DER SPIEGEL Uran-Munition - Tödlicher Staub

Die Bundesregierung wusste weit mehr als sie bislang zugegeben hat über den gefährlichen Einsatz von Uran-Munition auf dem Balkan. In den USA warnten Studien schon vor über 20 Jahren vor der Gefährlichkeit der Geschosse.


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in feuchter Film auf Stirn und Schläfen sowie die deutlich geröteten Wangen von Rudolf Scharping verrieten die Erregung des Augenblicks. Wie ihn, den Verteidigungsminister, denn seine neue Liebe verändert habe, forschte am Dienstagabend voriger Woche Soft-Talker Alfred Biolek. Der Befragte richtete den Blick auf "Tina", die Neue an seiner Seite, Kristina Gräfin Pilati-Borggreve. Des Ministers Gesicht erstrahlte im Glanz des frischen Glücks.

Ein Wissenschaftler in Belgrad misst die Radioaktivität von Uran-Munition
AP

Ein Wissenschaftler in Belgrad misst die Radioaktivität von Uran-Munition

Peinlicher hätte der öffentliche Auftritt des Wehrchefs zu diesem Zeitpunkt kaum ausfallen können. "Rein privat" sei der Minister Bios Gast gewesen, versicherte umgehend ein Bundeswehrsprecher, wohl um den Eindruck zu verwischen, der deutsche Oberbefehlshaber habe sich an einem platten Ablenkungsmanöver versucht.

Denn nicht das Liebesleben des Ministers, seit Wochen in Talkshows, Interviews und Klatschspalten präsentiert, bewegt die Öffentlichkeit. Vielmehr beschäftigte Zivilisten und Militärs in ganz Europa die Angst vor der Strahlung jener Uran-Munition, die US-Kampfjets 1999 im Kosovo und wohl auch in Montenegro und Serbien verschossen. Aufregung griff um sich, und böse Beschuldigungen wurden laut: "Ein Verbrechen gegen Gott und die Menschheit" nennt etwa der Amerikaner Doug Rokke den Einsatz von Uran-bestückter Munition, an deren Entsorgung am Golf er selbst beteiligt war.

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Solche Aussagen und die Reaktion der Öffentlichkeit gelten Scharping gleichwohl schlicht als "Hysterie". So spricht derselbe Minister, der sich während des Kosovokriegs nicht scheute, den Wehrwillen der Deutschen mit Halb- und Unwahrheiten über angeblich Zehntausende ermordeter Albaner anzustacheln, über Masseninternierungen im Stadion von Pristina und einen ominösen Hufeisenplan, der offenbar nicht vom serbischen Generalstab, sondern weitgehend von der Bonner Hardthöhe stammte.

Seit in Italien 7 Soldaten nach ihrem Einsatz auf dem Balkan an Krebs starben und weitere 23 erkrankt sind, überschlugen sich die Ereignisse:

Weitere Nato-Partner meldeten Verdachtsfälle. Die Mehrzahl der europäischen Regierungen, die internationale Einheiten für die Friedenstruppe im Kosovo, Kfor, abgestellt haben, leiteten umfassende Untersuchungen ihrer Soldaten ein. Auch für die auf dem Balkan stationierten Polizisten hat etwa das Berliner Innenministerium inzwischen "erweiterte Nachsorgeuntersuchungen" angeordnet.

Sogar Großbritannien, das ­ anders als die Bundeswehr ­ selbst Projektile mit abgereichertem Uran (depleted uranium, DU) einsetzte, fordert nun eine gründliche Untersuchung.

In Brüssel beriet der Nato-Rat über den Einsatz von DU-Munition. Krisenstimmung machte sich breit, als immer mehr Nato-Staaten ihre Vorbehalte gegen die panzerbrechenden Geschosse zu Protokoll gaben. Doch verweigerte sich die Mehrheit dem Wunsch der Regierungen in Rom und Berlin nach einem Moratorium für diese Waffen.

