Demonstrationen für und gegen Flüchtlinge Europas Größe, Europas Hass

Tausende heißen in Hamburg, Kopenhagen, London und Warschau die Flüchtlinge willkommen. Doch in Europas Städten marschieren auch Rassisten und Populisten auf. Der Überblick.

DPA

In vielen Städten Europas hat es am Samstag Demonstrationen und Protestaktionen gegeben, die im Zeichen der Flüchtlingskrise standen. In Hamburg etwa sprachen sich Tausende für Toleranz und Vielfalt aus. Doch es wollten auch Rechtsextreme demonstrieren, ein paar Dutzend wurden festgenommen.

Die Flüchtlingskrise polarisiert, das zeigte sich vielerorts: auf der einen Seite engagierte Helfer und konstruktive Politiker, auf der anderen Seite Populisten und Hetzer. Die Not der Flüchtlinge lässt viele Menschen helfen - und andere pöbeln. Da sind jene, die zu Barmherzigkeit aufrufen, und solche, die den Hass schüren und mit Ausgrenzung Politik machen. Der Überblick:

Deutschland: Chaos in Hamburg

SPIEGEL ONLINE
In Hamburg solidarisierten sich Tausende Menschen mit Asylbewerbern und sprachen sich für mehr Toleranz aus. Doch auch Rechtsextreme hatten mobil gemacht: Den "Tag der deutschen Patrioten" hatten zwar mehrere Gerichte verboten, doch einige Rechtsextreme kamen trotzdem in die Hansestadt. Sicherheitskräfte nahmen drei Dutzend Neonazis in Gewahrsam, es flogen Böller und Steine - außerdem stoppte die Polizei im unübersichtlichen Chaos zwischenzeitlich den Zugverkehr am Hauptbahnhof.

Ungarn: Das letzte Schlupfloch ist zu

Syrische Flüchtlinge in ungarischem Grenzzaun: Streit um einen NS-Vergleich
REUTERS

Syrische Flüchtlinge in ungarischem Grenzzaun: Streit um einen NS-Vergleich

Große Kundgebungen gab es in Ungarn nicht - dafür schufen Politik und Militär Fakten: An der Grenze zu Serbien haben Strafgefangene und Soldaten den letzten Durchlass mit einem vier Meter hohen Zaun zu schließen begonnen. Das 40 Meter breite Schlupfloch an einem Bahngleis, das vom serbischen Horgos ins ungarische Röszke führt, hatten Flüchtlinge in den vergangenen Wochen als Tor zur Europäischen Union genutzt. Die ungarische Regierung zeigte sich indes empört über Vorwürfe aus dem benachbarten Österreich: Dessen Kanzler Werner Faymann hatte im SPIEGEL die Asylpolitik unter Viktor Orbán mit der Rassenpolitik im Nationalsozialismus verglichen.

Slowakei: Willkommen sind nur Christen

Kundgebung in Bratislava: "Go home"
AFP

Kundgebung in Bratislava: "Go home"

In der slowakischen Hauptstadt Bratislava haben sich nach Angaben der Polizei mehr als tausend Islamgegner und rund 400 Gegendemonstranten versammelt. Der slowakische Innenminister Robert Kalinak sagte, sein Land lehne ein EU-weites Quotensystem ab. Zudem hob er erneut hervor, dass die katholisch geprägte Slowakei zur gezielten Aufnahme Hunderter syrischer Christen bereit sei: "Wir wissen, dass sie sich integrieren und für uns tatsächlich ein Gewinn sein werden", sagte der Sozialdemokrat der Agentur TASR. Die Slowakei hatte sich lange gegen die Aufnahme von Muslimen gesperrt, schließlich aber eingelenkt.

Großbritannien: Eindringlicher Appell an Cameron

Demonstranten in London: "Refugees welcome"
DPA

Demonstranten in London: "Refugees welcome"

Zehntausende Menschen haben in London den britischen Premier David Cameron zur Aufnahme von mehr Flüchtlingen gedrängt. "Öffnet die Grenzen" und "Das Leben der Flüchtlinge zählt" stand auf ihren Plakaten. Der Protestzug, zu dem mehrere Nichtregierungsorganisationen aufgerufen hatten, lief in Richtung Downing Street, wo der Amtssitz Camerons ist - der hatte in den vergangenen Monaten unter anderem angekündigt, Asylbewerber einzusperren, ihnen die Unterstützung zu kürzen oder sie im Zweifel auf die Straße zu setzen. Zu den prominentesten Teilnehmern zählte der frisch gewählte Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn. Er rief zu einer "friedlichen Lösung" der Flüchtlingskrise auf. Cameron hatte nach heftigem Druck der britischen Öffentlichkeit angekündigt, in den kommenden fünf Jahren syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Allerdings will er lediglich 20.000 Syrer aufnehmen - und auch nur solche, die sich noch in Flüchtlingslagern in den arabischen Nachbarländern befinden.

Polen: Böller und schriller Nationalismus

Zuwanderungsgegner in Danzig (Gdansk): Polnische Fahnen, dumpfe Parolen
DPA

Zuwanderungsgegner in Danzig (Gdansk): Polnische Fahnen, dumpfe Parolen

In Polen gab es fremdenfeindliche Kundgebungen in Danzig (Gdansk) und vor allem in Warschau: Dort versammelten sich auf dem Paradeplatz im Stadtzentrum laut dem Sender TVN24 mehr als 5000 Demonstranten. Sie schwenkten polnische Fahnen und feuerten Knallkörper ab. Viele Demonstranten skandierten islamfeindliche Parolen, wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Stadtverwaltung hatte zuvor vergeblich versucht, die Demonstration verbieten zu lassen. Auf einer Gegendemonstration hießen etwa tausend Menschen Flüchtlinge in Polen willkommen. In Polen sind bislang kaum Flüchtlinge angekommen - die Regierung wehrt sich energisch gegen verbindliche EU-Quoten, die sie zur Aufnahme von Asylbewerbern zwingen würden.

