Debatte um Attentat von Arizona: Sarah Palin im Fadenkreuz

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Sind aggressive Wahlkampagnen mit schuld am Attentat von Arizona? Im Internet tobt eine hitzige Debatte zwischen Millionen Nutzern. Anhänger von Sarah Palin wehren sich gegen Vorwürfe, die Republikanerin habe das politische Klima vergiftet - Palin selbst schwört: "Ich hasse Gewalt."

dpa

Hamburg - Der Mordanschlag auf die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords hat in den USA einen politischen Lagerkampf entzündet, der sich rasant in sozialen Netzwerken und Internetforen verbreitet. Millionen Menschen diskutieren in Blogs, auf Twitter und Facebook über das Blutbad von Arizona - und welche Rolle aggressive Parteikampagnen dabei gespielt haben könnten. Dabei ist noch immer unklar, ob die Tat überhaupt politisch motiviert war.

Zwei Tage nach dem Attentat vor einem Einkaufszentrum in Tucson läuft die Debatte auf Hochtouren. Der Vorwurf von Anhängern der demokratischen Partei Barack Obamas: Ein "Klima des Hasses", wie der Nobelpreisträger Paul Krugman in der "New York Times" anprangert, habe zu dem Attentat geführt - maßgeblich geschürt von Verbalattacken konservativer Politiker. Konservative wehren sich mit aller Macht gegen diese Anschuldigung, verweisen auf die psychologischen Probleme eines "Einzeltäters", werfen Demokraten vor, sie würden die "schreckliche Tat" politisieren und zwecks Stimmenfang ausschlachten.

Im Mittelpunkt der Debatte steht die Republikanerin Sarah Palin. Kritiker werfen ihr vor, sie habe die Wut des Schützen Jared Lee Loughner mit einer missverständlichen Grafik befeuert: eine von Palins Strategen designte US-Landkarte in tiefblau, veröffentlicht unter anderem auf Palins Facebook-Profil. Die Karte zur Kampagne "Take back the 20" nahm im vergangenen Jahr 20 Demokraten ins Visier, die zur Wiederwahl standen, darunter auch die bei dem Attentat schwer verletzte Giffords. Die politischen Gegner standen - so der optische Eindruck - im Fadenkreuz eines Zielfernrohrs.

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Kämpferische US-Kampagnen: Fadenkreuze und Zielscheiben
Facebook-Managerin Randi Zuckerberg - Schwester von Facebook-Chef Mark Zuckerberg - erklärte im Interview mit dem Fernsehsender ABC am Montag, die Debatte über das Attentat laufe in dem sozialen Netzwerk auf Hochtouren. "Ist Sarah Palin schuld?" sei bereits Stunden nach dem Blutbad die "am meisten diskutierte Frage" in Gruppen, Foren und Kommentarschlangen gewesen. Zwei Millionen Menschen hätten sich in den vergangenen 36 Stunden in Debatten mit dem Stichwort "Arizona Shooting" eingeklinkt.

Palin: "Ich hasse Gewalt."

Unbestritten ist Palins Vorliebe für Kriegs- und Jagdvokabular, zu verfolgen in Reden, Twitter-Einträgen und in ihrer US-Realityshow "Sarah Palin's Alaska". Palin forderte ihre Unterstützter einst per Twitter auf, bei der Kritik an der Gesundheitsreform der Demokraten nicht nachzugeben, sondern nachzuladen ("Don't retreat, instead RELOAD"). Jetzt stürzen sich ihre Kritiker mit Macht auf solch martialische Wortwahl. Auch die umstrittene Fadenkreuz-Grafik war mit einem kämpferischen Titel garniert: "Es ist Zeit, Stellung zu beziehen". ("It's time to take a stand"). Gifford selbst hatte in einem Fernsehinterview Stil und Optik der Illustration kritisiert.

Und was macht Palin?

Sie ließ die Grafik eiligst löschen, die Website der Kampagne sperren. Am Montagabend teilte Palin dem US-Sender Fox News in einer E-Mail mit, sie "hasse" Gewalt. "Ich hasse Krieg", fuhr sie dem CNN-Blogger Alexander Mooney zufolge fort, und beschuldigte die US-Nachrichtenseite "Politico", sie porträtiere ihre Person als "Anstifterin von Terror und Gewalt" und schlage aus der Situation Kapital.

Auch Palins Anhänger reagierten mit unverschleiertem Zorn auf die Vorwürfe. Ein BBC-Blog zitiert einen Palin-Anhänger mit den Worten, der Attentäter Jared L. sei ein verrückter Einzeltäter, dessen "furchtbare Tat von Tucson" nun dazu instrumentalisiert werde, Konservative und Waffenbesitzer zu dämonisieren.

Palin-Anhänger James York hat eine Palin-Verteidigungsgruppe gegründet: Die Unterstützer der Republikanerin sollen sich auf www.facebook.com/defendpal zusammenschließen, für die "Sicherheit Palins und ihrer Familie beten", da diese wohl Drohungen erhalten werde. "Einige Palin-Hasser schlachten die Horrortat aus, um im politischen Spiel gegen die ehemalige Gouverneurin von Alaska zu punkten", zitiert der "Vancouver Observer".

