zitat von sysopDie Integration der Muslime gelingt nicht so, wie es sich die Europäer vorstellen. Schuld daran ist die Mehrheitskultur selbst, meint Einwanderungsexperte Christopher Caldwell im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie setzt sich mit dem Islam zu wenig auseinander - und kommt ihm zu weit entgegen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,665841,00.html
Das ganze Problem ist die Religion selbst. Ohne das Verständnis was Religion eigentlich bedeutet, wird die Integration der Muslime in Europa nicht gelingen, auch nicht die Integration der Christen in der Türkei und andern islamischen Länder im Nahen Osten. Der Begriff "Religion" wird heutzutage im allgemeinen missverstanden. Üblicherweise assoziiert man damit ein bestimmtes Glaubensbekenntnis oder eine bestimmte Konfession (lat. confessio, Bekenntnis). Diese Assoziation ist aber oberflächlich und irreführend... Religion leitet sich vom lateinischen "religio" her, was "Rückbindung" bedeutet. Es bezieht sich also auf den Umstand, dass wir eine Verbindung zu etwas aufgegeben haben und es nun unsere Aufgabe ist, uns wieder aufs neue damit zu verbinden. Religion bezieht sich also auf die Bemühung, sich wieder mit der Wirklichkeit zu verbinden. Natürlich sind wir in einem Sinne jeden Augenblick mit dieser Wirklichkeit verbunden. Rückbindung kann sich also nur darauf beziehen, diese Tatsache wieder bewusst anzuerkennen. Religion ist also ein System, das den Menschen dazu erzieht, die Realität so anzunehmen, wie sie wirklich ist. Religion hat auch nichts mit den verschiedenen Glaubensbekenntnissen dieser Welt zu tun. Im Laufe der Geschichte erscheinen überall auf der Erde autorisierte religiöse Lehrer, die gemäß Zeit, Ort und Umständen versuchen, den Menschen die Realität zu erklären und sie zu bewegen, zu ihrem eigenen Glück und Vorteil wieder im Einklang mit den Gesetzen der Wirklichkeit zu leben... http://www.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-476/i.html
5. "Der "Islam"?
los, 09.12.2009
Leider scheint es in der islamischen Welt wie überall sonst auch zu sein: Die Radikalen schreien am lautesten und sind deshalb am einfachsten wahrzunehmen. Aber: Das Bild "des Islams im Westen" hat in den letzten 10 Jahren sehr gelitten. Und die Verbände, Vereine, Politker aus islamischen Ländern... haben nicht wirklich dazu beigetragen, dies zu verhindern, eher im Gegenteil. Und wenn man die Schweizer jetzt an den Pranger stellt, weil eine Volksmehrheit hier diesem Bild Rechnung getragen hat, dann ist das um sio bedenklicher, denn es bestätigt die Wahrnehmung vom Islam, nur solange "demokratisch" zu sein, wie es um die Wahrung und Mehrung seiner Rechte geht, nicht aber, wenn es um Limitierungen geht. Genau dieses Bild aber ist es, das "den Islam" unpopulär macht. Letztendlich geniessen Moslems hier deutlich mehr Rechte und Freiheiten, als Andersgläubige in vielen islamischen Staaten. Im Klartext: Europa hat fast 1000 Jahre gebraucht, um sich von einer religiösen Herrschaft zu befreien, wir brauchen keine Wiederholung. Wer nur nach den Regeln seiner religion leben will, der muß eben in ein Land gehen, in dem diese möglich ist. Hier geht das eben nur, solange diese Regen mit unseren Gesetzen vereinbar sind. Die stehen über dem Koran, der Bibel, der Thora... Und so soll es auch bleiben.
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Zur Person
Christopher Caldwell, ist Senior Editor beim "Weekly Standard" und schreibt für die "Financial Times", das "Wall Street Journal" und die "New York Times". Er ist Autor des Buches "Reflections on the Revolution in Europe" über die muslimische Einwanderung in Europa.

Fotos Action Press (2), AP, Getty Images

Heft 50/2009:
Das verlorene Jahrzehnt

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