Der Irak hat gewählt Die Grenzen des Terrors

Trotz der mörderischen Begleitumstände ist die Wahl im Irak ein Erfolg - für die Amerikaner, vor allem aber für das irakische Volk. Die Menschen haben mutig gegen den grassierenden Fatalismus votiert. Die neue Regierung wird internationale Hilfe brauchen - auch von denen, die bisher auf Distanz gesetzt haben.

Von Claus Christian Malzahn


Stolze Wählerin: Eine Irakerin zeigt nach der Stimmabgabe mit blau markiertem Finger das Siegeszeichen
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Stolze Wählerin: Eine Irakerin zeigt nach der Stimmabgabe mit blau markiertem Finger das Siegeszeichen

Berlin - Eine Wahl, in der es die meisten Kandidaten nicht wagten, ihre Namen zu veröffentlichen und bei der Dutzende Wähler bei der Stimmabgabe von Selbstmordattentätern mit in den Tod gerissen wurden, hat es in der Geschichte der Demokratie noch nie gegeben.

Dreizehnmal haben die Selbstmordattentäter nach eigenen Angaben zugeschlagen. Vor allem in sunnitisch dominierten Städten blieben viele Menschen den Urnen fern, die einen aus Angst, die anderen aus Überzeugung. Das Zentrum der Attacken lag in der irakischen Hauptstadt, wo dennoch in manchen Quartieren eine Wählerbeteiligung von über 95 Prozent gemessen wurde.

Die Wahl im Irak wird deshalb als politisches Paradox in die Geschichte eingehen. Wieder sind viele Menschen dem Terror zum Opfer gefallen - aber gleichzeitig ist der 30. Januar 2005 der Tag, an dem die meisten Menschen im Irak dem religiös befeuerten Fatalismus und der eifernden Gewalt den Kampf angesagt haben. Die schwarze Prosa, mit der die Dschihadisten potentielle Wähler von den Wahllokalen verscheuchen wollten, zeigte nur vereinzelt Wirkung. Sarkawi, dem Paten des Terrors, sind heute vom irakischen Volk die Grenzen aufgezeigt worden.

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Fotostrecke: Der Irak wählt - trotz Terror

Den Terroristen ist es nicht gelungen, ihre Strategie der Angst erfolgreich in den bevölkerungsreichen schiitischen Süden und den kurdischen Norden zu tragen. Selbst in Bagdad, der Hauptstadt des Todes, ging das Kalkül nicht auf. Falls die Wahlbeteiligung von 60 Prozent eine belastbare Angabe sein sollte, wäre das keine Sensation aber auf jeden Fall ein gutes Ergebnis. Immerhin besser als bei manchen Landtagswahlen im friedlichen Deutschland. Nie hat eine Regierung im Irak so viel Legitimation besessen wie die, die in den kommenden Wochen in der streng gesicherten Green Zone von Bagdad eingeschworen werden wird.

Grafik: Wahlen im Irak
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Grafik: Wahlen im Irak

Das Land, das sie regieren soll, ist voller schwarzer Löcher. Vor allem im Zentralirak gab es wegen der Bürgerkriegssituation keine echte Wahlfreiheit - und das war ausnahmsweise nicht die Schuld der US-Besatzer. Über die Frage, wie sich die sunnitische Minderheit nun im neuen Irak aufzustellen gedenkt, wird in den kommenden Wochen viel spekuliert werden. Verlässliche Informationen aus dieser neuralgischen Region sind aber schwer erhältlich. Journalisten aus demokratischen Staaten sind im Zentralirak schachmatt gesetzt, robuste Recherchen schon in Bagdad wegen der Gefahrenlage kaum noch, in den sunnitischen Städten aber komplett unmöglich geworden. Der Terror fordert eben nicht nur Tote, seine Rauchschwaden vernebeln auch die Fakten.

Anfang vom Ende des Kampfs der Kulturen?

