Demjanjuk-Prozess: Der ewige Streit über den Dienstausweis

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Im Prozess gegen den mutmaßlichen SS-Aufseher Demjanjuk sorgt ein alter FBI-Bericht für Wirbel. Weil US-Ermittler vor 25 Jahren Zweifel an der Echtheit seines Dienstausweises äußerten, fordert sein Verteidiger eine Pause. Dabei ist wohl kein Schriftstück in der Justizgeschichte ähnlich oft untersucht worden.

Kopie des Dienstausweises von John Demjanjuk: Zentraler Bestandteil der Anklage Zur Großansicht
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Kopie des Dienstausweises von John Demjanjuk: Zentraler Bestandteil der Anklage

Für John Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch ist die Sache klar: Das seit fast eineinhalb Jahren laufende Verfahren gegen seinen Mandanten müsse unterbrochen werden, damit er in den USA nach weiterem entlastenden Material suchen könne. Busch reichte einen Bericht der Nachrichtenagentur AP ein: Danach haben FBI-Mitarbeiter in einem geheimen Bericht vom 4. März 1985 Zweifel an der Echtheit von Demjanjuks Dienstausweis als SS-Aufseher geäußert. Es sei gut möglich, dass der sowjetische Geheimdienst KGB das Schriftstück gefälscht habe.

Es ist eine neuerliche Volte im Streit um ein Schriftstück, das wohl so gründlich untersucht worden ist wie kein anderes in der Justizgeschichte. Der Dienstausweis des "Ausbildungslagers Trawniki" trägt die Nummer 1393 und ist auf Iwan Demjanjuk ausgestellt. Danach wurde dieser am 27. März 1943 ins Vernichtungslager Sobibór abkommandiert, das die Deutschen im besetzten Polen eingerichtet hatten. Das Dokument ist internationales Archivgut, es wurde seinerzeit den US-Behörden von sowjetischen Stellen ausgehändigt.

Diese Provenienz lässt viel Raum für Fälschungstheorien, schließlich ist der Ausweis zentraler Bestandteil der Anklage: Laut Staatsanwaltschaft belegt er, dass Demjanjuk in der Todesfabrik als Wachmann beschäftigt war, an einem Ort, dessen Existenz allein der "industriellen Vernichtung" Tausender jüdischer Opfer diente. Zwar konnte Demjanjuk eine konkrete Einzelhandlung nicht nachgewiesen werden, doch war laut Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz "jeder Angehörige des Wachpersonals an dem routinemäßigen Tötungsvorgang beteiligt".

Gegen diese Argumentation führt die Verteidigung Demjanjuks an, dass dem pensionierten Autoarbeiter, der im Mai 2009 nach Deutschland überstellt wurde, gar nicht nachgewiesen werden könne, dass er jemals Wachmann in Sobibór war. Da Demjanjuk als junger Sowjetsoldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, sei er selbst ein Opfer, das nun auch noch von der deutschen Justiz verfolgt werde, nachdem ihm bereits andere Stellen Unrecht getan hätten.

Die Causa Demjanjuk zieht sich seit fast 30 Jahren hin

Tatsächlich zieht sich die Causa Demjanjuk seit fast 30 Jahren hin. Der mittlerweile 90-Jährige war schon einmal aus den USA nach Israel ausgewiesen und dort vor Gericht gestellt worden wegen angeblicher Verbrechen im Todeslager Treblinka, was sich als falsch erwies. Demjanjuk kam zurück in die USA, doch die US-Sonderermittlungsbehörde gegen Nazi-Kriegsverbrecher ließ nicht locker.

Bevor die deutsche Justiz sich des einzigartigen Falls und damit notgedrungen auch der Vorgeschichte annahm, kam auch der Dienstausweis unter die Lupe. Bereits im Februar 2009 untersuchten Experten des bayerischen Landeskriminalamts den Ausweis, den US-Vertreter dazu eigens nach Deutschland gebracht hatten. Eine erneute Begutachtung folgte im September 2009 unter Beisein des Verteidigers. Zuvor war der Ausweis im Laufe der diversen juristischen Auseinandersetzungen bereits von israelischen und US-amerikanischen Experten analysiert worden.

Am ehesten als Konsens in der Ausweis-Frage kann wohl gelten, was vor einem Jahr ein Urkundentechniker des Bayerischen Landeskriminalamts aussagte, der das Dokument aus dem Jahr 1942 mit vier anderen Original-Ausweisen verglichen hatte: Der Ausweis sei authentisch. Es sei unwahrscheinlich, dass es sich um eine Fälschung handele, da der Ausweis "schwer reproduzierbar" sei.

Es sei möglich, dass das Foto aus dem Dienstausweis einmal herausgefallen und wieder angeklebt worden sei. Doch passe der Abdruck des Dienstsiegels auf dem Foto zum Abdruck auf dem Papier. Ob die Unterschrift auf dem Dienstausweis tatsächlich von Demjanjuk stammt, konnte eine andere Expertin des Bayerischen Landeskriminalamts indes nicht endgültig bejahen.

