Demografie-Dilemma Ein-Kind-Politik bedroht Chinas Wohlstand

Die jüngste Volkszählung stellt Chinas strikte Ein-Kind-Politik auf den Prüfstand: Die Zahl der Jungen sinkt, der Anteil der Alten steigt rapide. Der Trend zur Vergreisung stellt das Land vor ernsthafte Probleme - doch die Regierung will an der Regelung festhalten.

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Hamburg - "Ein Kind ist genug", sagt Li Tong - 29 Jahre, Mutter, Hauptstädterin. "Ich kann mir nicht mal die Kita für meinen Sohn leisten." Die junge Chinesin erzählt Reportern aus ihrem Alltag in Peking: Rekord-Inflation, explodierende Mieten und Lebensmittelpreise, zum Bersten volle U-Bahnen, knapp 18 Millionen Einwohner auf engstem Metropolenraum. Selbst wenn die chinesische Regierung ihre Ein-Kind-Politik aufweichen würde - "mehr Nachwuchs kommt sowieso nicht in Frage", meint Li. Das Land sei "zu voll und zu teuer".

Chinas Bevölkerung wächst stetig, wenn auch längst nicht mehr so schnell wie vor zehn Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste, am Donnerstag vom chinesischen Statistikbüro NBS veröffentlichte Zensus. Sechs Millionen Helfer zogen im November durch die Volksrepublik, um die neuen Zahlen zu erfassen - eine Mammutaufgabe im bevölkerungsreichsten Land der Welt.

Die Daten zeigen in einigen Bereichen dramatische Verschiebungen, die die politische Führung Chinas langfristig zu einem Kurswechsel zwingen könnten. Die wichtigsten Aspekte im Überblick:

  • Wachstum: Auf 1,34 Milliarden Menschen kletterte die Zahl der Einwohner Chinas im Jahr 2010. Seit dem letzten Zensus vor zehn Jahren bedeutet dies ein Plus von knapp sechs Prozent. Der Anstieg hat sich jedoch deutlich verlangsamt: Im Zeitraum zwischen 1990 und 2000 war die Bevölkerung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt noch doppelt so stark gewachsen.
  • Landflucht: Die Chinesen zieht es in die großen Städte, mittlerweile lebt jeder Zweite (absolut: 666 Millionen) in der Stadt und in Ballungsräumen. Zehn Jahre zuvor waren es 36 Prozent.
  • Arbeitsmigration: Die Zahl derjenigen, die für einen Job umziehen, steigt offenbar auch. Nach den Ergebnissen der Volkszählung leben 261 Millionen Chinesen seit mehr als sechs Monaten nicht an dem Ort, wo sie sich angemeldet haben, ein krasser Anstieg von mehr als 80 Prozent im Vergleich zu 2000 (siehe Fotostrecke).
  • Trend zur Vergreisung: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung hat sich deutlich erhöht. Der Anteil der über 60-Jährigen liegt bei gut 13 Prozent und damit fast drei Prozentpunkte höher als im Jahr 2000. Menschen im Alter von 14 Jahren oder jünger machten knapp 17 Prozent der chinesischen Gesellschaft aus - im Jahr 2000 waren es noch etwa 23 Prozent. Ein Grund dafür: die strenge Geburtenkontrolle.
  • Ungleichgewicht der Geschlechter: Auf 100 Geburten eines Mädchens kommen im Schnitt gut 118 Geburten eines Jungen. Nach wie vor gelten männliche Erbfolger in China vielfach als erstrebenswerter, Zwangsabtreibungen sowie die Geheimhaltung von Geburten von Mädchen sind keine Seltenheit.
  • Mehr Bildung: Knapp 9000 von 100.000 Menschen in China haben einen Uni-Abschluss, damit hat sich die Zahl der Hochschulabsolventen um das Zweieinhalbfache erhöht.

Man kann in den Zahlen eine Bestätigung für die Demografiekontrolle lesen - schließlich greift die strenge Ein-Kind-Politik, das Wachstum der Population ist gedrosselt, das Risiko einer schwerwiegenden Überbevölkerung zumindest abgeschwächt.

Aber der Zensus ist auch ein Alarmsignal, das die chinesische Regierung ins Dilemma stürzt. Denn Chinas Gesellschaft altert rapide. Die Entwicklungen würden das Land "vor wirtschaftliche und soziale Herausforderungen" stellen, mahnte der Leiter des nationalen Statistikamts, Ma Jiantang, bei der Veröffentlichung des Reports.

30 Jahre Kindkontrolle

Die Diskussion über eine Aufweichung der Ein-Kind-Politik gewann in den Wochen der Volkszählung wieder an Fahrt: Ursprünglich wurde das Gesetz 1980 nur vorübergehend eingeführt, um nach einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum ab Mitte des Jahrhunderts Hungersnöte und Wirtschaftskrisen zu verhindern.

Seitdem wurden immer wieder Ausnahmeregelungen geschaffen. Einzelkinder, die heiraten, dürfen zwei Kinder bekommen, auch ethnische Minderheiten und Ehepaare auf dem Land. Ein Drittel der Bevölkerung, vor allem die Stadtbevölkerung, darf aber nach wie vor nicht mehr als ein Kind in die Welt setzen.