Fest steht immerhin: Der Irak ist seit dem 30. Januar neben Israel und der Palästinensische Autonomiebehörde im Mittleren und Nahen Osten das einzige Land, in dem ein demokratisches Staatswesen existiert oder aufgebaut wird. Noch vor einer Woche wirkte die Lage aussichtslos. Samuel Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen" schien in Bagdad zunächst auch am Wahlsonntag wieder blutig belegt worden sein. Jeder Rauchpilz, der nach einer Explosion im Panorama der Stadt über einem Wahllokal aufstieg, wirkte da wie ein Ausrufezeichen hinter der vor zwölf Jahren vorgestellten, umstrittenen Idee vom "Clash" zwischen westlichen Ideen und östlicher Wirklichkeit.

Eines von mindestens acht Selbstmordattentaten: In diesem Auto explodierte am Morgen eine Bombe
DPA

Eines von mindestens acht Selbstmordattentaten: In diesem Auto explodierte am Morgen eine Bombe

Die Al-Qaida-Kommandos um den Jordanier Sarkawi und die mit ihm verbündeten Widerstandsgruppen des alten Saddam-Regimes hatten zwar erkannt, dass die Bekämpfung demokratischer Ideen und die Verhinderung ihrer Umsetzung noch wichtiger sein werden als alle Attacken auf US-Konvois. Der terroristische Krieg hatte sich in den vergangenen Monaten und Wochen deshalb verlagert. Es galt, freie und faire Wahlen im Irak um jeden Preis zu verhindern und die Vertreter dieser Entwicklung anzugreifen.

Ausführlich begründeten die Terroristen, warum sie Demokratie für eine gotteslästerliche Erfindung heidnischer Griechen halten. Für ihre offene Ablehnung der Selbstbestimmung des Individuums sollte man ihnen dankbar sein. Die Karten liegen jetzt auf dem Tisch. Vielleicht gibt nun auch der ein oder andere Bush-Hasser seine kühle Äquidistanz zu den Protagonisten des Terrors und den Akteuren der Transformation des Irak auf. Der Ausgang des Krieges, den die Terroristen im Irak zu gewinnen drohten, ist jedenfalls seit heute wieder offen.

Freilich bleibt der Irak auch morgen noch ein Land, in dem für viele Bewohner der Alptraum erst beginnt, wenn sie in aller Frühe aufstehen. Arbeitslosigkeit ist für die meisten jungen Männer die Regel, die Reichtümer des Landes liegen brach. Selbst der Handel mit den Nachbarstaaten steht kurz vor dem Zusammenbruch, denn die eigentlich komfortabel ausgebaute Autostrecke von Bagdad nach Amman wird inzwischen fast vollständig von Terroristen und Banditen beherrscht. Für die Dauer der Wahl wurde der stets von Raketenangriffen bedrohte Flugverkehr in Bagdad eingestellt, das Mobiltelefonnetz abgeschaltet, der Autoverkehr untersagt. Die Prävention des Terrors trägt am Tag der Wahl totale Züge - ebenso hässlich wie unvermeidlich.

Die nächsten Steckbriefe werden gerade geschrieben

Pannen und Ungereimtheiten, die in den kommenden Tagen vermutlich enthüllt werden, sollten nicht den Hochmut der Europäer, sondern das Angebot zur Hilfe herausfordern. Denn während man normalerweise nach Schließung der Wahllokale Koalitionen berechnen, wird man im Irak auch noch in den nächsten Tagen nicht nur Stimmen und Sitze, sondern vor allem unschuldige Tote zählen. Wer sich im Moment vom irakischen Volk in öffentliche Ämter delegieren lässt oder Aufgaben bei der Sicherung eines geregelten Alltagslebens übernimmt, der schwebt in Lebensgefahr. Jeder, der im Irak dazu bereit ist, ein solches Risiko für sein Land zu tragen, verdient Hochachtung. Jeder Abgeordnete ist ein lebendes Angriffsziel. Der Body-Count wird weiter gehen. In Bagdad, Tikrit und Ramadi werden die nächsten Steckbriefe mit Kopfgeldern vermutlich gerade geschrieben.