Kanzler Gerhard Schröder selbst ­ "ich halte es nicht für richtig, eine solche Munition zu verwenden" ­ erhob die Forderung mit sicherem Instinkt für das populistisch Gebotene, um ein sich anbahnendes Debakel zu entschärfen. In einer Woche, in der er ohnehin zwei Minister auswechseln musste, wollte er verhindern, dass sein Wehrminister tiefer in Bedrängnis geriet.

Immerhin rang sich die Allianz nun doch zu einer Art Moratorium durch. Uran-Munition werde derzeit "nicht benötigt", erklärte ein Nato-Sprecher. Hartnäckig hatten sich die Amerikaner gegen ein Verwendungsverbot gesträubt: Das käme einem Schuldeingeständnis gleich, warnten sie.

Verteidigungsminister Rudolf Scharping
DPA

Verteidigungsminister Rudolf Scharping

Und das will Washington auf jeden Fall vermeiden. Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe drohen, seit Uran-Munition als mögliche Ursache für zahllose chronische Erkrankungen gilt, unter denen bereits über 100.000 Golfkriegsveteranen leiden. Kurz vor der Nato-Entscheidung hatte US-Außenministerin Madeleine Albright noch einmal beteuert, für radioaktive Gefährdung durch Projektile, wie sie millionenfach in amerikanischen Arsenalen liegen, gebe es "absolut keinen Beweis".

Mit ähnlichen Beschwichtigungen hatten die Amerikaner allerdings auch jahrelang die Ansprüche von Vietnamkriegsveteranen abgewiesen, die mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange vergiftet worden waren, bis schließlich Gerichte Entschädigungsforderungen der Kläger bewilligten.

Auch auf Grund solcher Erfahrungen mag derzeit kaum noch ein Bündnispartner den Amerikanern trauen. Die Alliierten fühlen sich desinformiert, vielfach sogar getäuscht von ihrer Vormacht, die ­ wider besseres Wissen ­ mehr als zehn Jahre lang die angebliche Harmlosigkeit von DU vehement vertreten hat.

Gleichwohl ließen sich die Juniorpartner offenbar nur allzu gern beschwichtigen. Amerikanische Propaganda nachzubeten war politisch weit bequemer, als selbst in wissenschaftliche Untersuchungen mit ungewissem Ausgang einzusteigen. Gelegenheit dazu gab es genügend.

Vom 23. Januar 1989 bis Anfang vorigen Jahres fielen allein im deutschen Verteidigungsministerium 149 "Vorgänge" an, die DU zum Gegenstand hatten. Etliche davon beziehen sich auf Informationen, einige sogar auf Warnungen aus den USA. Das ergibt sich aus einer Übersicht mit dem Aktenzeichen 1401329 V7 ("Vertraulich ­ nur für den Dienstgebrauch"), die dem damaligen Staatssekretär Peter Wichert am 31. März vergangenen Jahres vorgelegt wurde.

Die Zusammenstellung belegt nicht nur, dass in der halben Amtszeit der rot-grünen Koalition im Verteidigungsministerium 110 Vorlagen über DU-Waffen erarbeitet wurden ­ einige davon mit einem deutlichen Hinweis auf die "politische Brisanz". Sie widerlegt auch die Behauptung von Beamten, vom Einsatz der umstrittenen Munition in Bosnien habe die Regierung erst sehr viel später erfahren.

Schon am 18. Februar 1997 berichteten deutsche Teilnehmer einer Militärmedizinertagung der Nato über amerikanische Warnungen vor der "möglichen Exposition von Anteilen der Friedenstruppe in Bosnien gegenüber abgereichertem Uran".

Möglicherweise war damals noch nicht bekannt, dass US-Kampfflugzeuge am 5. August und 22. September 1994 sowie zwischen dem 20. August und 14. September 1995 insgesamt 10 800 Projektile mit rund drei Tonnen abgereichertem Uran gegen serbische Stellungen in der Umgebung Sarajevos und in ganz Bosnien verschossen hatten. Dass aber diese Munition verwendet worden war, stand nun zweifelsfrei fest.

