Debatte Warum ich nicht nach Hause gehen kann

Lügen über Massenvernichtungswaffen im Irak, Folter in Abu Ghureib, ein gigantisches Haushaltsdefizit - für SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Jody K. Biehl ist nicht zu entschuldigen, dass ihre Landsleute George W. Bush zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt haben. Eine persönliche Abrechnung der gebürtigen Kalifornierin mit ihrem Heimatland.

Von Jody K. Biehl


SPIEGEL-Titel: So beliebt, dass es auch in den Amtsstuben der Bush-Regierung hängt
Illustration Jean-Pierre Kunkel

SPIEGEL-Titel: So beliebt, dass es auch in den Amtsstuben der Bush-Regierung hängt

Berlin - Ich fühle mich elend. Ich möchte, dass die Kavallerie einfällt und diese Heuchler verjagt. Oder besser: Ich will, dass die Komparsen in diesem schlechten Film einfach nur von der Bühne verschwinden.

Leider befinde ich mich in keinem B-Movie. George W. Bush ist wiedergewählt und für mich bedeutet das, dass ich in den kommenden vier Jahren nicht nach Hause gehen kann. Ob es nun gut oder schlecht ist - ich bleibe als Ausländer in Deutschland. Meine Begründung ist einfach: Wenn es genug Unterstützung für einen wie Bush gibt, gehöre ich einfach nicht mehr in die Staaten. Ich passe auch nicht mehr in meinen wankelmütigen Heimatstaat Kalifornien, an dem an Stammzellen geforscht werden darf aber der Terminator regiert. Nach vier Jahren in Deutschland ist Amerika für mich fremd geworden.

In meiner neuen Wahlheimat ist die Homo-Ehe legal, die Grünen sind eine der wichtigsten politischen Kräfte und die Diskussionen drehen sich darum, ob die Religion weniger und nicht mehr Einfluss in den Schulen haben sollte. Das Nachkriegsdeutschland ist zudem ein anerkannt pazifistischer Staat. Es unterstützt Entwicklungsstaaten anstatt gegen sie in den Krieg zu ziehen.

Natürlich bin ich nicht vollständig zufrieden in Deutschland. Für mich wird es immer ein Land sein, in dem zu häufig Geheimnisse verborgen statt publik werden und in dem Hilfsbereitschaft nicht selbstverständlich ist. Es ist ein Ort, in dem mich die Eigenheiten und der Ordnungswahn der Menschen oft nerven und frustrieren. Aber es ist auch ein Land, das sich so verbissen dem Nationalismus entgegenstellt, dass man häufiger amerikanische Flaggen in der Öffentlichkeit sieht als deutsche.

Es beunruhigt mich, dass ich momentan besser hierher passe als nach Hause. Die Heimat war immer der Pol, von dem aus ich meine Reisen unternahm und an den ich immer zurückkehren wollte. Doch dieses Ziel ist mir nun abhanden gekommen. Denn Amerika ist nicht länger, was es war. Der Underdog hat sich in den weltgrößten Tyrann verwandelt.

Für dieses Abstimmungsergebnis kann ich weder das überholte Wahlsystem verantwortlich machen, noch behaupten, dass Bush den Sieg gestohlen hat. Dieses Mal hat er Geschichte geschrieben: Er hat mehr Stimmen bekommen als je ein Präsident vor ihm und er ist der erste Sohn eines Präsidenten, dem je die Wiederwahl gelungen ist.

Das größte Problem aber, welches ich mit Amerika habe, ist nicht Bush an sich. Vielmehr ist es, dass sich das Volk nicht länger darum zu scheren scheint, was ihm seine politischen Führung erzählt - oder wie viel Unwahrheiten sie verbreitet. Bush wurde nicht dafür bestraft, dass er das Land in einen unnötigen Krieg geführt hat. Niemand wurde dafür abgewählt, dass er die Bedrohung von Massenvernichtungswaffen aufgebauscht hat. Nur ein paar Soldaten mit niedrigem Dienstgrad wurden für ihr scheußliches Verhalten in Abu Ghureib ins Gefängnis geschickt. Aber kein einziger von Bushs engen Vertrauten musste einen Preis dafür bezahlen, dass die Regierung bis heute nicht für Sicherheit und Stabilität im Irak sorgen kann.