Absurder Streit über Farben und Formen

Palin-Sprecherin Rebecca Mansour versucht, die Wogen zu glätten, kaum eine Stunde vergeht ohne einen ihrer Twitter-Einträge. In einer Radioshow sagte sie: "Keinem von uns ist in den Sinn gekommen, das jemand die Grafik mit Gewalt in Verbindung bringen könnte." Und fügte hinzu: "Wir haben niemals, aber auch niemals die Symbole als das Visier einer Waffe betrachtet oder als solche darstellen wollen. Wir haben nichts damit (mit dem Attentat, Anm. d. Red.) zu tun." Die vermeintlichen Fadenkreuze seien eindeutig "Vermessungssymbole" oder Markierungen.

Manour attackiert die Kritiker Palins unverblümt: Die Bluttat von Arizona zu politisieren sei "abstoßend" und "widerlich". Im Interview weist sie die Verantwortung von sich: "Das Schaubild wurde nicht einmal in unserem Haus angefertigt. Wir hatten einen externen Profi für politische Grafiken, der das für uns gemacht hat", zitiert die "Atlantic" aus dem Radio-Interview.

  • Richtig ist: Es gibt bislang keinen Hinweis darauf, dass die Tat des Schützen von Arizona mit der Republikanerkampagne in Verbindung steht - es ist nicht einmal klar, ob er besagte Zielkarte überhaupt jemals zu Gesicht bekommen hat.
  • Richtig ist aber auch: Palin selbst hatte in einem Tweet vom November die Symbole der umstrittenen Grafik als "bull's eyes" bezeichnet - was man je nach Übersetzung als Bullauge, aber auch als "Zentrum einer Zielscheibe" und "Volltreffer" bezeichnen kann.

Mittlerweile ist eine absurde Diskussion um Formen und Farben entbrannt. Der konservative Blog "Big Journalism" stellt eine Symbolstudie auf, die Fadenkreuze, Zielfernrohre, Zielscheiben detailliert beschreibt, abbildet und vergleicht - und kommt zu dem Schluss, dass eine sieben Jahre alte Kampagnenkarte der Demokraten sehr viel mehr Anlass zur Sorge gebe. Auf einer "Target Map" hatte das Democratic Leadership Council US-Staaten skizziert, in denen der damalige US-Präsident Bush mit nur knapper Mehrheit gewonnen hatte - markiert mit zielscheibenähnlichen Kreisgebilden. "Es werden sich eine Menge Leute bei Sarah Palin entschuldigen müssen!" mahnen die Blogger.

Zensur auf Facebook-Profil?

Das haben die Demokraten nicht vor. Eine Petition des "Huffington Post"-Kommentators Michael Kieschnick mit dem Titel "Tell Sarah Palin: Violent threats have consequences" ("Lasst Sarah Palin wissen: Aufrufe zur Gewalt haben Konsequenzen") zählt nach eigenen Angaben bereits mehr als 100.000 Unterstützer.

Der frühere demokratische Abgeordnete für Pennsylvania, Chris Carney, warf Palin vor, sie verstecke sich: "Es wäre sehr hilfreich wenn sie (Sarah Palin) endlich aus der Deckung kommen würde", zitiert ihn die "New York Times". "Sie muss zugeben, dass es falsch war, ein solches Symbol in einer politischen Kampagne zu verwenden."

Palin selbst hat bislang nur auf ihrer Facebook-Seite - die längst mehr als zwei Millionen Unterstützer zählt - zum Attentat von Arizona Stellung genommen. In einem Statement vom Sonntag spricht sie ihr Beileid aus und sagt, sie bete für die Opfer und ihre Familien, "für Frieden und Gerechtigkeit". Der Eintrag zieht eine endlose Kommentarschlange mit Tausenden Postings mit sich, in denen Anhänger und Kritiker Palins sich einen hitzigen Schlagabtausch liefern. Offenbar unter strenger Beobachtung.

Ein Londoner Blog von Obama-Anhängern veröffentlichte Screenshots von Palins Facebook-Seite, die den Verdacht auf Zensur nahelegen. Kommentare wie "du bist verantwortlich, du böse Hexe" - gepostet 17.19 Uhr, entfernt 17.21 Uhr - oder "ihr Blut klebt an deinen Händen - gepostet 17.28 Uhr, entfernt 17.29 Uhr am Sonntagabend MEZ - wurden sofort gelöscht. Allerdings fielen auch eindeutig harmlose Kommentare ("Ich beschuldige sie nicht, aber ist es wirklich klug, eine Karte mit Fadenkreuzen zu veröffentlichen?") dem Löschknopf zum Opfer, so die Blogger - ein anderer Kommentar, der die Schüsse von Arizona mit einem Attentat auf Hitler verglich, blieb der Seite zufolge über Stunden ungestört stehen.

US-Präsident Barack Obama selbst mischt sich auf Anraten seines Stabs zunächst nicht persönlich in die Debatte ein. Nach Angaben der "New York Times" vom Montag werde er erst dann eine Rede halten, wenn der Gesundheitszustand Giffords stabil und mehr über die Motive des Schützen bekannt sei.

