US-Kongresswahlen: Starke Frauen, schwache Machos

Aus Dorchester, Massachusetts, berichtet

Alles dreht sich um Barack Obama und Mitt Romney - fast vergessen im US-Wahlkampfgetöse: Auch im Kongress werden die Mehrheiten neu gemischt. Die Demokraten hoffen vor allem auf den Senat. In vielen Rennen stehen Frauen im Mittelpunkt.

US-Kongresswahlen: Aufmarsch der starken Frauen Fotos
AP

Elizabeth Warren ist eine Dreiviertelstunde zu spät, wie so oft. Ihre Fans stört das wenig, geduldig warten sie in der Frostkälte mit ihren weiß-blauen Plakaten, die ihnen Wahlhelfer in die Hände gedrückt haben. Als die Kandidatin dann aufkreuzt, hüpfen sie verzückt auf und ab: "War-ren! War-ren!" Eine Schwarze wirft ihr Kusshändchen zu: "Du bist wunderschön!"

Warren, schmal und blass, trägt ihre Uniform, einen violetten Hosenanzug mit Seidenschal. Sie steigt auf einen Schemel, damit jeder sie sehen kann an dieser Straßenecke in Dorchester, einer Arbeitervorstadt im Süden Bostons. Es sind viele Anhänger gekommen: Schwarze, Weiße, Latinos.

Denn dies sind die letzten, oft entscheidenden Stunden, einen Tag vor der Wahl. "Ich will nicht für die Millionäre und Milliardäre in den Senat!", ruft Warren also. "Ich will für euch in den Senat - für Amerikas einfache Menschen!"

Zu denen zählt sich auch Warren, 62: Ihr Vater war Hausmeister, ihre Mutter arbeitete für eine Katalogfirma, sie selbst jobbte als Kellnerin. Doch nach einer Karriere als Akademikerin, Juristin, Verbraucheranwältin und nun erstmals Politikerin zählt Warren heute eher zur Elite.

Dennoch stilisiert sich die Demokratin weiter zur Advokatin der Armen, in diesem mit Kosten von insgesamt 68 Millionen Dollar teuersten US-Senatsrennen der Saison. Warrens Gegner ist der fesche Republikaner Scott Brown, der vom Magazin "Cosmopolitan" einst das Etikett "America's Sexiest Man" verliehen bekam und heute noch gerne im Pick-up-Truck umherdüst.

Viel steht auf dem Spiel. Erst im vorigen Jahr sah sich Warren als designierte Chefin der neuen US-Verbraucherschutzbehörde CFPB von den Republikanern sabotiert. Jetzt hofft sie auf den Senatssitz der linken Ikone Ted Kennedy, den sich Brown nach dessen Tod geschnappt hatte.

An diesem kalten Morgen hat sie gleich beide Söhne Ted Kennedys im Schlepptau, Ted Kennedy Jr. und Patrick Kennedy. "Wenn ihr meinen Vater geliebt habt", ruft Letzterer in die Menge, "dann werdet ihr die Vorkämpferin der Arbeiter lieben, Elizabeth Warren!"

Es geht an diesem Dienstag auch um die künftigen Mehrheiten im US-Kongress, die oft an Frauen wie Warren hängen. Im ganzen Land wird es parallel zur Präsidentschaftswahl spannende Entscheidungen im Kampf um einen Platz in Senat und Repräsentantenhaus geben, die bisher im Getöse um Barack Obama und Mitt Romney untergingen.

Der Senat steht auf der Kippe

Alle 435 Abgeordnetensitze und 33 der 100 Senatsposten stehen zur Wahl. Vor allem im Senat wird's spannend. Die Demokraten hoffen, ihre hauchdünne Mehrheit von 51 Sitzen halten zu können, der sich die zwei unabhängigen Senatoren Bernie Sanders und Joe Lieberman bisher angeschlossen haben. Noch besser wäre es, sie auszubauen, da Lieberman freiwillig in Pension geht - und auch 60 Senatsstimmen nötig sind, um allen politischen Widerstand zu ersticken.