Hinter die Erkenntnisse aus dem Prozess und aus vielen Jahren Ermittlungsgeschichte fällt der nun ausgegrabene FBI-Bericht von 1985, den die Verteidigung als entlastend präsentiert, zurück. Der Fund in den National Archives im US-Bundesstaat Maryland dürfte deshalb wohl kaum geeignet sein, den Fortgang des Prozesses entscheidend zu beeinflussen, vielmehr erstaunt, dass er gerade jetzt auftaucht, da der Prozess auf seine Ende zugeht.

Für Mai wird ein Urteil im Demjanjuk-Prozess erwartet. Die Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre Haft, das Plädoyer des Demjanjuk-Verteidigers Ulrich Busch steht indes noch aus. Er hatte das Verfahren immer wieder mit Beweisanträgen in die Länge gezogen.

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1. Unterschlagen?
sturmpionier 13.04.2011
Was ist mit der BKA-Untersuchung 1987 des Ausweises mit dem Ergebnis des starken Zweifel? Unterschlagen oder kennt der Autor das Gutachten nicht?
2. Immer feste druff
Michael KaiRo 13.04.2011
---Zitat von SPON--- Zwar konnte Demjanjuk eine konkrete Einzelhandlung nicht nachgewiesen werden, doch war laut Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz "jeder Angehörige des Wachpersonals an dem routinemäßigen Tötungsvorgang beteiligt". ---Zitatende--- Aha, ne ganz neue Rechtsauffassung - mitgehangen - mitgefangen; oder: Dabeisein ist alles. ---Zitat von SPON--- Der mittlerweile 90-Jährige war schon einmal aus den USA nach Israel ausgewiesen und dort vor Gericht gestellt worden wegen angeblicher Verbrechen im Todeslager Treblinka, was sich als falsch erwies. Demjanjuk kam zurück in die USA, doch die US-Sonderermittlungsbehörde gegen Nazi-Kriegsverbrecher ließ nicht locker. ---Zitatende--- Warum wurde er nicht erneut nach Israel geschickt? Oder gleich nach Guantanamo, wenn die US-Sonderermittlungsbehörde so scharf darauf ist, den 90-Jährigen dingfest zu machen? Ach ja, wieviele alte Nazis haben in den USA direkt nach dem Krieg groß Karriere gemacht? Werner von Braun u.a.m. waren auch nicht besonders zimperlich bei der Behandlung seiner Zwangsarbeiter, die deswegen oft zu Tode kamen. Auch nicht schlecht: "Demjanjuk hatte in seinem Leben nicht viel Glück mit den Deutschen. Erst ließen sie ihn in Kriegsgefangenschaft fast verhungern, dann in Lagern wie Sobibór die schmutzigste Arbeit tun. Und nun ziehen sie ihn dafür zur Verantwortung. Doch mindert das den Vorwurf der Anklage, er habe in den Monaten April bis September 1943 Beihilfe geleistet bei der Ermordung von mindestens 27 900 Personen? Entschuldigt ihn, falls er schuldig sein sollte, dass andere Schuldige davonkamen?" siehe: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68073967.html
3. Wenn er da war wusste er Bescheid
ikkaan 13.04.2011
Das andere sich still und leise davongemacht haben und leider "davongekommen" sind macht ihre Taten nicht ungeschehen. Auch für Demjanjuk nicht wenn er schuldig sein sollte (was das Gericht beweisen muss). Wir können uns zwar empören oder Mitleid haben, aber letztendlich sind die meisten Leser total imkompetent wenn es um korrekte Rechtsauslegung geht. Ich zähle mich da mit. Was das "Dabeisein ist alles" angeht: Es existieren Zahlen die mein Vorkommentator aus dem verlinkten Artikel nicht mit rüberkopiert hat: Zitat: Immer freitags kam ein Zug aus den Niederlanden. 1000 bis 3000 Menschen waren rasch umzubringen und zu beseitigen. Ihre Zähne wurden herausgebrochen, Kleider und Wertsachen sortiert und weiterverschickt. In Sobibór gab es vor Ort meist nur 15 SS-Leute. Ohne Wachmänner hätte das reibungslose Morden wie am Fließband nicht funktioniert. Trotz aller "klinischen Effizienz" die das dritte Reich für die Massentötungen für sich beansprucht sprechen diese Zahlen eine deutliche Sprache: Das Morden lief nur mit den Wachmännern, nicht ohne sie. Jeder der Wachmänner wusste im Detail Bescheid und/oder war unmittelbar beteiligt.
4. im Zweifel zugunsten
RAmonbudi 13.04.2011
ich verweise auf eine Sendung von Report Mainz, die auch auf ein Gutachten von 1987 des BKA verweist. Danach soll der Dienstausweis eine Fälschung sein. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=iTlse74mWvI#at=31
5. Lächerlich
Freifrau von Hase 13.04.2011
"Zwar konnte Demjanjuk eine konkrete Einzelhandlung nicht nachgewiesen werden, doch war laut Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz "jeder Angehörige des Wachpersonals an dem routinemäßigen Tötungsvorgang beteiligt". Die Anklage ist lächerlich, wenn Demjanjuk kein direktes Vergehen nachgewiesen kann. Fast schon zynisch: Die Enkel der KZ-Kommandanten urteilen jetzt über den niedrigsten Handlanger.
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Fotostrecke
John Demjanjuk: Ringen um Gerechtigkeit

