Den Haag: Rugova greift Milosevic an

Albanerführer Ibrahim Rugova hat heute vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gegen den angeklagten früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic ausgesagt. Dabei hat er Milosevic die Unterdrückung und Verfolgung der Kosovo-Albaner in den neunziger Jahren vorgeworfen.

Ibrahim Rugova: "Belgrad wollte das Kosovo durch Gewalt und Krieg zerstören"
REUTERS

Ibrahim Rugova: "Belgrad wollte das Kosovo durch Gewalt und Krieg zerstören"

Den Haag - Der Präsident der von den Uno verwalteten südjugoslawischen Provinz Kosovo, Ibrahim Rugova, klagte Milosevic an: "Belgrad wollte das Kosovo durch Gewalt und Krieg zerstören". Er erwähnte zahlreiche Aktionen der Behörden in den neunziger Jahren, die gezielt gegen die albanische Bevölkerungsmehrheit gerichtet waren und deren Menschenrechte missachtet hätten.

Ausführlich schilderte er auch Begegnungen mit Milosevic und mit dem serbischen Präsidenten Milan Milutinovic in Belgrad, noch während der Nato-Bombenangriffe im Frühjahr 1999. Die Politiker hätten dabei versucht, ihn bei seinen Anhängern in Misskredit zu bringen, sagte Rugova. Sie hätten ihn gezwungen, Erklärungen über weitere politische Verhandlungen zum Kosovo zu unterschreiben, an deren Entstehung er nicht mitgewirkt habe und die dann veröffentlicht wurden.

Vehement widersprach der Präsident Milosevics geäußerten Unterstellung, dass Rugova und seine Anhänger im Kosovokonflikt von der internationalen Gemeinschaft missbraucht worden seien. "Das stimmt nicht", sagte der Zeuge. Mit den Luftangriffen habe vielmehr die Nato die Menschen im Kosovo gegen Massaker verteidigt, die Belgrad und Milosevic zu verantworten hätten, sagte er. Milosevic steht seit dem 12. Februar in Den Haag wegen Tötung, Verfolgung und Vertreibung von Kosovo-Albanern im Jahr 1999 vor Gericht.

Im zeitweise hitzig geführten Kreuzverhör des Zeugen durch Milosevic, der sich in dem Prozess selbst verteidigt, prallten die Meinungen auch in der Beurteilung der Kosovo-Befreiungsarmee UCK aufeinander. Milosevic sprach von Terroristen und Drogenhändlern, die der Westen plötzlich zu Freiheitskämpfern erklärt habe, unter anderem durch Entsendung von zahlreichen Söldnern aus Deutschland und den USA. Rugova sprach dagegen von anfänglich nur lose verbundenen Widerstandsgruppen, die teilweise mit alten Waffen ihre Landsleute gegen die Gewalt von Polizisten und Soldaten verteidigten.

Bei den gescheiterten Friedensverhandlungen von Rambouillet im Februar 1999, an denen Rugova zusammen mit anderen die Kosovo-Albaner vertrat, hat die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright nach seinen Worten undiplomatisch klar auf die Folgen des Scheiterns der Bemühungen in letzter Stunde hingewiesen. Falls die Kosovo-Albaner die vorgeschlagenen Regelungen ablehnten, habe Albright mit internationaler Isolierung gedroht. Falls Belgrad ablehne, kämen Bombenangriffe. Rugovas Delegation unterschrieb. Die Bombenangriffe begannen Ende März.

Der ebenfalls angeklagte Kosovo-Beauftragte Milosevics, Nikola Sainovic, hat sich heute vor dem Uno-Tribunal für nicht schuldig an den ihm vorgeworfenen Verbrechen erklärt. Bei der ersten richterlichen Vorführung nach seiner gestrigen Ankunft schloss er sich damit der Erklärung an, die der vor einer Woche aus Belgrad gekommene einstige jugoslawische Generalstabschef Dragoljub Ojdanic abgegeben hatte.

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