Demokratisierung des Irak Britische Diplomaten halten Bushs Pläne für naiv

Großbritannien, der treueste Verbündete der USA, geht immer mehr auf Distanz. Einem Zeitungsbericht zufolge kam es jetzt zwischen britischen und amerikanischen Diplomaten zum Eklat: Die Briten halten Bushs Plan, den Irak nach westlichem Vorbild zu demokratisieren, für chancenlos.




Bush und Blair: Brüchige Freundschaft?
AP

Bush und Blair: Brüchige Freundschaft?

London - Die Briten hielten das vom US-Präsidenten vorgegebene Ziel für naiv, sagte Michael Rubin der britischen Zeitung "The Daily Telegraph". Rubin arbeitete bis vor kurzem für das Pentagon und war ein enger Berater von Paul Bremer, dem US-Statthalter im Irak.

"Bremer folgt der Linie des US-Präsidenten", sagte Rubin. "Die meisten britischen Diplomaten stimmen mit der Linie des Präsidenten im Allgemeinen nicht überein." Vor allem Bremers Entscheidung, die irakischen Streitkräfte aufzulösen und ehemalige Mitglieder von Saddam Husseins Baath-Partei von allen Ämtern auszuschließen, werde von den Briten als Fehler eingeschätzt, berichtete die Zeitung auch unter Verweis auf andere Quellen.

Rubin kritisierte weiter, dass sich die Briten vom Irak aus um eine verstärkte Annäherung an Iran bemühten, was nicht im amerikanischen Interesse sei.

Persönliche Differenzen hatten Paul Bremer und Jeremy Greenstock, der britischen Gesandte in Bagdad, der im vergangenen Monat die Brocken hingeworfen hat. Der "Telegraph" zitiert einen Insider aus der provisorischen Regierung. "Bremer und Greenstock konnten sich nicht leiden."

Schon seit langem kursieren in Großbritannien Gerüchte, wonach der britische Sondergesandte in Bagdad mit Bremer auf schlechtem Fuß stand. "Greenstock hielt Bremer für naiv, Bremer wiederum glaubte, dass Greenstock die falsche Politik verfolgte", zitierte der "Telegraph" eine Quelle aus der US-geführten Zivilverwaltung.

Laut Rubin liegen die Differenzen zwischen den beiden Ländern in ihrer jeweiligen Geschichte begründet. "Die Briten glauben, dass sie mehr Erfahrung darin haben, Nationen auf den Weg zu helfen, und dass die Amerikaner in diesem Spiel ganz neu sind." Die Amerikaner glauben dagegen, dass die Briten die gleichen Fehler machen wie 1920. Sie glauben, die Briten haben nicht bemerkt, dass sich die Situation geändert hat."

Die unterschiedlichen Ansichten zwischen USA und Großbritanien dürften auch am Freitag Thema sein, wenn sich US-Präsident George W. Bush und Premier Tony Blair treffen. Die beiden Politiker wollen einen Plan erarbeiten, wie der Übergang des Irak zu voller Eigenständigkeit ablaufen soll.

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