Chemiewaffen in Syrien: Die riskante Giftgas-Spekulation

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Del Ponte: "Noch keinen unbestreitbaren Beweis" für Chemiewaffen-Einsatz der Opposition Zur Großansicht
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Del Ponte: "Noch keinen unbestreitbaren Beweis" für Chemiewaffen-Einsatz der Opposition

Werden im syrischen Bürgerkrieg Chemiewaffen eingesetzt - und wenn ja, von welcher Seite? Nun meldet sich Uno-Ermittlerin Carla Del Ponte zu Wort und beschuldigt die Opposition, Giftgas verwendet zu haben. Belege gibt es nicht, die Mutmaßungen schüren nur die Angst.

Es ist ein Horrorszenario, das Carla Del Ponte, Mitglied der Uno-Sonderkommission für Syrien, am Sonntagabend beschrieben hat - und das in ein paar Nebensätzen in einer schweizerischen Nachrichtensendung: "Es gibt starke, konkrete Vermutungen, aber noch keinen unbestreitbaren Beweis, dass Saringas eingesetzt wurde und dies von Seiten der Opposition, nicht der Regierung." Wenn tatsächlich Teile der Opposition in Besitz dieses hochgefährlichen Nervengases sind, hätte sich einer der schlimmsten Alpträume des Westens erfüllt.

Doch Del Pontes Aussagen sind mit großer Vorsicht zu genießen: Sie ist kein Mitglied jener Uno-Kommission, die untersuchen soll, ob in Syrien Chemiewaffen eingesetzt wurden. Diese Expertengruppe hat vom syrischen Regime noch immer keine Genehmigung zur Einreise bekommen und wartet seit einem Monat darauf, ihre Arbeit aufnehmen zu können. Del Ponte ist Mitglied der Kommission, die Menschenrechtsverletzungen in Syrien untersucht, indem sie syrische Flüchtlinge in Nachbarländern befragt.

Dass Del Ponte mit einer so dramatischen Mutmaßung vorprescht, ist ein weiteres Beispiel für die katastrophale internationale Informationspolitik zu Syriens Chemiewaffen. Mittlerweile wöchentlich geben Vertreter der internationalen Gemeinschaft Einschätzungen über den möglichen Einsatz von Giftgas in Syrien ab. Israelis, Amerikaner, Franzosen und Briten haben sich dazu geäußert - und das Regime beschuldigt, Sarin eingesetzt zu haben.

Del Ponte bleibt vage

Allerdings wurden bisher in keinem einzigen Fall die Untersuchungen veröffentlicht, auf die sich die Einschätzungen stützen. Jedes Mal bleiben viele Fragen offen. Chemiewaffen funktionieren nach dem Abschreckungsprinzip - je größer die Unsicherheit, desto besser. Mit ihren unklaren Aussagen haben die internationalen Kommentatoren dazu beigetragen, die Unsicherheit zu vergrößern und die Angst zu befeuern.

Carla Del Ponte hat aus vorläufigen Ergebnissen der Uno-Menschenrechtler zitiert. "Unsere Ermittler haben in Nachbarländern Opfer und Ärzte befragt", sagte sie. So ließe sich wohl mit einiger Sicherheit ermitteln, ob Giftgas eingesetzt wurde und möglicherweise sogar welches. Vielleicht haben die Überlebenden noch Erinnerungen an den Tathergang. Doch ob so auch eindeutig festgestellt werden kann, wer den Angriff durchgeführt hat, ist fraglich.

Da es sich bisher jedes Mal um lokal begrenzte Angriffe gehandelt haben soll, kämen theoretisch beide Seiten in Frage. Bisher ist lediglich bekannt, dass das Regime Chemiewaffen besitzt. Es gibt keine Erkenntnisse darüber, dass die Opposition dazu ebenfalls in der Lage ist, solche Kampfstoffe einzusetzen. Ihr ist in der Nähe von Aleppo eine Chlorgasfabrik in die Hände gefallen. Aber ob sie daraus funktionsfähige Waffen herstellen kann, ist unklar.

Völlig offen ließ die Uno-Ermittlerin auch, auf welchen Vorfall sie sich überhaupt bezieht. Schon mehrmals gab es Giftgasvorwürfe in Syrien - in der Provinz Aleppo, in der Provinz Homs und in Vororten von Damaskus. Del Ponte sagte, die Untersuchungen der Menschenrechtler seien längst nicht abgeschlossen. Ob es Hinweise gibt, dass das Regime Chemiewaffen eingesetzt habe, könne sie daher nicht sagen.