Das Vernichtungslager Sobibor
Sobibor
Im Herbst 1941 beauftragte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler , den SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin im Generalgouvernement , Odilo Globocnik , im Rahmen der Endlösung der Judenfrage mit der Ermordung der dort lebenden Juden. Als Belzec , das erste Vernichtungslager der Aktion Reinhardt , zur Erfüllung des Mordprogramms nicht ausreichend erschien, begann die SS im Frühjahr 1942 mit dem Bau eines zweiten Vernichtungslagers in der Nähe von Sobibor . Seit Juli 1943 betrieb Himmler die Umwandlung von Sobibor in ein KZ . Am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde, aber die Auflösung des Lagers zur Folge hatte. 47 der ausgebrochenen Häftlinge überlebten das Kriegsende und konnten Zeugnis ablegen vom Massenmord in Sobibor – einer von ihnen ist Thomas Blatt .
Opfer
Im Vernichtungslager Sobibor töteten zwei Dutzend SS -Männer und ihre Schergen zwischen April 1942 und November 1943 etwa 250.000 Juden – unter anderem aus dem Distrikt Lublin , dem Deutschen Reich, der Slowakei sowie Frankreich und den Niederlanden. Häufig wurden in Sobibor mehr als 2000 Menschen am Tag ermordet, Zehntausende im Monat.
Täter
Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor war SS -Obersturmführer Franz Stangl . Ihm waren etwa 30 deutsche oder österreichische SS-Männer unterstellt – meist Organisatoren und Mitarbeiter der Aktion T 4 . Als Wach- und Sicherheitspersonal setzte die SS rund 120 Trawniki -Männer ein, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene überwiegend ukrainischer Herkunft. Vermutlich war einer dieser Trawniki John Demjanjuk .
Anlage
Das Vernichtungslager Sobibor nahm etwa eine Fläche von 600 x 400 Meter ein, die von Stacheldraht umzäunt und gut getarnt war. Das Lager lag an der Station Sobibor der Bahnlinie Chelm-Wlodawa und war in drei verschiedene Bereiche eingeteilt, die jeweils durch einen Zaun voneinander getrennt waren.
Die erste Zone umfasste das Vorlager mit der Eisenbahnrampe und den Unterkunftsbaracken für das deutsche und ukrainische Personal sowie das Lager I mit Unterkünften für die jüdischen Häftlinge und mehrere Werkstätten.
Das Lager II diente als Aufnahmebereich für die eintreffenden Juden. Hier mussten sie ihren Besitz und ihre Kleider abgeben. Im Lager III wurden die Juden getötet, in Massengräbern verscharrt und dann von jüdischen Sonderkommandos ab Sommer 1943 auf Scheiterhaufen verbrannt. An den Gaskammern prangten Blumen, ein Davidstern und die Inschrift „Badehaus“.
Die Lager II und III waren über einen schmalen, von Stacheldrahtzaun gesäumten Weg („Schlauch“) verbunden. Über diesen trieben die Trawnikis täglich mehrere hundert nackte Menschen in die Gaskammern. Im Motorraum sorgte ein 200-PS-Motor für die kohlenmonoxydhaltigen Abgase, die durch ein Leitungssystem in die Kammern strömten. Anfangs waren drei Gaskammern in Betrieb, ab September 1942 sechs.
Täuschungsmethoden
Den deportierten Juden wurde nach ihrer Ankunft in Sobibor in einer beruhigenden Ansprache ihre Umsiedlung angekündigt. Vor der Weiterreise müssten sie jedoch ein Bad nehmen, ihre Haare schneiden lassen und sollten ihre Kleidung und Wertsachen abgeben, hieß es.
Unter diesem Vorwand wurden die Juden gruppenweise in die mit kohlenmonoxydhaltigen Abgasen eines Dieselmotors betriebenen, jedoch als Duschen getarnten Gaskammern getrieben. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu einer halben Stunde.
Vernichtungslager und KZ
Vernichtungslager sind von der SS während des Zweiten Weltkrieges errichtete Lager, die im Unterschied zu den Konzentrationslagern (KZ) von vornherein für die Massentötung der europäischen Juden als letzte Konsequenz der nationalsozialistischen Judenverfolgung bestimmt waren. Aus Geheimhaltungsgründen wurden sie im besetzten Polen eingerichtet. Zwischen Ende 1941 und 1944 bestanden Vernichtungslager in Chelmno , Belzec , Sobibor , Treblinka , Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek , wobei Auschwitz und Majdanek gleichzeitig als Konzentrationslager dienten. Mehr als die Hälfte der nahezu sechs Millionen Holocaust -Opfer kamen in Vernichtungslagern um.