Tote bei Massendemonstrationen in Ägypten: Machthaber Sisi isoliert die Islamisten

Aus Kairo berichtet

Ägypten: Zehntausende für Sisi, Zehntausende für Mursi Fotos
DPA

Der Tahrir-Platz in Kairo feiert General Sisi, nicht weit entfernt demonstrieren Muslimbrüder für Mursi. Beide Seiten haben Hunderttausende Menschen in Ägypten mobilisiert, fünf starben bei Zusammenstößen. Der neue starke Mann spielt seine Macht rücksichtslos aus, um seine Gegner auszugrenzen.

Niemand soll General Abd al-Fattah al-Sisis große Show stören, das hat der Zwischenrufer schnell gelernt. Der etwa 40-Jährige rief nach dem Freitagsgebet in der Al-Azhar-Moschee, als Sisi-Plakate verteilt wurden: "Ich brauche keinen Beschützer außer Gott." Sofort war er umringt von einem Dutzend Männer, die alle brüllten: "Das Volk und die Armee sind eine Hand!" Gefangen im Kreis, wurde der Zwischenrufer eilig durch die Menge zum Ausgang manövriert.

Man konnte den Zwischenruf als Anspielung verstehen. Schließlich hatte Militärchef Sisi "alle ehrlichen Ägypter" dazu aufgefordert, an diesem Freitag auf die Straße zu gehen. So sollte das Volk ihm ein Mandat dafür geben, es vor "Gewalt und Terrorismus" zu bewahren.

Eigentlich ist die Al-Azhar-Moschee als Ort bekannt, an dem sowohl Sisi-Fans als auch Anhänger seines Widersachers, des abgesetzten Mohammed Mursi, beten. Noch vor einer Woche war es dort zwischen beiden Gruppen zu Zusammenstößen gekommen. Dieses Mal war außer dem einen Zwischenruf nichts mehr von den Mursi-Unterstützern zu hören.

Auf der Straße ergibt sich ein weniger eindeutiges Bild. Würde man tatsächlich anfangen, die Zahl der Demonstranten als Abstimmung zu bewerten - das von Sisi gewünschte klare Mandat käme nicht dabei heraus.

Bis Mitternacht hatten nämlich beide Seiten Hunderttausende Menschen auf die Straßen gebracht. Landesweit gab es Massenkundgebungen. Bei Zusammenstößen in der Hafenstadt Alexandria wurden fünf Menschen getötet. Unter den Toten war auch ein 14 Jahre alter Junge, wie das staatsnahe Portal "al-Ahram" unter Berufung auf das Gesundheitsministerium berichtete. Mindestens 146 weitere Menschen seien in der Nacht zum Samstag verletzt worden.

Die Islamisten gefallen sich in der Opferrolle

Die großen Demonstrationszüge sowohl der Sisi-Befürwörter als auch der Mursi-Anhänger unterstreichen die tiefe Spaltung Ägyptens. Dazwischen, als kleine, bescheidene "Dritter Platz"-Bewegung, stehen am Nachmittag nur ein paar Dutzend Leute. Sie protestieren gegen beide, Militär und Muslimbruderschaft.

Doch es stehen sich keine ebenbürtigen Rivalen gegenüber, das ist offensichtlich. Die eine Seite hat den Staatsapparat hinter sich, die andere nicht sehr viel.

Alle Zufahrtsstraßen zum Tahrir-Platz sind vom Militär abgeriegelt. Soldaten kontrollieren Autos und Minibusse, die dorthin unterwegs sind. Direkt um den Platz herum überprüfen sie Handtaschen. Ein knappes Dutzend Sanitätsfahrzeuge und Polizisten stehen bereit, für alle Fälle. Sisi-Poster und Militär-Jubelplakate werden kostenlos verteilt, in Hochglanz und bunt. Der Staat garantiert, dass man auf dem Tahrir-Platz in Sicherheit demonstrieren kann - für Militärchef Sisi.

Ein paar Minuten entfernt, vor der Universität von Kairo, findet eine der Demonstrationen für Mohammed Mursi statt. Dort gibt es keine Soldaten, keine Polizisten und keine Sanitäter. Die Mursi-Anhänger haben kleine Mauern aus Sandsäcken aufgetürmt und Steine zum Werfen bereitgelegt, falls die Gegenseite ihre Versammlung stürmen will. Sie gefallen sich in der Opferrolle. "Ihr habt Feuerwaffen, wir haben den Allmächtigen", skandieren sie. Für sie steht außer Frage, dass Mursi ins Präsidentenamt zurückkehren muss.

