Demoskopen-Debakel Warum die Meinungsforscher Hillary unterschätzten

Bei den Republikanern lagen sie richtig, bei den Demokraten voll daneben: Bis zu 13 Prozentpunkte hatten die Meinungsforscher Barack Obama in New Hampshire vor Hillary Clinton gesehen. Doch die Wähler hielten sich nicht an die Vorhersagen – und ließen die ehemalige First-Lady gewinnen.

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Hamburg - Etwa 34 Prozent für John McCain an der Spitze, dahinter mit gebührlichem Abstand Mitt Romney, abgeschlagen Mike Huckabee und Rudy Giuliani – wenn auch nicht die genauen Werte, der Trend aber stimmte immerhin, den die Meinungsforscher den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern kurz vor der Vorwahl in New Hampshire voraussagten.

Ganz anders bei den Demokraten.

Lange wähnten die Demoskopen bei den Demokraten Hillary Clinton vorn, doch dann registrierten sie massive Wählerwanderungen. Barack Obama würde den Schwung seines Sieges in Iowa nutzen können und auch im Mini-Staat an der US-Ostküste triumphieren, weissagten die professionellen Vorhersager. Einen Vorsprung im zweistelligen Bereich prophezeiten die Experten, mal waren es 10, mal 13 Prozentpunkte, die der Senator aus Illinois vor seiner Amtskollegin aus New York lag.

Völlig unerwartet: Hillary Clinton überrundet Barack Obama in New Hampshire
REUTERS

Völlig unerwartet: Hillary Clinton überrundet Barack Obama in New Hampshire

Dann kam der Tag der Wahl, und als die ersten Ergebnisse aus den Wahlbezirken bekannt wurden, war schnell klar: Die Umfragen lagen voll daneben - selbst bei großzügiger Auslegung der Fünf-Prozent-Fehlerquote. Clinton gewann, knapp, aber letztlich eindeutig: 39 Prozent stimmten für die ehemalige First Lady, 36 für den Konkurrenten.

Die Gründe für das Demoskopie-Debakel gilt es noch zu analysieren. Noch gibt es nur Mutmaßungen.

Die mit den Umfragen beauftragte University of New Hampshire und das Gallup-Institut hatten die große Zahl der unentschlossenen Wähler durchaus auf der Rechnung, die sich erst im allerletzten Moment für einen der beiden demokratischen Favoriten entscheiden wollten. Fast 40 Prozent erklärten laut "Washington Post", sie hätten ihre Entscheidung erst in den letzten drei Tagen vor der Wahl getroffen und 17 Prozent sogar erst am Tag der Stimmabgabe. Für Demoskopen ist so viel Unentschlossenheit der größte Horror – aber in diesem Fall nicht verwunderlich. Schließlich standen hier nicht zwei Lager zur Wahl, sondern zwei Vertreter desselben Lagers. Das macht die Lage deutlich unübersichtlicher – die Profis sagen: volatiler. Schon Kleinigkeiten können alle Erwartungen über den Haufen werfen. "Da spielen mediale Erlebnisse eine sehr große Rolle", erklärt Richard Hilmer vom deutschen Wahlforschungsinstitut Infratest Dimap. "Da können Elemente wie ein Tränenausbruch ein starkes Gewicht bekommen."

Clinton und die Frauen

Damit hätte der in rasanter Eile vollzogene Imagewandel von Hillary Clinton Erfolg gehabt. Sie hatte in den Tagen nach der Niederlage gegen Obama in Iowa ihre emotionale Seite in den Vordergrund gekehrt. Von der harten Wahlkämpferin zur Mutter, die Gefühle zeigt. Das Ganze gipfelte in einem Beinahe-Tränenausbruch am Montag in einem Café in Portsmouth. Auf die Frage, wie sie den täglichen Stress des Wahlkampfes bewältige, rang sie mit der Stimme. "Ich habe so viele Ideen für dieses Land, und ich will nicht, dass wir zurückfallen. Das ist sehr persönlich für mich, es ist nicht nur politisch." Ob dieser Gefühlsausbruch spontan oder geplant kam, sei dahingestellt.

Was die Umfragen völlig falsch gesehen hatten, ist Clintons Rolle bei den weiblichen Wählern. In den Vorhersagen hatte es noch geheißen, die Ex-First-Lady und Obama würden bei dieser Gruppe etwa gleichauf liegen – tatsächlich konnte sie hier aber zwölf Prozentpunkte zulegen.

Die "Washington Post" ist sich sicher, dass Demoskopen nach dieser Vorwahl in New Hampshire auch erneut über die besonderen Schwierigkeiten von Umfragen bei Wahlen mit schwarzen Kandidaten debattieren werden. Bei früheren Wahlen sei in Umfragen oftmals die besondere Unterstützung für weiße Kandidaten unterschätzt worden. Aber seit einer Studie aus dem Jahr 2006 war hier eigentlich kein besonderer Effekt mehr erwartet worden. Andere Faktoren sind als Ursache für die falschen Umfrageergebnisse wahrscheinlicher. Möglicherweise, so spekuliert die "Washington Post" weiter, sei einfach der Einfluss der Begeisterung für Obama nach dessen Sieg in Iowa überschätzt worden.

Ein weiterer möglicher Hintergrund für die fehlerhafte Voraussage könnte in den Wahlzetteln selbst liegen: Früher wurden die Namen in New Hampshire bunt durcheinander gewürfelt aufgelistet, in jedem Bezirk anders. Dieses Mal waren die Namen erstmals alphabetisch aufgeführt, in allen Bezirken gleich. Somit tauchte Clintons Name weit höher auf als Obamas. Dem Blatt zufolge hält es der Umfrage-Spazialist Jon A. Krosnick von der Stanford-Uni für möglich, dass Clinton allein schon dieser Umstand drei Prozentpunkte Vorsprung vor Obama gebracht hat.



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