Demokraten-Vordenker Al Gore Klimaretter in der Kampfzone

Aufwendige Fernsehspots und eine 300-Millionen-Dollar-Kampagne - so will Al Gore Amerikas Politiker zum Klimaschutz bewegen. Seinen Vorstoß orchestriert der Friedensnobelpreisträger wie einen Wahlkampf. Hat er den Gedanken ans Weiße Haus doch noch nicht aufgegeben?

Von , Washington


Washington - Die Aufnahmen sind schwarzweiß, sie zeigen Soldaten, die im Meer waten. Eine Stimme aus dem Off sagt: "Wir haben nicht auf jemand anders gewartet, um die Strände der Normandie zu stürmen." Dann ein Astronaut mit US-Flagge auf dem Mond: "Wir haben nicht auf jemand anders gewartet, um einen Mann auf den Mond zu schicken." Schließlich endet der Spot in einer Großaufnahme grüner Wiesen und rotierender Windräder, flotte Musik tönt, die Stimme jubelt: "Wir können es lösen."

Wir. Wandel. Aufbruch.

Al Gore: "Unsere Chance, diese zerstörerische Entwicklung aufzuhalten, schwindet"
REUTERS

Al Gore: "Unsere Chance, diese zerstörerische Entwicklung aufzuhalten, schwindet"

Alles vertraut aus dem aktuellen US-Wahlkampf. Aber statt ums Weiße Haus geht es um den Klimaschutz.

Der aufwändige Streifen bildet den Auftakt einer generalstabsmäßig angelegten Werbekampagne der "Alliance for Climate Protection". Gründer und prominentester Name dieser Allianz: der ehemalige US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore. Er will seinen Landsleuten vermitteln, dass die Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Klimawandel eine Vorreiterrolle einnehmen müssen wie im Zweiten Weltkrieg oder bei der Mondfahrt. "Unsere Chance, die zerstörerische Entwicklung aufzuhalten, schwindet", sagte Gore der "Washington Post". "Politiker beider Parteien zögern, den nötigen Wandel einzuleiten - bis der Öffentlichkeit die Dringlichkeit der Krise bewusst wird."

Gore stiftet sämtliche Erlöse seines Dokumentarfilms

300 Millionen Dollar will die Kampagne in den nächsten drei Jahren ausgeben. Für TV-Spots, die von einer der bekanntesten amerikanischen Werbeagenturen produziert werden. Für Online-Marketing, für Basisarbeit überall in den USA. Ziel: eine gigantische Aufklärungsaktion über die Gefahren des Klimawandels. Gore stiftet dafür unter anderem sämtliche Erlöse seines preisgekrönten Dokumentarfilms "An Inconvenient Truth". Spender sollen den Rest beisteuern.

Das großzügige Budget macht die Kampagne zu einer der größten Initiativen für gesellschaftlichen Wandel, die Amerika je gesehen hat. Und sie kommt genau zur richtigen Zeit, glaubt Peter Goldmark, Ex-Präsident der "Rockefeller Foundation" und nun Klimachef der einflussreichen Umwelt-Organisation "Environmental Defense".

"Gores Vorstoß ist extrem wichtig", sagt Goldmark im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Nicht weil sie Leugner des Klimawandels bekehrt. Sondern weil sie diejenigen, die ohnehin etwas tun wollten, endlich zum Handeln anstößt". "Environmental Defense" hat selbst vor einigen Monaten für drei Millionen Dollar Werbespots mit US-Gouverneuren wie Arnold Schwarzenegger produziert. Die Politiker sprachen direkt in die Kamera: Sie hätten gehandelt, jetzt sei der Kongress dran. "Die Reaktionen waren extrem positiv", sagt Goldmark.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt nun Gore. Er will vor allem Druck auf seine ehemaligen Kollegen in Washington machen - und dafür bis zu zehn Millionen Mitstreiter in den nächsten drei Jahren mobilisieren. Auf der "WeCanSolveIt"-Webseite der Gore-Initiative ist präzise aufgeführt, wie diese Unterstützer Politiker und Medien für ein globales Klima-Abkommen begeistern sollen. Für die Werbespots hat der Ex-Vizepräsident prominente Vertreter beider US-Parteien eingebunden. Der konservative Vordenker Newt Gingrich tritt etwa einträchtig mit der demokratischen Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, auf.



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