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Der neue Präsident: Super-Sarko am Ziel

Von Kim Rahir, Paris

Haudrauf-Politik, ultraliberal, pro-amerikanisch: Sarkozys Gegner haben mit vielen Argumenten seinen Aufstieg zu stoppen versucht. Vergeblich. Er hat es sogar geschafft, dass viele ihn als Vorkämpfer für Aufbruch und Veränderung sehen - obwohl er seit fünf Jahren mitregierte.

Umbruch und Veränderung. Das waren die Schlagworte mit denen Nicolas Sarkozy seinen Wahlkampf geführt hat. Die Franzosen haben mit ihrer Wahlentscheidung gezeigt, dass er derjenige ist, dem sie einen Neuanfang zutrauen.

Dabei war der 52-Jährige fünf Jahre lang Mitglied der konservativen Regierung, auf wichtigen Posten wie dem Innen- und dem Finanzministerium. Dass er die Mehrheit der Wähler dennoch davon überzeugen konnte, dass er für Veränderung steht - das liegt daran, dass Nicolas Sarkozy tatsächlich ganz anders ist als die meisten französischen Politiker.

Da ist zunächst einmal seine Herkunft. Frankreichs neues Staatsoberhaupt ist ein Einwandererkind. Das heißt allerdings nicht, dass er in Armut und Misere in einer Vorstadt groß wurde. Sein Vater, Pal Sarközy de Nagybocsa, flüchtete 1944 aus Ungarn vor den heranrückenden Sowjettruppen. Die drei Söhne wuchsen in gutbürgerlichen Stadtvierteln der Hauptstadt Paris auf.

Der typische Parcours der französischen Führungseliten, die seit Generationen die besten Gymnasien und die traditionellen "Grandes écoles" wie die Verwaltungshochschule ENA besuchen, stand Sarkozy allerdings nicht selbstverständlich offen. Sein Weg führte über ein Jurastudium in den Anwaltsberuf und über die Mitgliedschaft in der gaullistischen Partei in die Politik. Das von ihm verkündete Credo, Arbeit müsse sich wieder lohnen und jeder Franzose müsse die Chance haben, sein Leben aus eigener Kraft erfolgreich zu gestalten, beruht auf seiner eigenen Erfahrung.

Der Mann spricht einfach, in verständlichen Sätzen

Diese Laufbahn bescherte Sarkozy eine weitere Eigenschaft, die ihn von seinen Kollegen unterscheidet: Der Mann spricht in einfachen, verständlichen Sätzen. Das Kauderwelsch der "Enarchen" genannten ENA-Absolventen kommt ihm nicht über die Lippen. Und auf Fragen antwortet er immer. Das mag auch daran liegen, dass der 1,65 Meter kleine Politiker sich keiner Ideologie verpflichtet fühlt. "Für mich gibt es keine Tabus", sagte er immer wieder und brach Debatten über die genetische Veranlagung zur Pädophilie vom Zaun oder schlug als Innenminister positive Diskriminierung für Franzosen aus Immigrantenfamilien vor.

Was ihn aber am meisten von seinen Kollegen und Mitmenschen unterscheidet, sind Willenskraft, Energie und unbändiger Ehrgeiz. Davon konnten seine Parteikollegen sich schon zu Beginn seiner politischen Karriere überzeugen. Als das Bürgermeisteramt von Neuilly 1983 frei wurde, setzte sich der 28-jährige Sarkozy mit beispielloser Chuzpe gegen seinen politischen Freund und Ziehvater Charles Pasqua durch.

Mit Energie überstand Sarkozy auch die Zeit, in der er bei Jacques Chirac in Ungnade gefallen war. Bei den Präsidentschaftswahlen 1995 war das konservative Lager gespalten: Sarkozy hatte zu Regierungschef Edouard Balladur gehalten, unter dem er sein erstes Ministeramt ausgeübt hatte. Doch Chirac gewann - und Sarkozy war damit politisch ein toter Mann. Er wurde zwar 1999 Europa-Abgeordneter, hatte aber als Anführer seiner Liste eine heftige Niederlage eingefahren und zog sich aus der Parteipolitik drei Jahre lang völlig zurück.