Dänemark: Protest gegen die Regierung

Friedliche Kundgebung in Kopenhagen: "Europa ist Syriens nächster Nachbar"
Corbis

Friedliche Kundgebung in Kopenhagen: "Europa ist Syriens nächster Nachbar"

In Kopenhagen haben der Polizei zufolge etwa 30.000 Menschen die Aufnahme von mehr Einwanderern gefordert. Dänemark hatte in der vergangenen Woche den Zugverkehr von Deutschland vorübergehend gestoppt und den Verkehr nun wieder aufgenommen. Allerdings wurden nur die Flüchtlinge nur hereingelassen, um sie direkt nach Schweden weiterfahren zu lassen. Die Demonstranten in Kopenhagen forderten hingegen, die Flüchtlinge im Land willkommen zu heißen. "Europa ist Syriens nächster Nachbar", stand etwa auf ihren Schildern. Im Grenzort Padborg, durch den viele Flüchtlinge gekommen waren, protestierten etwa 400 Menschen für eine großzügigere Asylpolitik ihrer Regierung. Etwa 150 Gegendemonstranten verlangten, die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen.

Tschechien: Islamhasser gegen Hasshasser

"Block gegen den Islam" in Prag: Die Polizei als Abstandhalter
AFP

"Block gegen den Islam" in Prag: Die Polizei als Abstandhalter

In der tschechischen Hauptstadt Prag standen sich Hunderte Vertreter des "Blocks gegen den Islam" und einer "Initiative gegen Hass" nur durch eine Straße getrennt gegenüber. Die Polizei hielt beide Lager auf Abstand. Tschechien stand zuletzt in der Kritik, weil das Land einem Medienbericht zufolge Flüchtlinge einfach nach Deutschland hatte weiterschicken wollen.

mxw/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 473 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 12.09.2015
1. und schon gleich
in der einleitung, maschieren auch Rassisten und Populisten auf..... mit solchen artikeln kann dann ja auch mal eine vernuenftige diskusion gestartet werden...ohh sorry darum geht ja garnicht.....der punkt ist das es welche gibt die nicht konform sind, die muss man gleich mal alle unter einen Hut stecken. Es gibt viele die nichts gegen fluechtlinge haben, in Ihrem eigenen land aber Menschen leben die keine wohnun haben da von Banken obdachlos gemacht wurden ohne ihr verschulden, kein Geld fuer die eigene bevoelkerung da ist, leute von suppen kueche leben und sich zum arzt gehen koennen nicht leisten (kostet in den meisten laendern geld), dann aber fuer fluechtlinge auf einmal geld vorhanden ist. Das hat nichts mit rechtsradikal oder populist zu tun, sondern sind berechtigte fragen auf die die leute gerne eine antwort haetten, mit einleitungen wie diesen wird aber gleich jeder der nur kritisch nachfragt abgestempelt. So kann es nicht sein....
jstm 12.09.2015
2.
Flüchtlinge "willkommen zu heißen" ist zwar gut gemeint, aber wie immer das Gegenteil von gut, und sogar verantwortungslos. Es wird allen Menschen dieser Erde, die von Krieg und Armut betroffen sind, suggeriert, hier in Europa Aufnahme zu finden. Leider ist dies unmöglich, ein Blick auf einen Globus genügt. Wenn es dennoch versucht wird, endet dies in einer Katastrophe. Materielle Randbedingungen können nicht durch Ideologien beseitigt werden.
pauleschnueter 12.09.2015
3. Urban hat gesagt:
"Es gibt kein Recht auf ein besseres Leben" Das ist wirklich so. Und ich muss sagen ich finde die jetzige Situation, auch mit der Berichterstattung, sehr ausgewogen. Rede, Gegenrede, Gegengegenrede, .... der Argumente und auch der Befindlichkeiten. So soll es sein und ich hoffe, dass wir das auch so behalten werden und daraus in der EU ein lebendiger Diskurs zu dem Thema ein langes leben haben wird. Stellt nicht jeden Kritiker als Rechtspopulisten und nicht jeden Befürworter als verträumten Hippie hin.
zackenblitz 12.09.2015
4. Immer weiter so tun, als würde das gutgehen und weiter den Honigtopf
in den Auslagen stehen lassen und in den Medien die "Welcome Refugees" Melodie spielen! Ganz Afrika und der Nahe Osten sitzt auf gepackten Koffern und demnächst haben wir mehr "Syrer" in D als in diesem Land in den letzten 2000 Jahren gelebt haben. Die Grenzen sind offen, Registrierung? Fehlanzeige! Wenn der erste im Winter Frostbeulen kriegt, dann werden die Gutmenschen sehen, was hier los ist. Übrigens: Zwangseinquartierung geht offiziell auch schon los. Diese Politik führt direkt in den Bürgerkrieg/Krieg/Totalitarismus!
gldek 12.09.2015
5. Orban hat es auf den Punkt gebracht
Wenn man die Probleme nicht löst, schaukelt sich der Unmut auf beiden Seiten hoch. Altruismus auf Kosten anderer auf der einen und persönliche Anfeindung von Volksgruppen auf der anderen Seite. Die zurückhaltende Mitte, das arbeitende Volk welches all das zu verteilende Bruttosozialprodukt erwirtschaftet, wird nicht gehört.
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