Ein starker Präsident, so die Rechnung beider Seiten, braucht einen starken Kongress. Sonst könnte, wer immer die Präsidentschaftswahl gewinnt, die nächsten Jahre gelähmt bleiben.

Um sich die Senatskontrolle zu sichern, müssten die Republikaner vier neue Sitze hinzugewinnen, falls Obama gewinnt - aber nur drei, falls Romney gewinnt, denn dann hätte Paul Ryan als Vizepräsident automatisch ein Senatsvotum. Die Demokraten wiederum dürfen keinen einzigen Sitz verlieren oder müssen die verlorenen mit neuen ausgleichen.

Eklat in Indiana

Gut sieht es für die Demokraten in Indiana aus. Dort schaufelte sich Tea-Party-Kandidat Richard Mourdock, der den moderaten Alt-Republikaner Richard Lugar vertrieben hatte, das Grab: Würde eine Frau durch Vergewaltigung schwanger, sagte er, sei das "gottgewollt". Prompt führt der Demokrat Joe Donnelly, obwohl auch der die Abtreibung ablehnt - selbst in Fällen von Vergewaltigung.

Der Indiana-Eklat erinnert an einen ähnlichen in Missouri. Da profilierte sich der Republikaner Todd Akin mit seinem Gerede über "legitime Vergewaltigung". Die demokratische Senatorin Claire McCaskill, bisher im Nachsehen, muss nun kaum mehr um ihre Wiederwahl fürchten.

Anderswo sind die Demokraten in der Bredouille. In Nebraska spürt der einst populäre Ex-Gouverneur Bob Kerrey nach längerem Exil in New York plötzlich Gegenwind: Der Staat ist konservativer geworden, und seine Rivalin Deb Fischer hat es in sich - und die Unterstützung von Ex-Außenministerin Condoleezza Rice.

In Connecticut tritt ebenfalls eine selbstbewusste Republikanerin an. Linda McMahon, die frühere Chefin des Wrestling-Megakonzerns WWE, wagt dort den zweiten Anlauf auf den Senat. Und wie beim Wrestling scheut sie auch hier vor harten Bandagen nicht zurück: Ihre jüngste Wahlwerbung ermuntert Demokraten, für sie und Obama zu stimmen. Ihr Gegner Chris Murphy führt dennoch in den Umfragen.

Erste offen lesbische Senatorin in Wisconsin?

Auch in Wisconsin liegt eine Frau vorn, doch für die Demokraten. Tammy Baldwin, seit 1999 Abgeordnete im Repräsentantenhaus, wäre die erste offen lesbische Senatorin - und eine der progressivsten. Gegen ihr Charisma scheint selbst ihr bekannter Widersacher Tommy Thompson, der langjährige Gouverneur des Bundesstaats, nur schwer anzukommen.

Weniger Bewegung ist diesmal bei den Repräsentantenhauswahlen zu erwarten, zumindest was die Parteien-Balance angeht. Dort halten die Republikaner mit 241 Sitzen die klare Mehrheit. Die Demokraten, bisher bei 191, müssten 27 Sitze hinzugewinnen, um das Blatt zu wenden. Zwar dürften sie zulegen, doch kaum so stark. Auch hier schwang das Pendel zuletzt mehr in Richtung der Republikaner.

Viele Demokraten gingen schon vorsorglich in den Ruhestand. Andere müssen um ihren Verbleib fürchten. Etwa John Barrow aus Georgia - obwohl der in einem TV-Spot prahlte, wie sein Großvater einst per Pistole Lynchmorde verhindert habe. Oder Jim Matheson in Utah, dessen schwarze Widersacherin Mia Love mit ihrer flammenden Rede auf dem Republikaner-Parteitag zu einem neuen Parteistar wurde.

Ein demokratischer Neuzugang dürfte Tammy Duckworth werden. Die Kriegsversehrte aus Illinois, die im Irak beide Beine verlor, war beim ersten Anlauf aufs Repräsentantenhaus 2006 gescheitert. Auch der Anwalt Joe Garcia aus Miami hat gute Aussichten, den in etliche Ermittlungsverfahren verstrickten Republikaner David Rivera abzusetzen. Und in Arizona könnte Kyrsten Sinema die erste bisexuelle Kongressabgeordnete der Geschichte werden.