Politik einer von Prinzipien unbehinderten Pragmatik

Doch im Jahr 2002 ernannte Chirac ihn zu Beginn seiner zweiten Amtszeit zum Innenminister. Sarkozy galt als der Mann, der mit seinen Law-and-Order-Positionen die Wähler vom rechten Rand wieder in ihre gaullistische Heimat zurückholen könnte.

Genau dieses Ziel schrieb sich der neue Innenminister damals auf die Fahnen, mit einer nach außen hin harten Politik, die den Polizisten Leistung nach Zahlen abforderte. Oder mit markigen Sprüchen zur Nachbarschaftspolizei, die er umgehend abschaffte: "Was nützt ein Stadtteilpolizist, der morgens um sieben den Bäcker grüßt, aber nicht da ist, wenn nachts die Banditen herauskommen?"

Zugleich war es Innenminister Sarkozy, der den ersten Präfekten maghrebinischer Herkunft ernannte und sich für das Wahlrecht von Ausländern bei Kommunalwahlen aussprach. Vielleicht ist es diese besondere Art einer von Prinzipien unbehinderten Pragmatik, die Sarkozy zu einer so kontroversen Figur gemacht hat.

So werden seine Kritiker nicht müde zu wiederholen, wie "ultraliberal" er sei. Dabei hat er als Finanzminister mit Staatinterventionismus in Reinkultur agiert und verspricht als eine seiner ersten Maßnahmen im Amt die Erhöhung der niedrigsten Renten.

Er sei viel zu pro-amerikanisch, sagen seine Gegner, obwohl er unter anderem vertritt, die EU müsse ihre Handelsgrenzen dichtmachen. Misstrauen erweckte Sarkozy womöglich mit seiner für französische Politiker ebenfalls untypischen Offenheit. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, was sein eigentliches Ziel ist: das Amt des Staatspräsidenten.

Sogar seine Ehekrise wusste er für sich zu nutzen

Dass sein Vorgänger Chirac das trotz vieler Versuche nicht verhindern konnte, spricht für die Zähigkeit und Entschlossenheit Sarkozys. Als er im November 2004 die Parteiführung der UMP übernahm und dafür sogar vorübergehend aus der Regierung ausstieg, war das sein erster, entscheidender Etappensieg.

Seine klare Sprache und sein Pragmatismus sicherten ihm viel Zustimmung in der Partei. Schon im Sommer 2005 waren fast alle UMP-Abgeordneten auf seiner Seite. Chiracs Versuch, Dominique de Villepin als Premierminister und damit einen anderen Thronfolger zu installieren, schlug jämmerlich fehl. De Villepin hatte sich in seinem Leben nie einer Wahl gestellt und brachte durch seine arrogante Art die Parlamentarier in kürzester Zeit gegen sich auf.

Enttäuscht wurde auch die Hoffnung vieler Gegner, die Ehekrise mit seiner zweiten Frau Cécilia (die im Frühjahr 2005 mit einem anderen nach New York verschwand) würde Sarkozy bremsen. Der Minister verstand es sogar geschickt, die Affäre zu nutzen, um sich ein menschlicheres Antlitz zu geben. Hinter den Kulissen dagegen tobte er gegen die Medien, die Bilder zu der Affäre veröffentlichten. Ein paar Monate später kehrte seine Frau, mit der einen neunjährigen Sohn hat, zu ihm zurück.

Gleichzeitig arbeitete er weiter an seinem Image als zupackender Pragmatiker, der dem Volk aus der Seele spricht. So, als er kurz vor den Vorstadtunruhen im Herbst 2005 ankündigte, er werde das "Gesindel" aus den Vorstädten mit dem Dampfdruckreiniger entfernen.