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Forum - Vergiftete Politikdebatte in Amerika?
insgesamt 2587 Beiträge
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1. ****
Carla 09.01.2011
Zitat von sysopDer Attentäter der demokratischen Kongressabgeordneten Giffords wetterte im Internet heftig gegen die Regierung. Die politische Auseinandersetzung in Amerika ist durch die Tea-Party-Bewegung mehr und mehr vergiftet. Eskaliert der politische Streit in den USA?
Den Zusammenhang verstehe ich jetzt nicht: der Attentäter hatte mit der Tea Party-Bewegung nichts zu tun, sondern war vielmehr ein Anhänger von Josef Stalin, Che Guevara und Hugo Chavez. Zu seinen Lieblingsbüchern gehörte u. a. das Kommunistische Manifest. Es mag ja sein, dass das ideologisch jetzt nicht ganz ins Programm passt, aber entspricht den Tatsache, kann jeder bei Facebook nachlesen.
2. No surprise!
emobil 09.01.2011
Zitat von sysopDer Attentäter der demokratischen Kongressabgeordneten Giffords wetterte im Internet heftig gegen die Regierung. Die politische Auseinandersetzung in Amerika ist durch die Tea-Party-Bewegung mehr und mehr vergiftet. Eskaliert der politische Streit in den USA?
Definitiv ja! Und ich schätze, das ist erst der Anfang. Die Hetze und der Hass der Rechten hat in den Staaten inzwischen ein Ausmaß erreicht, das man eigentlich nur noch als "faschistisch" bezeichnen kann - auch wenn die Teebeutel und ihre Medien wahrscheinlich gar nicht wissen, was dieser Ausdruck eigentlich bedeutet. Nun, und in einem Land, in dem es gang und gäbe ist, mit Waffen im Alltag herumzufuchteln und dies für "Freiheit" zu halten, ist es nur eine Frage der Zeit, wann diese Waffen auch mal zum Einsatz kommen. Die Hemmschwelle ist ja jetzt bereits erschreckend niedrig. Nach dem ersten Erschrecken wird man auch schnell wieder zur Tagesordnung übergehen - business as usual - wie bei allen solchen Taten in der Vergangenheit.
3. Was
Spiegeleii 09.01.2011
hat das denn mit einem politischen Streit zu tun wenn ein Einzeltäter ein Attentat verübt? Die Politik in USA wie auch bei uns ist ein einziges schlechtes Schmierentheater. Die Darsteller spielen Demokratie vor. Wenn sich diese Politikschranzen nicht hinter Heeren von Sicherheitsdiensten und Bodyguards verstecken würden, wären die morgen alle tot. Weil der Großteil der Leute schlicht die Schnauze voll hat. Daraus jetzt einen politischen Streit und gegensätzliche Positionen zu lesen, wegen denen es zu irgendeiner Verschärfung der Atmosphäre kommt ist nichts anderes als dem Schmierentehater zuzuspielen. Oder anders gesagt, es ist völlig piepschnurzegal ob der Präsident Bush, Obama, Bob der Baumeister oder Palin heisst. Das ändert überhaupt nichts an der Politik die gemacht wird. 1:1 übertragbar auch auf die BRD. Es ist völlig kackegal ob die SPD mit den Grünen regiert oder die CDU mit der FDP, es ändert sich nichts. Die politische Klasse in unserer westlichen Welt hat mittlerweile den Unterhaltungswert von DSDS erreicht. Da kann man ruhig an den Haaren irgendwelche politischen Scharmützel herbeiziehen, die Mehrheit des Wahlviehs spürt ganz genau das seine Meinung nichts zählt. Und sie zählt nichts bei allen vorhandenen Schauspielern die man wählen darf.
4.
emobil 09.01.2011
Zitat von Carla... aber entspricht den Tatsache, kann jeder bei Facebook nachlesen.
Soso, das sind also Ihre Quellen der Information und Erkenntnis. Kommentar überflüssig, oder?
5. Hitlers "Mein Kampf"
Emil Peisker 09.01.2011
Zitat von CarlaDen Zusammenhang verstehe ich jetzt nicht: der Attentäter hatte mit der Tea Party-Bewegung nichts zu tun, sondern war vielmehr ein Anhänger von Josef Stalin, Che Guevara und Hugo Chavez. Zu seinen Lieblingsbüchern gehörte u. a. das Kommunistische Manifest. Es mag ja sein, dass das ideologisch jetzt nicht ganz ins Programm passt, aber entspricht den Tatsache, kann jeder bei Facebook nachlesen.
Hi Carla Und Hitlers "Mein Kampf". Ihre ideologische Ablenkung ist ja verständlich, aber unkorrekt. Er fabuliert über eine Regierung, die Gesetze erlässt, die bei genauem Studium der Verfassung als verräterisch entlarvt werden. Zitat: "Sie müssen die Bundesgesetze nicht akzeptieren, aber sie müssen die US-Verfassung lesen, um die verräterischen Gesetze zu begreifen. Sehen Sie, da wird dann ein anderer Schuh draus. Gruß Emil
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Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.