Flash: Iraks Kandidaten
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Flash: Iraks Kandidaten

Die 20 bis 30.000 bewaffneten Kämpfer, die den Kampf gegen die US-Besatzer und die neue Regierung auf ihre Fahnen geschrieben haben, werden nicht verschwinden. Auch hier ist nun eine neue Politik gefragt. Die Amerikaner haben sich im März und April 2003 innerhalb kürzester Zeit auch in ihrem Selbstbild von einer Befreiungsarmee in eine Besatzungsmacht verwandelt und sich im Irak mit ihrem martialischen Auftreten auch viele Menschen zum Feind gemacht, die keine Anhänger Saddams waren. Inzwischen ist wohl auch im Weißen Haus angekommen, dass in der Vergangenheit irreversible Fehler gemacht wurden. Sich zu wundern, warum man nicht als Befreier bejubelt werde und sich dann eingeschnappt in die Kasernen zurückzuziehen, um ab und zu wie die Kavallerie im Wilden Westen ein paar Ausfälle ins Feindesland zu machen, ist keine gute Strategie für die Transformation einer Diktatur in eine Demokratie. Die amerikanische Armee ist im Irak hoffnungslos überfordert, und 19-jährige Soldaten verwandeln sich bei ständiger Todesgefahr eben manchmal in traumatisierte Nervenbündel oder in Monster als in Botschafter von Demokratie und Menschenrechten.

Warme Worte reichen nicht

Umso wichtiger wird es nun sein, die sunnitische Minderheit und die um ihren totalen Bedeutungsverlust kämpfenden Saddam-Nostalgiker politisch in den neuen Irak einzubinden. Die Ankündigung der schiitischen Mehrheit, den Sunniten deutlich mehr Abgeordnetenplätze einzuräumen, als ihnen nach Abrechnung der Stimmen im Parlament zusteht, ist ein Zeichen jener Vernunft, die das Land jetzt braucht. Millionen Wähler haben sich heute durch ihr mutiges Erscheinen in den Wahllokalen gegen die morbide Todessehnsucht des Terrors gestellt. Das ist das wichtigste Ergebnis dieser Wahl, genau da verläuft die Grenze zwischen Sarkawis vermummten Gotteskriegern und den meisten Irakern. Auch ein sunnitischer Kaufmann, der die Amerikaner hasst, will leben. Er hofft auf eine Zukunft für seine Kinder.

Condoleezza Rice: "Besser als erwartet"
DPA

Condoleezza Rice: "Besser als erwartet"

In den kommenden Tagen wird sich aus aller Welt ein warmer Wortschwall über Bagdad ergießen, auch Berlin wird in diese Diplomatenrhetorik investieren. Gute Wünsche kosten nichts und schmücken den Absender. Doch ein demokratischer Irak braucht viel mehr. Die grausame Tragödie Afghanistans nach dem Einmarsch der Sowjets hat mehr als 20 Jahre gedauert. Ab heute geht es darum, dem Irak ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Jede Regierung, die nun weiter aus großer räumlicher, politischer und moralischer Distanz auf Bagdads Rauchpilze starrt, "Oh Weh!" ruft, um anschließend das Versagen der Amerikaner zu beklagen, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Der Preis, den auch das alte Europa für seine scheinbar smarte Politik der Nichteinmischung eines Tages zahlen muss, würde mit einem Anschwellen des Terrors im Irak nicht niedriger werden.

Europas ziviles Know-how ist im Irak dringend gefragt. Millionen Iraker haben heute gezeigt, wo der Ausweg aus der Krise liegt: Eine Irakerin in Bagdad hat heute vor einem Wahllokal gesagt, sie empfinde es als Pflicht, ihre Stimme abzugeben, weil dies ein Signal für Menschlichkeit und ein Zeichen gegen die Angst sei.

Das beste Mittel, eine Gesellschaft vom Terror zu befreien, ist so zu leben, als gebe es ihn gar nicht.

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