Eine Woche später nahm der Sanitätsinspekteur der Bundeswehr zum Bericht seiner Untergebenen Stellung. Doch mehr als drei Monate verstrichen, in denen deutsche Pioniere möglicherweise ohne besondere Schutzvorkehrungen Uranverseuchtes Militärgerät in und um Sarajevo bargen, ehe sich das Verteidigungsministerium zu einer "eigenen Bewertung" des Risikos durchrang. Am 4. Juni 1997 befand die Hardthöhe: "geringe Gefährdung". Damit blieben die Deutschen auf der Linie, die Washington seit der Entwicklung der Uran-Waffen vorgab.

Amerikanische Militär-Patrouille im Februar 2000 in Mitrovica
REUTERS

Amerikanische Militär-Patrouille im Februar 2000 in Mitrovica

Die Idee kupferten die Waffenkonstrukteure Hitlers Rüstungsingenieuren ab. Die kamen während des Zweiten Weltkriegs auf den Gedanken, den Wirkungsgrad ihrer Panzerabwehrkanonen dadurch zu steigern, dass den Geschossen Uran beigegeben wurde. Das superdichte Material sollte mehr Energie ins Ziel bringen und den Geschossen eine viel stabilere Flugbahn verleihen. Es kam nie dazu.

Als die U. S. Army in den sechziger Jahren nach mehr Durchschlagskraft gegen Moskaus gewaltige Panzerarmeen suchte, griff sie die Uran-Idee auf. Anders als Speers Aufrüster verfügte Washington über einen nahezu unbegrenzten Vorrat an geeignetem Rohmaterial ­ abgereichertes Uran, das bei der Gewinnung spaltbaren Materials für Atombomben und Reaktorbrennstoff in großen Mengen anfällt.

Nukleare Kettenreaktionen lassen sich nur mit Isotop U 235 erzeugen. Natürliches Uranerz besteht aber lediglich zu 0,7 Prozent aus diesem Bombenbaustoff. Weit über 99 Prozent dagegen sind U 238, ein schwach strahlendes Schwermetall, das kostspielig entsorgt werden muss ­ falls sich keine andere Verwendung findet.

Kein Wunder, dass das US-Energieministerium der Rüstungsindustrie den Bombenabfall fast kostenfrei zur Verfügung stellte. Das Milosevic-Regime in Belgrad nutzte diesen Umstand für seine Menschenrechtsklage gegen die Nato: Der Westen entledige sich seines Nuklearabfalls, indem er ihn auf jugoslawische Ziele verschieße.

Nicht nur in der Rüstung wird das billige Schwermetall benutzt. Boeing und McDonnell Douglas bauten es ­ als Gegengewichte für Ruder und Klappen ­ in ihre Großraumjets ein, Werften packten es als Ballast in den Kiel von Segelyachten.

So wies der Untersuchungsbericht des niederländischen Parlaments über den Absturz eines El-Al-Jumbos auf den Amsterdamer Stadtteil Bijlmeer am 4. Oktober 1992 ausdrücklich darauf hin, dass diese Gegengewichte in Brand geraten waren und eine "Verseuchung durch Uranoxidpartikel stattgefunden" hat. Ob Erkrankungen von Überlebenden auf das Uran oder auf ebenfalls mitgeführte und bis heute nicht vollständig identifizierte Giftstoffe zurückzuführen sind, blieb allerdings unklar.

Auch in Remscheid ist bis heute offen, was Ursache für die Erkrankungen ist, unter denen etliche Einwohner des Viertels leiden, in dem am 8. Dezember 1988 ein US-Kampfflugzeug vom Typ A-10 abstürzte (siehe Seite 120). Zur Standardausrüstung dieses "Warzenschwein" genannten Jets, der auf dem Balkan und im Golfkrieg häufig eingesetzt wurde, gehört im Ernstfall Uran-Munition.

Die Verwendung des Uran-Abfallprodukts galt als unproblematisch. DU strahlt schwächer als Natururan und sondert fast ausschließlich Alpha- und Beta-Strahlen ab. Zwar sind Alpha-Strahlen äußerst energiereich, werden aber schon durch die Papierhülle abgefangen, in der jene Dosimeterfilme stecken, die jeder gefährdete Soldat "am Mann" tragen soll. Auch Beta-Strahlen sind so einfach abzuschirmen, dass sogar amerikanische Abrams-Tanks zur Verstärkung der Panzerung mit DU ausgerüstet sind.