Die Amerikaner erwecken zudem den Anschein, dass sie geflissentlich ignorieren, was ihre Führung eigentlich tun. Bush hat Europa und die Nato völlig ignoriert und sich entschlossen, auf der internationalen Bühne lieber herumzutrampeln als sich darauf mit Stil zu bewegen. Innenpolitisch hat er es geschafft, einen Haushaltsüberschuss in ein gigantisches Defizit zu verwandeln. Mehr als tausend junge Soldaten sind nun tot, weil die Invasion des Irak schlecht vorbereitet war. Und immer mehr Soldaten werden in das besetzte Land entsendet, um einen Krieg zu gewinnen, der nicht zu gewinnen ist.

Es sieht so aus, als sei sich zu fürchten das einzige, was die Amerikaner in diesen Tagen wollen. Sie saugen die Angst auf wie Muttermilch, klammern sich an die Religion und suchen Zuflucht im Aberglauben. Sie wollen hören, dass Osama Bin Laden in den Büschen lauert, um sich unvermittelt auf sie zu stürzen, dass Iran der nächste Irak wird und dass die Schwulen-Ehe eine Sünde ist.

Amerikaner lieben ihren Hass auf Bin Laden: Die Bush-Regierung unterstützt ihre Furcht
AFP

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"Die", über die ich schreibe, sind keine Fremden: Manche sind meine Freunde und meine Verwandten. Ich erinnere mich daran, wie ich mit einem Verwandten im Mai 2003 in einem Hinterhof in Los Angeles gesessen habe und ihn sagen hörte, dass Saddam ein "schlechter Mann" ist, der abgesetzt werden müsste. "Mein Sohn ist in Gefahr", sagte er und zeigte auf sein kleines Kind, das im Gras spielte. "Diese Typen können jederzeit zuschlagen." Dann zeigte er mir seine Garage, die ihm leicht zu einem Orden von Heimatschutzminister Tom Ridge verhelfen würde. Dort sind immer noch gelagert: Plastikplanen und Isolierband, genug Essen und Wasser für eine Woche, drei leuchtstarke Taschenlampen und ein tragbares Radio.

Bushs Regierung - und die amerikanische Medien - haben diese Angst gemästet wie einen Truthahn zu Thanksgiving. So etwas gibt es nicht in Europa - obwohl es auch von terroristischen Bombenanschlägen und Entführungen betroffen war.

Mittwochnacht habe ich Bushs Truppe dabei zugesehen wie sie die Bühne betraten. Mein Herz machte einen Aussetzer. Diese Leute, diese Angstmacher, die die Welt in den kommenden vier Jahren anführen werden - sind so einfältig wie eh und je. Sie werden über die Welt herrschen wie in einem Comic-Heftchen. Bush, der schwadronierende Bandit, seine Frau Laura, die schüchterne Bibliothekarin und gute Christin, sowie der finstere Schurke Dick Cheney. Das Land, für das sie stehen, ist ein Phantasieland aus puritanischer Vergangenheit. Es ist ein Land, in dem sich Angst und Seelenheil gegenseitig auffressen und in dem die Grenzen zwischen Staat und Religion verschwimmen.

Sicher werden wir mehr Religion bei Bush II erleben. Letzten Endes waren es die christlichen Fundamentalisten und ihr Kampf für "amerikanische Werte", die Bush zu seiner zweiten Amtszeit verholfen haben. Und nun, da er sich nicht mehr um seine Wiederwahl sorgen muss, wird er all das rauslassen, das er bislang zurückgehalten hat. Bedeutet das, dass das Recht auf Abtreibung zurückgeschraubt wird? Ich hoffe nicht. Die bloße Tatsache, dass sie zur Disposition steht, lässt einen schaudern.

Es besteht natürlich die kleine Chance, dass Bush sich an Ronald Reagan orientiert und in seiner zweiten Amtszeit versuchen wird, das Land zu einen und die Wunden zu heilen. Ich bezweifle das. Doch schon den Versuch würde die Welt misstrauisch beäugen. Seine Gesten mögen harmlos wirken, doch sie sind wirksam wie Waffen. Unvermeidlich ist: Der Irak ist Bushs Schlamassel, den er aufräumen muss. Aber wie er das schaffen will, bleibt sein Geheimnis.

Letztendlich hat diese Wahl mich in einem Punkt wieder mit meinen Landsleuten vereint: Wie sie bin nun auch ich vollkommen verängstigt. Solange diese Furcht besteht, wird Europa meine Heimat bleiben.

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