Aus Charlotte, North Carolina, berichtet Sebastian Fischer
Sie hat die Mutter der Nation aus sich gemacht. "Mom-in-Chief", sagt sie stets, sei doch für sie am Ende der wichtigste Titel. Die Regie spielt ein Video ein, viele Kinder sind zu sehen. Barack Obama erklärt in dem Clip, dass sie die beste Mutter auf der Welt sei, ganz gewiss.
Und dann endlich steht sie da, das Kleid glänzend, rosafarben: Michelle Obama, die First Lady - die Mutter der Nation. Sehnsüchtig erwartet von den Delegierten des Demokraten-Parteitags in Charlotte, North Carolina.
Es ist eine Rolle, die sich die 48-Jährige im Laufe der letzten vier Jahre mehr und mehr zu eigen gemacht hat. Noch im vergangenen Wahlkampf, 2008 galt sie manchen Beratern ihres Mannes als zu ungestüm, als zu verärgert manchmal.
Damals sorgten sich Obamas Strategen, die Frau könne den Wahlsieg gefährden. Jetzt könnte sie Barack Obama vielleicht die Präsidentschaft retten.
Die Verhältnisse haben sich umgekehrt, längst ist Michelle der beliebtere Teil des Paares. Deutlich liegen ihre Umfragewerte über denen ihres Mannes, aktuell stimmen ihr laut CNN 65 Prozent der Befragten zu. Weil die Wirtschaft dümpelt und die Arbeitslosigkeit unverändert hoch ist, weil viele einstige Wähler vom Präsidenten enttäuscht sind, deshalb ist der Auftritt von Michelle Obama auf diesem Parteitag so wichtig.
"Ich machte mir Sorgen"
Schließlich der zentrale Satz ihrer Rede: "Nun, heute, nach so vielen Kämpfen und Triumphen und Momenten, die meinen Mann auf so viele, vorher unvorstellbare Weisen herausgefordert haben, da habe ich gesehen, dass es dich nicht ändert, wenn du Präsident bist - sondern dass es enthüllt, wer du bist." Frenetisch jubeln die Delegierten in der Time Warner Cable Arena.
Soll heißen: Barack ist noch der, den ich geheiratet habe. Und vor allem: Barack ist noch der, den ihr gewählt habt.
Es ist viel vom amerikanischen Traum die Rede bei Michelle Obama. Davon, wie sie beide aufgewachsen sind: Sie in ärmlichen Verhältnissen in der schwarzen South Side von Chicago, der Vater erkrankt an Multipler Sklerose. Er bei den Großeltern, als Außenseiter auf Hawaii.
Und dass sie es beide geschafft haben. Streckenweise ist dieser Teil eins zu eins übernommen aus jener Rede, die Michelle Obama auf dem Wahlparteitag 2008 gehalten hat. Doch es gibt einen gewaltigen Unterschied: Damals stellte sie sich selbst vor, warb um Vertrauen. Jetzt wirbt sie für ihren Mann, sie gibt die Obama-Erklärerin: Warum er die Detroiter Autofabriken gerettet habe? Warum er die Gesundheitsreform mache? "Weil er an Leute wie meinen Vater und seine Großmutter denkt."
Eine Rede an die Nation
Je länger Michelle Obama redet, desto besser wird sie. Es ist mehr als die Rede der Frau an seiner Seite. Es ist eine Rede an die Nation - und insbesondere an deren weiblichen Teil. "Michelle, nicht gewählt und doch eine Königin. Mrs. America. Schlau und eigenständig und witzig, nicht operiert und nicht magersüchtig", schrieb vor vier Jahren der SPIEGEL. Das gilt noch immer. Auch wenn sie sich heute deutlich weichgespülter gibt; wenn das ewige Mutter-Motiv irgendwann ins Kitschige abrutscht; wenn sie ein Buch über ihren Gemüsegarten veröffentlicht oder Amerikas fettleibiger Jugend ein kollektives Fitnessprogramm verordnet.
Während sich der Präsident seit Monaten eine erbitterte Negativ-Kampagne mit den Republikanern und seinem Rivalen Mitt Romney liefert, während sich beide Seiten offensichtlicher Lügen bedienen, während es so scheint, als wolle jeder den anderen nur noch kaputt machen - da erinnert Michelle nun wieder an die Obama-Story, an die Erzählung hinter dieser Präsidentschaft: "Für Barack ist das nicht politisch, für ihn ist das persönlich." Michelle gibt die Obama-Garantie.
Dieser Überbau ist Ann Romney in der vergangenen Woche auf dem Republikaner-Parteitag in Florida nicht gelungen. Sicher, sie hat ihren Mann weicher gemacht, ihn als Familienmensch gezeichnet. Aber sie hatte keine Story parat. Nur wirtschaftlicher Sachverstand, das reicht nicht. Darauf spielt auch Michelle Obama an. Die Probleme, die auf dem Tisch eines Präsidenten landeten, sagt sie, sind keine, "auf die du mit einer Menge von Daten und Zahlen einfach eine Antwort findest". Ein Seitenhieb.
Der Name Romney fällt dabei nicht ein einziges Mal in ihrer Rede. Sie gibt die Überparteiliche. Sie erinnert an das, wofür einst Obama stehen wollte: Für das Brückenschlagen, das Entschärfen des Parteienstreits, das Ende der gegenseitigen Beschuldigungen.
Für all das also, was dem Präsidenten nicht gelungen ist in den vergangenen vier Jahren.
"Change", greift sie am Ende das Motto von damals auf, sei "kompliziert, langsam und es geht auch nie alles auf einmal". Aber schließlich werde man doch ans Ziel gelangen, ganz sicher. Tatsächlich?
Die nächsten Wochen werden es zeigen.
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