Kairo und Bengasi: Islamisten stürmen US-Vertretungen

Ein Film über den Propheten Mohammed hat heftige anti-amerikanische Ausschreitungen in Ägypten und Libyen ausgelöst: Demonstranten halten ihn für islamfeindlich, in der Nacht attackierten sie die US-Botschaft in Kairo und das Konsulat in Bengasi. Ein Amerikaner wurde dabei erschossen.

Washington/Kairo - Die zornigen Demonstranten kamen zum Teil mit Waffen: Vor der US-Botschaft in der ägyptischen Hauptstadt Kairo und dem Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi ist es zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen. In Bengasi kam ein amerikanischer Diplomat ums Leben, als Demonstranten Schüsse abgaben und Feuer legten.

Ein weiterer US-Bürger wurde verletzt, wie ein Mitarbeiter des Innenministeriums erklärte. Die Ausschreitungen hätten etwa drei Stunden gedauert, danach habe sich die Lage beruhigt. Die meisten Mitarbeiter hatten das Gebäude bereits verlassen, weil es zuvor Warnungen vor den Protesten gegeben hatte.

"Die libyschen Sicherheitskräfte gerieten unter heftiges Feuer und waren auf die Intensität des Angriffs nicht vorbereitet", sagte ein Sprecher von Libyens Oberstem Sicherheitskomitee. Augenzeugen beobachteten Plünderer auf dem verlassenen Gelände des US-Konsulats, die Tische, Stühle und Waschmaschinen forttrugen. Gewehrschützen feuerten auf die Gebäude, andere warfen selbst gebastelte Sprengsätze auf das Gelände.

In Kairo stürmten Demonstranten auf das Botschaftsgelände, rissen die US-Flagge herunter und hissten eine schwarze Fahne mit einer islamischen Inschrift. Die Menge wuchs im Verlauf des Abends immer mehr an, bis schließlich Tausende vor der Botschaft versammelt waren. Das ägyptische Außenministerium versicherte in einer Stellungnahme, es werde die diplomatischen Vertretungen sichern.

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Wut über US-Film: Gewalt in Kairo und Bengasi
US-Außenministerin Hillary Clinton bestätigte den Tod eines Mitarbeiters in Bengasi. Sie verurteilte den Angriff und erklärte, sie habe mit dem libyschen Präsidenten Mohammed al-Magharif telefoniert, um den Schutz von Amerikanern in Libyen zu koordinieren. Clinton zeigte sich besorgt, dass die Proteste sich auf andere Länder ausweiten könnten. Die USA arbeiteten mit Partnern in der ganzen Welt zusammen, "um unsere Mitarbeiter, unsere Missionen und amerikanische Bürger weltweit zu schützen".

Die Proteste entzündeten sich an einem Film über den Propheten Mohammed, den ein Amerikaner in Kalifornien produzierte. In dem Film, von dem Ausschnitte im Internet bei YouTube zu sehen sind, wird der Prophet beim Sex gezeigt und seine Rolle als Überbringer von Gottes Wort angezweifelt. Das Video wird von einem ägyptischen Christen in den USA beworben. Ein Sprecher von YouTube erklärte, die Website werde das Video nicht entfernen. Sam Bacile, der Amerikaner, der nach eigenen Angaben das Drehbuch für den zweistündigen Film schrieb, ihn produzierte und auch Regie führte, sagte, er habe mit solch einer Reaktion nicht gerechnet. "Es tut mir leid für die Botschaft", erklärte er . "Ich bin wütend." Er sei Jude und kenne die Region. Der vollständige Film sei noch nicht gezeigt worden. Angebote für einen Vertrieb habe er bisher abgelehnt.

In Washington sagte US-Außenamtssprecherin Victoria Nuland, die Botschaft arbeite mit ägyptischen Stellen zusammen, "um die Ordnung wiederherzustellen und die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen". Die Botschaft hatte zuvor in einer Erklärung "die fortgesetzten Bemühungen fehlgeleiteter Individuen, die religiösen Gefühle der Muslime zu verletzen", verurteilt.

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney kritisierte die US-Regierung für ihre erste Reaktion auf die Angriffe. Er sei schockiert über die Attacken auf die diplomatischen Vertretungen und den Tod eines Konsulatsmitarbeiters. Es sei "beschämend", dass die Regierung Obamas zunächst nicht die Angriffe verurteilt, sondern Verständnis für die Täter gezeigt habe, hieß es in einer Erklärung Romneys.

Etwa zeitgleich mit Romney verurteilte US-Außenministerin Clinton die Angriffe. Einige hätten offenbar versucht, die Gewalt als Reaktion auf aufrührerisches Material im Internet zu rechtfertigen, erklärte sie. Für Gewalt dieser Art gebe es jedoch keine Rechtfertigung.

hen/dpa/dapd/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 224 Beiträge
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1. Ein Vorgeschmack
beschwingt 12.09.2012
Völlig überraschend. Und wer glaubt, das sich international zufällig zwei solcher Erstürmungen gleichzeitig ereignen, dem ist nicht mehr zu helfen. Offenbar eine konzertierte Aktion. Das hat mal wohl davon, wenn man, wie in Libyen, religiös-extremistischen Banden Waffenhilfe gewährt um sekulare Potentaten zu stürzen. Und ob das der Sieg der "Demokratie" in Ägypten ist, sei mal dahin gestellt Auf soviel Toleranz und kulturelle Vielfalt sollten wir uns auch in Europistan gefasst machen. Dann wird die Meinungsfreiheit auch hier endgültig neu definiert.
2. Schade!
voelligharmlos 12.09.2012
Dieses unglaubliche Verhalten des Mobs wird mal wieder keine Folgen haben, nicht für die Mörder, nicht für die Verantwortlichen, nicht für die Länder. Wir werden an unserer Nachsichtigkeit irgentwann einmal sterben....
3. Religion - ein Irrweg
weltoffener_realist 12.09.2012
Zitat von sysopREUTERSEin angeblich islamfeindlicher Film hat heftige anti-amerikanische Ausschreitungen in Ägypten und Libyen ausgelöst: Demonstranten stürmten die US-Botschaft in Kairo und das Konsulat in Benghasi, ein Amerikaner wurde erschossen. Die Vorfälle sind schon Streitthema im US-Wahlkampf. Demonstranten stürmen US-Konsulate in Bengasi und Kairo - ein Toter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855288,00.html)
Wenn ich hier schreiben würde, was mir zum Thema Religion spontan einfällt, hätte dieser Beitrag keine Chance auf Veröffentlichung. Ohne diese von menschlicher Phantasie ersonnenen Hirngespinste wäre die Welt jedenfalls allemal besser dran.
4. Also ehrlich...
bassattack 12.09.2012
wenn ich mir anschaue, wie alleine in Deutschland so über das Christentum und/oder die Person Jesus hergezogen wird kann ich den Muslimen nur mehr Gelassenheit wünschen...
5. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 12.09.2012
Zitat von sysopREUTERSEin angeblich islamfeindlicher Film hat heftige anti-amerikanische Ausschreitungen in Ägypten und Libyen ausgelöst: Demonstranten stürmten die US-Botschaft in Kairo und das Konsulat in Benghasi, ein Amerikaner wurde erschossen. Die Vorfälle sind schon Streitthema im US-Wahlkampf. Demonstranten stürmen US-Konsulate in Bengasi und Kairo - ein Toter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855288,00.html)
Natürlich. Wer weiter erschossenes Botschaftspersonal will, der muss Jimmy Carter 2.0 im Amt bestätigen. Wer nicht, muss sich nach Alternativen umsehen.
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