Neue Massaker in Syrien

Überschattet von den Del Ponte Vorwürfen und dem israelischen Angriff auf Damaskus haben in Syrien am Wochenende erneut offenbar grausame Massaker stattgefunden. Aus einem Stadtteil der Küstenstadt Banias tauchten Bilder auf, die hingerichtete syrische Männer zeigen. Vereinzelt sind auch getötete Kinder zu sehen.

Es gibt keine Anzeichen darauf, dass es sich bei den Getöteten nicht um Zivilisten handelt. Videoaufnahmen zeigen syrische Soldaten, die Häuser mit Toten darin in Brand setzen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, eine von einem Syrer in London gegründete Organisation, deren Zahlen als zuverlässig gelten, konnte bisher rund 60 Leichen identifizieren, darunter 14 Kinder. Nach Angaben aus Damaskus habe man in dem Ort "Terroristen" getötet. Kurz zuvor waren auch Aufnahmen von einem mutmaßlichen Massaker in dem benachbarten sunnitischen Dorf Baida aufgetaucht.

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insgesamt 130 Beiträge
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1. das scheint mir auch plausibler
Nonvaio01 06.05.2013
denn wenn Assad das gewollte haette haette er es am anfang gemacht und nicht wenn er schon verloren hat. Das diese angeblichen Giftgas Angriffe erst passieren nachdem die Torroristen Munitions deopts erobert haben ist schon merkwuerdig. Ausserdem glaube ich das eh nicht, es gibt keine Bilder was schon merkwuerdig ist, sonst sind die Terroristen doch immer schnell dabei ein paar Zivile Tote im Bild zu zeigen, diesmal keine Bilder? Sorry aber was dort apaasiert ist einfach nur noch jeder gegen jeden ohne wirkliche Agenda. Da nuna uch noch Israel mitmischt wird es nicht mehr lange dauern bis Iran und Aegypten auch mitmischen....
2. ...natürlich müssen auch nach rechtstaatlichen
pawel-kortschagin 06.05.2013
Handeln auch entlastende Momente gegen Asad, berücksichtigt werden. Eigentlich ein Fall für die UNO. UN Truppen ins Land, "Rebellen" entwaffnen, freie Wahlen durchführen lassen unter Aufsicht und dann das syrische Volk entscheiden lassen.
3.
Neurovore 06.05.2013
Es wäre wünschenswert, dass SPON seine Kriegspropaganda auch als solche kennzeichnet bzw. wenigstens den Autor solcher Pamphlete nennt....
4. verdammt ...
HerrvonSchmidt 06.05.2013
wieder keinen echten Grund für die "Weltgemeinschaft" (sprich USA) den Krieg gegen Assad zu beginnen ....
5. Natuerlich gibt es Belege
gandhiforever 06.05.2013
Belege dafuer, dass der Westen den Einsatz von Giftgas dem Assad Regime anhaengte, ohne Beweis, aber nicht ohne Ziel.
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Flüchtlingskrise in Syrien


Assads Arsenal an Chemiewaffen
Giftarten
Syriens Vorräte an Chemiewaffen gelten als die größten in der Region und sollen unter anderem aus Sarin, Senfgas und VX bestehen. Nach den Niederlagen in den Kriegen gegen Israel in den Jahren 1967, 1973 und 1982 begann die Regierung in Damaskus in den frühen achtziger Jahren, ein Arsenal an Chemiewaffen zu unterhalten und durch Zukäufe zu erweitern.
Menge
Experten von Global Security schätzten unter Berufung auf den US-Geheimdienst CIA, dass mehrere Hundert Liter Kampfstoff vorhanden sind und jährlich Hunderte Tonnen Vorläuferstoffe produziert werden.
Produktion
Der Aufbau eigener Produktionsstätten begann bereits 1971 in Damaskus. Experten von Global Security haben vier mutmaßliche Produktionsstätten ausgemacht: Zum einen nördlich von Damaskus und nahe der Industriestadt Homs. In Hama soll eine Anlage neben Sarin und Tabun auch VX herstellen. Eine vierte Stätte soll sich in der Hafenstadt Latakia am Mittelmeer befinden.
Trägersysteme
Das Land soll der Nuclear Threat Initiative (NRI) zufolge über Scud- und SS-21-Raketen, Artilleriegeschosse und Bomben als Trägersysteme verfügen.
C-Waffenkonvention
Die Regierung in Damaskus hat die Chemiewaffenkonvention von 1992 nicht unterzeichnet, die den Einsatz, die Herstellung und Lagerung von chemischen Kampfstoffen untersagt.