Soldatengewalt in Palästina Israel debattiert über Schuld und Unschuld

Dean Issacharoff behauptet, er habe als Soldat einen Palästinenser misshandelt. Die israelische Justiz sagt, er lügt. Der Sohn des israelischen Botschafters in Deutschland hat eine alte Debatte neu entfacht.

HASHLAM/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Israel hat in den vergangenen Monaten gefeiert. Der Grund der Freude: Im Juni 1967 fand der Sechstagekrieg statt, Israel ging als klarer Sieger hervor, eroberte das Westjordanland und den Gazastreifen, die Golanhöhen und die Sinaihalbinsel.

Die "New York Times" hatte die Soldaten damals als "rauchend und singend wie Hemingways Helden beim Beginn des Spanischen Bürgerkrieges" porträtiert. Dieses Bild hat sich aber in den vergangenen fünfzig Jahren gewandelt.

Israel debattiert immer öfter über die Spätfolgen dieses Krieges, was die Besatzung Palästinas aus dem jüdischen Staat, seinen Institutionen, und vor allem aus den jungen Männern und Frauen macht, die als Wehrdienstleistende ins Westjordanland müssen.

Netanyahu fordert erneut Gnade für Azaria

Bislang im Fokus dieser hitzigen Debatte: Elor Azaria. Im März 2016 hatte der Soldat einen verletzt am Boden liegenden palästinensischen Attentäter gezielt mit einem Kopfschuss getötet. Azaria wurde dafür von einem Militärgericht zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.

Azaria legte Berufung ein und wurde öffentlich von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman unterstützt. Vergeblich. Im August dieses Jahres trat er seine Haftstrafe an, die mittlerweile um vier Monate verkürzt wurde.

Präsident Reuven Rivlin hat ein neuerliches Begnadigungsersuchen in der vergangenen Woche abgelehnt. Aber Netanyahu lässt nicht locker. "Mein Standpunkt hat sich nicht geändert: Pardon für Soldat Elor Azaria", schrieb er am Montag auf Facebook und unterzeichnete eine entsprechende Petition.

Die Tat geschah in Hebron. Dort kommt es häufig zu Zusammenstößen. Inmitten der palästinensischen Stadt leben rund 500 israelische Siedler. Eine israelische Organisation, die regelmäßig über Vorfälle von Soldatengewalt in Palästina berichtet, ist Breaking the Silence. Die Aktivisten wollen die eigene Bevölkerung auf die Missstände in den besetzten Gebieten aufmerksam machen.

Der Sprecher von Breaking the Silence ist Dean Issacharoff. Er hat eine weitere Debatte über Soldatengewalt in Palästina ausgelöst. Seine Behauptung: Ein israelischer Soldat soll einen unbewaffneten Palästinenser im Februar 2014 das Knie in den Bauch und vor den Kopf gerammt haben. Der Täter: Er selbst.

Die israelische Staatsanwaltschaft untersuchte die Behauptung des 25-Jährigen seither - und kam Mitte November zu dem Schluss, er lüge. Der Grund: Die Ermittler hatten nach eigenen Angaben das palästinensische Opfer ausfindig gemacht. Der Mann bestätigte zwar, dass er geschlagen worden sei, aber es habe sich nicht um Issacharoff gehandelt. Auch der Kommandeur von Issacharoff behauptete, dieser sage die Unwahrheit. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

Netanyahu reagierte via Twitter. Er schrieb, mit dieser Entscheidung sei ein weiteres Mal belegt worden, dass "Breaking the Silence" lüge und Israels Soldaten auf der ganzen Welt verleumde.

Die Geschichte dieser bereits im April erfolgten Selbstbezichtigung könnte damit zu Ende sein - wäre Dean Issacharoff nicht Sohn von Jeremy Issacharoff, Israels Botschafter in Deutschland. Der ehemalige stellvertretende Generaldirektor des israelischen Außenministeriums gilt als langjähriger Weggefährte von Premier Netanyahu - der vor wenigen Monaten ein Treffen mit Sigmar Gabriel (SPD) abgesagt hatte, weil sich der Außenminister mit Vertretern von Breaking the Silence traf.

Fotostrecke

6  Bilder
Breaking the Silence: Die Schuldfrage

Israels konservative stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotolevy wies die Botschafter nach der richterlichen Entscheidung an, die linken Aktivisten im Ausland als Lügner zu entlarven. Mit wem sie dabei nicht gerechnet hatte: Issacharoffs Mutter, der Frau des israelischen Botschafters in Berlin. Sie mahnte via Facebook, alle Regierungsangestellten sollten "unverzüglich" die "brandstiftende und hasserfüllte Sprache gegen alle Soldaten, die jahrelang ihr Leben für die Sicherheit des Landes riskiert haben", einstellen.

Hotolevy twitterte wenig später, Jeremy Sacharoff sei ein exzellenter Botschafter in Berlin. Der retweetete auf seinem eigenen Twitter-Account wortlos einen Artikel über den Aufruf seiner Frau.

Dean Issacharoff bleibt weiterhin bei seiner Version. Er will, dass ihm der Prozess gemacht wird. Die Chancen sind in den vergangenen Tagen gestiegen. Der befragte Palästinenser scheint das Opfer eines anderen israelischen Soldaten gewesen zu sein. Ein israelischer Fernsehsender hat nun offenbar das echte Opfer ausfindig gemacht.

Dieser bestätigt Issacharoffs Version - ohne ihn jedoch zweifelsfrei identifizieren zu können, da die Soldatengruppe vermummt gewesen sei, die ihn geschlagen habe. Parallel dazu hat Breaking the Silence das Video eines weiteren Soldaten veröffentlicht, der mit Issacharoff am Tattag gedient haben will. Er bestätigt dessen Version. Die Debatte über Schuld und Unschuld geht weiter.


Zusammengefasst: 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg diskutiert Israel über die Spätfolgen des Waffengangs, vor allem über die Besatzung der Palästinensergebiete. Dean Issacharoff, der Sohn des israelischen Botschafters in Deutschland, hat nun die alte Debatte neu entfacht. Der Sprecher der NGO Breaking the Silence gibt an, einen Palästinenser misshandelt zu haben - die israelische Justiz verneint.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.