Auf dem Tahrir-Platz wünscht man den Muslimbrüdern kurzen Prozess

Dazu hat man auf dem Tahrir-Platz andere Vorstellungen. "Wir brauchen einen starken Mann. Wir brauchen einen Militär als Präsident, am besten Sisi", sagt die 56-jährige Ingenieurin Fathia Mubarak, die extra für die Sisi-Demonstration aus Port Said angereist ist. Für sie ist auch klar, was mit den Gegendemonstranten und den Anführern der Muslimbruderschaft passieren soll: "Diese Terroristen gehören umgebracht."

Es ist keine Einzelmeinung. Viele auf dem Tahrir-Platz fordern ein hartes Durchgreifen gegen die Mursi-Demonstranten. Seit Freitagmorgen zirkuliert ein Flugblatt, worauf die Anführer der Muslimbruderschaft und Mohammed Mursi abgebildet sind, jeweils mit einer Schlinge um den Hals. Darüber werden 17 absurde Verbrechen aufgelistet, etwa die Verschwörung mit der radikalislamistischen Hamas und den USA mit dem Ziel, Ägypten aufzuteilen.

Mit ähnlich seltsamer Begründung wurde bereits am Freitagmittag ein Haftbefehl gegen Mohammed Mursi ausgesprochen. Er soll nun plötzlich dafür vor Gericht gestellt werden, dass er 2011 während der Unruhen mit angeblicher Hilfe der radikalislamistischen Hamas aus dem Gefängnis fliehen konnte. Eine Untersuchung der US-Zeitschrift "Time" kam damals dagegen zu dem Ergebnis, dass es wohl das Militär und die Polizei selbst waren, die die Gefängnistüren öffneten, um Chaos und Angst zu schüren.

Von den Massen, die beide Seiten mobilisierten, sehen die meisten Ägypter wohl nur eine. Während sieben ägyptische Fernsehsender die Demonstrationen der Sisi-Unterstützer am Nachmittag übertragen, gibt es die Mursi-Anhänger-Demos auf keinem einzigen ägyptischen Kanal zu sehen. Sie werden nur von dem katarischen Sender und Muslimbruderschaft-Unterstützer al-Dschasira übertragen.

Mit Material von dpa

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1.
Werner655 26.07.2013
Zitat von sysopDPADer Tahrir-Platz in Kairo feiert General Sisi. Nur wenige Minuten entfernt findet die Gegendemonstration der Muslimbrüder statt. Doch der neue starke Mann in Ägypten spielt seine Macht rücksichtslos aus, um seine Gegner in der Öffentlichkeit zu isolieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/demonstrationen-in-kairo-general-sisi-grenzt-die-islamisten-aus-a-913427.html
Auf Al Jazeera sieht man deutlich, dass die Mursianhänger/ Muslimbrotherhood in Kairo ein Herr an demonstrierenden Unterstützern aufgeboten hat. In anderen Landesteilen kam es bereits zu Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten. Eine friedliche Lösung scheint illusorisch.
2.
Werner655 26.07.2013
Zitat von sysopDPADer Tahrir-Platz in Kairo feiert General Sisi. Nur wenige Minuten entfernt findet die Gegendemonstration der Muslimbrüder statt. Doch der neue starke Mann in Ägypten spielt seine Macht rücksichtslos aus, um seine Gegner in der Öffentlichkeit zu isolieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/demonstrationen-in-kairo-general-sisi-grenzt-die-islamisten-aus-a-913427.html
...und der Livestream von OnTV ist untertitelt mit: "Millions of Egyptians protest against terrorism". Dem Anlass angemessen, ausnahmsweise sogar in englischer Sprache. Nicht zu vergessen: Vor vier Wochen stellten die Vertreter dieses "Terrorismus`" noch die gewählte Regierung. Hunderttausende von MB demonstrieren in Kairo nicht weit weg vom Tahrirsquare...
3.
spon-facebook-1012728125 26.07.2013
Nicht der Sisi, sondern die Islamisten isolieren sich selber.
4. Armes Ägypten
braman 26.07.2013
hier wird wieder in aller Deutlichkeit sichtbar das eine 'halbe' Revolution schlechter ist als gar keine. Es hilft nichts nur den (oder die) obersten Repräsentanten einer Diktatur zu entfernen, das ihn stützende und vom System profitierende Establishment wird immer wieder Mittel und Wege finden um die eigenen Privilegien zu schützen und zu erhalten. Siehe auch Tunesien, Libyen usw. MfG: M.B.
5.
roboterx 26.07.2013
Ist doch in Ordnung, dass Sissi die radikalen und religiös-ideologisch verblendeten Islamisten ausgrenzt. In Tunesien, Afghanistan, Iran usw. sehen wir doch, war von diesen Leuten zu halten ist. Was Ägypten braucht, sind stabile und demokratische Verhältnisse. Und die sind mit den Muslimbrüdern und Salafisten keinesfalls zu bekommen.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757