Elizabeth Warren in Massachusetts würde sich damit zufriedengeben, die erste Frau zu sein, die den US-Gründerstaat im Senat vertritt. In den meisten Umfragen hat sie Scott Brown abgehängt. Doch am Ende zählt nur eines, wie sie auch in Dorchester ruft: "Geht wählen!"

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Da ich heute soviel Zeit habe...
mimamausebär 06.11.2012
... noch ein Kommentar, der SPON nicht erspart bleibt: Das Gegenteil von "Frau" ist "Mann", nicht "Macho". "Starke Frauen, schwache Männer", insbesondere "schwache Männer", wollten Sie also nicht schreiben. Schön. Ich fände schön, wenn Sie auch "starke Frauen" im Zusammenhang mit Frauen, die sich in gewöhnlicher Weise am gesellschaftlichen Leben beteiligen, nicht mehr schreiben würden. Denn daran klebt die sexistisch diskriminierende und pauschale Zuweisung von Schwäche zu Frauen einerseits und umgekehrt die daraus abgeleitete Einräumung einer ungerechten, sexistisch diskriminierenden Protektion vermeintlich schwacher, "normaler" Frauen andererseits. Eine Kugelstoßerin hingegen geht ohne weiteres als starke Frau durch. Interessant wäre nun, ob diese Perspektive des Artikels sich so bereits in der US-amerikanischen Diskussion wiederfindet oder doch eher aus einer deutschen Sicht übertragen wurde?
2. Schon interessant:
Eserwe 06.11.2012
Wenn die Senatswahlen in Missouri und Indiana so ausgehen wie die Prognosen voraussagen, dann haben Tea Party Kandidaten in den letzten beiden Jahren fuenf Sitze im Senat versiebt.
3. Mourdock und Akin
gandhiforever 06.11.2012
Zitat von sysopAlles dreht sich um Barack Obama und Mitt Romney - fast vergessen im US-Wahlkampfgetöse: Auch im Kongress werden die Mehrheiten neu gemischt. Die Demokraten hoffen vor allem auf den Senat. In vielen Rennen stehen Frauen im Mittelpunkt. Demokraten hoffen bei US-Kongresswahlen vor allem auf den Senat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/demokraten-hoffen-bei-us-kongresswahlen-vor-allem-auf-den-senat-a-865502.html)
werden es die Demokraten zu danken haben, wenn sie die Mehrheit im Senat verteidigen. Aber wenn die GOP so dumme Kandidaten aufstellt, muss sie sich nicht wundern, wenn diese nicht gewaehlt werden (es fehlte nur noch, dass diese Straffreiheit fuer Vergewaltiger forderten). Elisabeth Warren wird Ted Kennedys Sitz zurueckerobern. In Ohio wird Brown siegen, der rep. Kandidat wird von der eigenen Familie abgelehnt, weil er schwulenfeindlich ist.
4. Unklar
prospektor 06.11.2012
Was genau ist denn eine "starke Frau"? Eine mit hochgekrempelten Ärmel, die lauthals Rabatz macht? So eine Art weiblicher Macho? Was natürlich besser ist als ein männlicher Macho? Auf irgendeine verquere Weise? Solange eine starke Frau eine ist, die Männer "kopiert", im Gegensatz zu "schwachen" Frauen, die wohl eher als weiblich empfundene Eigenschaften zeigen, solange werden Frauen nicht als vollwertig betrachtet. Diese Darstellung zeigt nur, daß die Medien a) immer noch gedanklich in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts verharren und/oder b) keine Ahnung haben, was sie mit solchen "Berichten" eigentlich aussagen.
5. die Bilder sind genial. Während die Gestalten im Vordergrund aussehen
2049er 06.11.2012
wie ganz normal Playmobil-Figuren, sehen die Menschen im Hintergrund aus wie extrem missglückte Playmobil-Figuren....
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