Krawalle in Tunesien: Demonstranten setzen Islamisten-Zentrale in Brand

Die Ermordung des Oppositionsführers Chokri Belaid hat in Tunesien zu schweren Krawallen geführt. Demonstranten griffen die Zentrale der islamistischen Regierungspartei an und setzten sie laut Augenzeugen in Brand.

Chokri Belaid: Tod im Kugelhagel Fotos
AP

Tunis - Chokri Belaid galt als einer der heftigsten Kritiker der von Islamisten geführten Regierung Tunesiens. Der Chef der linksgerichteten oppositionellen Partei der Demokratischen Patrioten wurde am Mittwoch in der Hauptstadt Tunis durch mehrere Schüsse ermordet, als er seine Wohnung verlassen wollte.

Seitdem ist Tunesien in Aufruhr: Nach der Nachricht der Ermordung von Belaid kam es in mehreren Städten des nordafrikanischen Landes zu Protestaktionen. Demonstranten attackierten die Zentrale der regierenden islamistischen Ennahda-Partei in Tunis und legten dort Feuer. Zuvor hatte der Ennahda-Chef Rached Gannouchi beteuert, seine Partei habe mit der Ermordung Belaids nichts zu tun. Der tunesische Ministerpräsident Hamadi Jebali verurteilte den Mord. Er nannte die Tat in einem Radiointerview ein "Verbrechen gegen Tunesien". Gleichzeitig rief er die Bevölkerung zur Besonnenheit auf und warnte vor Anarchie.

Vor dem Innenministerium in Tunis versammelten sich nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP etwa tausend Demonstranten. Sie riefen "Schande, Schande" und "'Wo ist die Regierung?". Viele von ihnen forderten einen Sturz der Regierung, die nach dem Volksaufstand gegen Machthaber Zine al-Abidine Ben Ali vor zwei Jahren gewählt worden war.

In der Stadt Mezzouna nahe Sidi Bouzid wurde das Büro der regierenden islamistischen Ennahda-Partei in Brand gesetzt, die Polizei ging laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters mit Tränengas gegen Demonstranten vor. In Sidi Bouzid protestierten Augenzeugen zufolge mehr als 4000 Menschen. Sie setzten Reifen in Brand und bewarfen Polizisten mit Steinen. Diese schossen in die Luft und setzten Tränengas ein, um die Menge zu zerstreuen. In dem Ort hatte sich im Januar 2011 der arbeitslose Uni-Absolvent Mohamed Bouazizi angezündet und damit die Protestwelle in Tunesien und später auch anderen arabischen Ländern ausgelöst. In Gafsa verwüsteten aufgebrachte Tunesier Büroräume der Partei.

Präsident bricht Ägypten-Reise ab

Ihr Mann sei auf dem Weg ins Büro gewesen, als die tödlichen Schüsse fielen, berichtete Belaids Frau. Seine Familie machte die Ennahda für die Tat verantwortlich. Staatschef Moncef Marzouki brach einen Besuch in der ägyptischen Hauptstadt Kairo ab, um zurück nach Tunis zu reisen.

Im vergangenen Monat hatte Marzouki noch davor gewarnt, dass die jüngsten Spannungen in Tunesien in einen Bürgerkrieg münden könnten. Er gehört der säkularen Partei Kongress für die Republik an, die an der Regierung beteiligt ist. Am Sonntag drohte die Partei mit einem Koalitionsbruch, sollte Ennahda nicht zwei islamistische Minister entlassen. Nach der Wahl der von Islamisten dominierten Regierung im Oktober 2011 ist ein erbitterter Streit mit säkularen Kräften über die weitere Ausrichtung der Politik entbrannt. Viele fürchten den wachsenden Einfluss extremistischer Kräfte.

Belaid ist der zweite Oppositionspolitiker, der seit dem Sturz von Langzeitpräsident Zine el-Abidine Ben Ali Anfang 2011 gewaltsam ums Leben kam. Im vergangenen Oktober starb bereits Lotfi Naguedh nach einem Angriff von Regierungsanhängern auf sein Büro. Er soll nach einer Prügelattacke einen Herzinfarkt erlitten haben.

Der französische Präsident François Hollande äußerte sich in einer Stellungnahme entsetzt über das Verbrechen an Belaid. "Frankreich ist besorgt über die Zunahme von politischer Gewalt in Tunesien", kommentierte der Staatschef. Der Mord habe dem nordafrikanischen Mittelmeerland eine seiner mutigsten und unabhängigsten Stimmen genommen.

als/Reuters/AFP

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Fläche: 164.000 km²

Bevölkerung: 10,374 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Moncef Marzouki

Regierungschef: Mehdi Jomaa

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