Debatte über Untreue-Gesetz: Noch 1997 drohte Österreichs Ehebrechern Gefängnis

Von und Daniel Freudenreich

Mit einem Gesetz, das Ehebruch wieder unter Strafe stellen soll, macht sich die türkische Regierung in Brüssel unbeliebt und riskiert den umstrittenen Beitritt in die Europäische Union. Dass man wegen eines Seitensprungs ins Gefängnis muss, war allerdings auch in einem EU-Staat bis vor wenigen Jahren noch Gesetz.

Zwar passt ein Gesetz, das Ehebruch unter Strafe stellt, nicht mehr in das Europa von heute. Doch Hochmut gegenüber dem EU-Aspiranten Türkei ist ebenso wenig angebracht. Denn ähnliche Gesetze standen auch in einigen europäischen Ländern noch vor ein paar Jahren in den Gesetzestexten. Wer in Österreich beim Fremdgehen ertappt wurde, dem drohte noch vor gut sieben Jahren eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten oder eine Geldbuße bis zu 360 Tagessätzen. Je nach Einkommen konnte diese empfindlich hoch ausfallen - der Tagesbetrag lag zwischen 30 Schilling (zwei Euro) und 4500 Schilling (327 Euro).

Erst am 28. Februar 1997 wurde Paragraph 194 des Strafgesetzbuches ersatzlos gestrichen. "Die konservativen Parteien haben bis dahin durchsetzen können, dass Ehebruch als Straftat gesetzlich verankert blieb", sagt Helmut Graupner, Wiener Rechtsanwalt und Co-Vorsitzender der österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung. Noch im Jahr 1996 wurden ein Mann und eine Frau wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs zu Freiheitsstrafen auf Bewährung und erheblichen Geldstrafen verurteilt. Dabei reichte schon ein einmaliger Seitensprung eines Ehepartners, den der Betrogene zur Anzeige bringen musste.

"1995 kamen fünf Personen vor Gericht, 1996 nur noch zwei", weiß Christian Pilnacek, Strafprozessrechtsexperte im österreichischen Justizministerium. Heute ist Ehebruch in Österreich nur noch für das Scheidungsrecht relevant und gilt als Grund zur Aufhebung der Lebenspartnerschaft.

Ehebruch war in Spanien ein rein weibliches Verbrechen

Entsetzliche Szenen mögen sich noch vor ein paar Jahrzehnten in den katholischen Ländern Südeuropas abgespielt haben. In Spanien wurde ein Mann, der seine Frau beim Fremdgehen erwischt hatte, und sie daraufhin umbrachte, in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt. "Das war zwar gesetzlich natürlich nicht verankert, wurde aber damit gerechtfertigt, dass die Gemütserregung des Mannes und der daraus folgende Mord als verständlich und deshalb nicht als Straftat angesehen wurde", so Graupner.

Ehebruch war in Spanien ein rein weibliches Verbrechen. 1968 habe sich die Lage der Ehebrecherinnen "verbessert", weiß die Berliner Anwältin Mercedes Hervas Megia, die sich mit spanischem Eherecht befasst. Demnach konnte die Betroffene "nur noch" mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt werden. Per Gesetzesbeschluss wurden derartige drakonische Strafen vom Parlament am 26. Mai 1978 verboten.

Am 7. Juli 1981 wurde schließlich ein Scheidungsgesetz verabschiedet, das erstmals in Spanien die Aufhebung der Ehe ermöglichte. Heute kann der Ehebruch strafrechtlich nicht verfolgt werden, ist aber nach Paragraph 82 im Cogido Civil, dem Spanischen Gesetzbuch, ein Scheidungsgrund.

Untreue wurde bei Männern großzügiger behandelt

Auch in Italien wurden einst untreue Männer anders behandelt als untreue Frauen. 1969 wurde in Italien ein Gesetz, das Ehebruch unter Strafe stellt, abgeschafft, vor allem mit der Begründung, dass es fast ausschließlich auf Frauen angewandt wurde. "Ein Seitensprung des Mannes wurde erheblich großzügiger beurteilt", sagt Graupner. So konnten Frauen, die ihren Ehepartner betrogen hatten, zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden. Männer konnte Ehebruch strafrechtlich nur dann angelastet werden, wenn sie ihre Freundin mit in die eheliche Wohnung brachten oder wenn ihnen "notorisches Fremdgehen" nachgewiesen werden konnte. Auch in Deutschland wurde ein Gesetz, das Ehebruch unter Strafe stellt, erst in den späten sechziger Jahren abgeschafft.

Bis vor 300 Jahren wurde Ehebruch im mittelalterlichen Recht noch als eine der schwersten Straftaten geahndet, meistens in dem die Ehemänner ihre untreuen Frauen bei lebendigem Leib verbrannten. "Von Milderung konnte man schon sprechen, wenn die Frauen zuerst geköpft wurden, und erst dann verbrannt", sagt Experte Graupner.

Die strafrechtliche Verfolgung von Ehebruch gibt es in Europa nicht mehr, seitdem auch Österreich in der Moderne angekommen ist. Zivilrechtlich allerdings gibt es immer noch große Unterschiede. So kann die Schuld an einer Scheidung in Italien immer noch demjenigen angelastet werden, der fremdgegangen ist. Das kann, wird der Seitensprung bewiesen, dazu führen, dass dem Schuldigen Anspruch auf Erbe und Unterhaltszahlungen entzogen werden.

Die Bibel gab die Vorlage

Ein Vorwurf an die Türkei lautet, sie würde islamisches Recht in ihre Gesetze einfließen lassen. Doch zum Thema Sünde auf sexuellem Gebiet gibt es auch in der Bibel ein endloses Register.

So heißt es im fünften Buch Mose: "Wenn jemand dabei ergriffen wird, dass er einer Frau beiwohnt, die einen Ehemann hat, so sollen beide sterben", oder: "Wenn eine Jungfrau verlobt ist, und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt ihr bei, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen, und sollt sie beide steinigen, dass sie sterben". Im zweiten Buch Mose steht geschrieben: "Wenn jemand mit der Frau seines Oheims Umgang hat, der hat seinen Oheim geschändet. Sie sollen ihre Schuld tragen; ohne Kinder sollen sie sterben."

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