"Ich bereue nichts" - auch nicht den "Kärcher"

Er erinnere sich noch an den Tag, als vom "Kärcher" gesprochen habe, sagte Sarkozy am Donnerstag vor der Wahl in Montpellier. "Ich bereue nichts", verkündete er. Der neue Staatschef ist davon überzeugt, dass er mit seiner Politik die Le-Pen-Wähler ins Lager der Demokraten zurückgeholt hat.

Doch der 52-Jährige, der keinen Alkohol trinkt und regelmäßig joggen geht, wusste bei seiner Ernennung zum UMP-Kandidaten im Januar, dass er allein mit dieser Klientel nicht das Rennen machen kann. Und so wird er seither nicht müde zu betonen, er habe sich geändert. Er sei nicht mehr der hyperaktive, nervöse und reizbare Mann, als der er bei seinen Gegnern verschrien war.

In der Fernsehdebatte mit seiner sozialistischen Kontrahentin Ségolène Royal lieferte er die perfekte Show eines fast defensiven, friedlichen Politikers. "Im Januar habe ich gesagt: Ich habe mich geändert. Ich bin mir nicht sicher, dass mir damals jeder geglaubt hat", sagte er in einem Interview einen Tag vor der Wahl. "Aber dieses 'Ich habe mich geändert' ist, glaube ich, heute glaubwürdiger geworden."

Vor ihm steht nun die Aufgabe, Frankreich zu ändern. Denn das hat er im Wahlkampf versprochen - und das sei es auch, was die Franzosen erwarten, schrieb die Zeitung "Le Parisien" am Wahltag. "Heute wird gewählt, damit Frankreich sich ändert."

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Forum - Sarkozy - der richtige Mann für Frankreich?
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1.
Antje Technau, 06.05.2007
Zitat von sysopNicolas Sarkozy hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich gewonnen. Ist das ein besorgniserregender Rechtsruck, wie seine Gegner argumentieren - oder ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs für das Land?
man wird sehen. Jedes Land bekommt die Politiker, die es verdient. Pardon, die es gewählt hat...
2.
autocritica, 06.05.2007
Zitat von sysopNicolas Sarkozy hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich gewonnen. Ist das ein besorgniserregender Rechtsruck, wie seine Gegner argumentieren - oder ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs für das Land?
Die Konkurrentin hat ebenso weit im rechten Spektrum gefischt. Ich glaube eher, es ist ein Ruck gegen die politische Beliebigkeit.
3.
derosa, 06.05.2007
Zitat von sysopNicolas Sarkozy hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich gewonnen. Ist das ein besorgniserregender Rechtsruck, wie seine Gegner argumentieren - oder ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs für das Land?
Der richtige Mann für Frankreich, Deutschland und Europa. Und Beck hält sich noch an Versprechungen, die Kohl gegenüber der Türkei gegeben hat.
4.
Vindelik, 06.05.2007
Wir sollten nicht, mit deutscher Besserwisserei und Überheblichkeit die Vorgänge in Frankreich bewerten. Ob unser Rechts-Links Denken in Frankreich genau dasselbe bedeutet, darf im übrigen auch bezweifelt werden. Im übrigen schon erstaunlich, der Sohn armer ungarischer Einwanderer, schafft in seiner neuen Heimat den Sprung in das höchste Staatsamt. Frankreich hat gewählt, alles Gute dem neuen Staatspräsidenten und dem französischen Volk!!
5.
nahal, 06.05.2007
Zitat von sysopNicolas Sarkozy hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich gewonnen. Ist das ein besorgniserregender Rechtsruck, wie seine Gegner argumentieren - oder ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs für das Land?
Die Nacht der langen Messer hat schon angefangen; D.Strauß-Kahn hat schon das Messer gezückt, Jack Lang versucht dagegen zu halten. Die Sozialisten kämpfen jetzt schon gegeneinander.
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