Kritiker warnen, das Gesetz gehöre ganz abgeschafft. Ihre Argumente werden durch den aktuellen Zensus gestärkt: Die schnelle Überalterung der chinesischen Gesellschaft, ein möglicher Arbeitskräftemangel, die zahlreichen Abtreibungen bei weiblichen Geburten und der daraus resultierende Männerüberschuss seien kontraproduktiv, vor allem für die rasant zunehmende Wirtschaftskraft.

Einige Ökonomen gehen davon aus, dass die geringere Geburtenrate gepaart mit drohender Vergreisung langfristig zu steigenden Löhnen und Preisen führen wird. Auch das Heranwachsen ganzer Generationen von Einzelkindern wird von manchen Experten kritisch gesehen.

Auf immer mehr Rentner ist das Land zudem gar nicht vorbereitet: Ein umfassendes nationales Pensions-, Renten- oder Krankenversicherungssysteme gibt es nicht. Ein Aufbau würde Jahrzehnte dauern.

Und nicht nur das: Von einem "historischen Schritt einer landwirtschaftlich geprägten zu einer urbanen Gesellschaft", spricht der Pekinger Demografie-Experte Wang Feng. Metropolen wie Peking und Chongqing kommen längst nicht mit dem Ausbau von Straßen, Wohnungen und Transportnetzen hinterher - milliardenschwerer Investitionsprogramme zum Trotz.

Der Präsident zaudert

Chinas Führung reagiert bislang nur zögerlich, hält am Status quo fest. Präsident Hu Jintao äußerte sich am Dienstag bei einem Treffen von hohen Parteifunktionären nur knapp zu den Problemen. China werde die Ein-Kind-Politik beibehalten, um die Geburtenrate niedrig und die Wirtschaft am Wachsen zu halten, sagte der Staatschef.

Die Politik solle aber "überarbeitet" werden. So forderte er, die soziale Sicherheit und Hilfsdienste für ältere Menschen zu verbessern. Er rief auch seine Mitarbeiter dazu auf, effektive Strategien zu entwickeln, um mit der alternden Generation umzugehen. Außerdem sollten Anstrengungen unternommen werden, um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu entwickeln, sagte Hu. Eine beabsichtigte Geburtenrate nannte er nicht.

Für Wang Hui, Mutter aus Peking, ist die Sache klar: "Es sollte jedem selbst überlassen sein, wie viele Kinder er möchte. Die Regierung geht das gar nichts an. Ich will jedenfalls nicht, dass meine Tochter allein aufwächst."

mit Reuters, dpa und AFP



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Seite 1
mimas101 28.04.2011
1. Hmm
wenn man sich die Geographie von China betrachtet dann wundert mich nicht das die chin. Regierung die Geburtenzahlen reguliert. Nur ca. 7% des Landes (dessen Größe entspricht ca. den USA) sind landwirtschaftlich nutzbar und genau in diesen 7% leben ca. 98% der gesamten Bevölkerung. Es ist also zu wenig Wohnfläche da und zu wenig Anbaufläche für landwirtschaftliche Produkte.
founder 28.04.2011
2. 1,77 Kinder pro Frau laut GapMinder.org
Einfach mal auf GapMinder.org nachsehen. Geburtenquote 1,77 Kinder pro Frau. Es hat nie eine 1 Kind Politik gegeben, sondern eben diese 1,77 Kinder pro Frau, um eine nur leicht wachsende Bevölkerung zu erreichen. Durch die steigende Lebenserwartung führen eben 1,77 Kinder pro Frau zu einer leicht steigenden Bevölkerung. Dies ist eine präzise Politik, ganz im Gegensatz zu Deutschland mit seiner 1,3 Kinder pro Frau Politik und Ausgleich durch Einwanderung, ganz im Länder wie Ägypten wo eine Explosion der Bevölkerung zu schwer lösbaren Problemen führen.
eigen 28.04.2011
3. Bevölkerungskontrolle
Auch wenn die Ein-Kind-Politik aus machtpolitischen Erwägungen heraus umgesetzt wird, so halte ich sie doch für vernünftiger als explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Letzteres sichert keinen Wohlstand - es bedroht ihn. 1,54 Kinder pro Frau sind immer noch mehr als bei uns und auch wir werden mit der demographischen Entwicklung leben müssen.
castrobaer, 28.04.2011
4. ...
Zitat von sysopDer jüngste Volkszählung*stellt Chinas strikte Ein-Kind-Politik auf den Prüfstand:*Die Zahl der Jungen sinkt,*der Anteil der Alten steigt*rapide. Der Trend zur Vergreisung*stellt das Land vor ernsthafte Probleme*-*doch die Regierung will an der Regelung*festhalten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759457,00.html
Die gelbe Gefahr.;-)) Milliarden chinesischer Rollatoren bedrohen den freien Westen.(frei nach Monty Python)
oberhuber, 28.04.2011
5. Wohlstandsbewahrung
Damit Wohlstand bedroht sein kann, muss er erst vorhanden sein. Erst die Ein-Kind Politik hat die bescheidenen Ansätze zu Wohlstand in China überhaupt ermöglicht. Die Einzelkinder werden auf jeden besser leben als ihre Eltern.
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