Der Drohbrief "Deutsche Waren werden verbrannt und vergiftet"

Schon Anfang des Jahres erhielt die deutsche Botschaft in Tunis einen Drohbrief. Darin wurde Deutschland zum Austritt aus dem "Club des Kolonalismus" aufgefordert und die Vergiftung deutscher Produkte angedroht. Botschaft und BKA schlossen jedoch eine unmittelbare Gefährdung aus.


In der deutschen Botschaft in Tunis ging am 2. Januar dieses Jahres ein anonymes Schreiben ein. Der Brief war am 24. Dezember 2001 in Medenine (Tunesien) abgestempelt worden. In der Botschaft wurde er aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt.

Der Wortlaut:

"Von Al-Qaeda Abteilung Tunesien
Wir haben beschlossen, alle deutschen Produkte in der islamischen Welt zu verbrennen/anzuzünden, wenn sich Deutschland nicht aus dem Club des Kolonialismus, dem es sich angeschlossen hat, ausklinkt. Wir wollen die Annullierung aller Vereinbarungen mit dem zionistischen Gebilde sowie die Annullierung des Handels mit dem zionistischen Gebilde; die Annullierung des Abkommens, auf dessen Grundlage Amerika seine Militärbasen (in Deutschland?) nutzen kann. Diese Basen müssen außer Funktion gesetzt werden. Wenn all dies nicht geschieht, werden deutsche Waren verbrannt und vergiftet. Wir werden weiterhin dafür sorgen, dass die Stromleitungen zwischen den Städten sowie die Eisenbahnverbindungen unterbrochen werden."

Auszüge aus der Einschätzung der Botschaft:

Die Botschaft in Tunis schickte das eingegangene Material mit dem dringenden Vermerk ("Sofort auf den Tisch") nach Deutschland. Außerdem übermittelte die Botschaft eine erste Einschätzung des Briefes.

"Arabisches Schriftbild (roter Kugelschreiber) lässt auf den ersten Blick auf einen nicht unversierten Verfasser schließen."

"Der Inhalt enthält sich jeder Polemik. Die Drohungen sind klar und kurz. Sie beinhalten wesentliche Merkmale der Al-Qaeda-Forderungen. Evtl. hat der Verfasser mit Versatzstücken gearbeitet."

"Dies lässt nicht unmittelbar den Schluss zu, dass es sich bei dem anonymen Verfasser um einen Trittbrettfahrer handelt."

"Aus hiesiger Sicht scheint die Sender-Angabe 'Al-Qaeda /Abteilung Tunesien' zumindest bemerkenswert, da die tun. Regierung (die die Bekämpfung der Islamisten im Lande seit Jahren mit hohem personellen und materiellen Aufwand betreibt) erst kürzlich öffentlich erklärte, dass in TUN keine Al-Qaeda-Organisation geduldet werde."

"Eine unmittelbare Gefährdung für Botschaft und Angehörige wird derzeit nicht gesehen."

Auszüge aus der BKA-Analyse:

Das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), Außenstelle Meckenheim, bekam den Drohbrief am 3. Januar 2002 auf den Tisch und bewertete ihn ebenfalls.

"Obwohl die durch den/die Texturheber verwendete Argumentationskette in islamistischen Kreisen durchaus als gebräuchlich eingeschätzt werden kann, bestehen an der Ernsthaftigkeit der Drohung nach hiesiger Ansicht erhebliche Zweifel. Über die Existenz einer Zelle der Al-Qaeda in Tunesien liegen dem BKA keine Erkenntnisse vor."

"Aussagen der Gruppierung, auch unterschwellige Anschlagsdrohungen, sind nach hier vorliegenden Erkenntnissen immer von den Führungspersonen im Rahmen von Interviews/Videos getätigt worden."

"Nach hiesiger Ansicht versuchen der/die Texturheber durch die Diktion des Schreibens, insbesondere die verwendete Einleitung 'Von Al-Qaeda/Abteilung Tunesien' und der benutzte Plural 'Wir', lediglich den Eindruck zu erwecken, dem Netzwerk der Al-Qaeda als eigenständige, aus einer Personenmehrheit bestehenden Zelle anzugehören. Die Intention dürfte darin liegen, dem Schreiben die nötige Ernsthaftigkeit zu geben, um nicht als Trittbrettfahrer 'abgestempelt' zu werden."

"Gegen eine Authentizität spricht zudem die fehlerhafte Adressierung des Briefs."

"Dem Brief fehlen darüber hinaus konkrete Angaben über Anschlagsziel und -zeitpunkt. In diesem Zusammenhang lassen auch die angedrohten Aktionen Zweifel an der Ernsthaftigkeit aufkommen. Im Nachgang zu den Anschlägen in den USA dürfte das Verbrennen/Vergiften allein von deutschen Waren nicht der Qualität und Zielrichtung der von der Al-Qaeda möglicherweise geplanten weiteren Anschlägen entsprechen."

"Obwohl eine Urheberschaft aus den Kreisen der Al-Qaeda nicht konkret ausgeschlossen werden kann, dürfte es sich bei dem/den Texturhebern deshalb um Trittbrettfahrer handeln, die dem tunesischen militanten Spektrum entstammen."

"Konkrete Bezüge in die Bundesrepublik Deutschland, insbesondere Gefährdungsaspekte, sind dem Drohbrief nicht zu entnehmen."

Quelle: Stern



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