Für so unbedenklich gaben Rüstungstechniker das Material aus, dass es in immer mehr Waffensystemen Nutzung fand: Panzergranaten, Geschosse für Maschinenkanonen, ja sogar Spezialmunition für Schnellfeuergewehre erhielten einen UranKern. Cruise Missiles tragen oft ein Ausgleichgewicht aus DU, um ihre Flugeigenschaften zu verbessern.

Das mag der Grund dafür sein, dass in Jugoslawien erhöhte Radioaktivität an Einschlagstellen von Marschflugkörpern gemessen wurde. In Belgrad sollen die Trümmer des Generalstabsgebäudes, des Fernsehsenders und Bunkerruinen noch immer Uran-verseucht sein.

Die Strahlung von DU, das zeigen viele Studien, ist jedoch so gering, dass sie kaum jene Leukämie-Erkrankungen verursacht haben kann, welche das jüngste Aufwallen von Strahlenangst auslösten. Schon der Wismut-Bergbau in der ehemaligen DDR belegt, dass Uranstaub ­ eingeatmet ­ zwar durchaus Lungenkrebs verursacht. Andere Karzinome lassen sich bislang hingegen nicht auf Uran zurückführen.

Außerdem liegt die Latenzzeit der meisten Krebsarten, die Spanne zwischen dem auslösenden Ereignis und dem Beginn der akuten Erkrankung, bei 5 bis 15 Jahren. Falls DU doch stärker als bisher vermutet tumorbildend wirken sollte, läge die wirkliche Krebswelle erst noch in der Zukunft.

Von unabhängigen Wissenschaftlern nicht überprüfte Berichte aus dem Irak und vom Balkan über stark angestiegene Krebsraten wecken deshalb erhebliche Zweifel und Widersprüche von Forschern sogar in einigen der betroffenen Länder. Auch die Uno-Umweltorganisation Unep konnte bislang keine steigenden Tumorraten im Kosovo registrieren. Und das Krankenhaus in Pristina, das einzige in der Provinz Kosovo, das Krebs klinisch behandelt, meldete gar einen Rückgang der Leukämie-Patienten nach dem Krieg.

Gefährlich wirkt das umstrittene Material jedoch auf eine ganz andere, nicht radioaktive Weise: Beim Aufprall mit hoher Geschwindigkeit auf sein gepanzertes Ziel verdichtet sich der Uran-Kern des Geschosses ganz extrem. Hat das Geschoss die Panzerung durchschlagen, zerbröselt es.

Durch die Umwandlung der gewaltigen kinetischen Aufprallenergie erhitzt sich das Uran und brennt wie Zunder. Dieser durchaus erwünschte Nebeneffekt erzielt oft die entscheidende Kriegswirkung ­ die Bordmunition des getroffenen Panzers explodiert und vernichtet Mensch und Maschine.

Dass dadurch allerdings ein ganz anderes Gefährdungspotenzial geschaffen wird, wissen die Amerikaner, seit sie von 1979 an auf den Aberdeen Proving Grounds, einem Übungsplatz kaum zwei Autostunden entfernt von der Bundeshauptstadt Washington, Testschüsse mit DU-Granaten akribisch vermessen haben.

Zu ihrer eigenen Überraschung stellten sie fest, dass nach dem Aufprall des 3,4 Kilogramm schweren DU-Pfeils einer 105-Millimeter-Granate mehr als 70 Prozent des Schwermetalls als Uranoxide in der Luft schweben. Die Salve aus der Gatling-Gun eines Kampfflugzeugs vom Typ A-10 "Warzenschwein", mit dem die Amerikaner im Kosovo und am Golf Jagd auf Feindpanzer machten, bringt bis zu 100 Granaten ins Ziel. Vier Fünftel davon sind mit je 300 Gramm DU bestückt. Von den über 20 Kilogramm DU, die so abgefeuert werden, schweben wenig später 14 Kilogramm als giftiger Staub in der Luft.

"Messungen im Zielgebiet zeigen, dass Personal Strahlenkonzentrationen ausgesetzt sein kann, welche die empfohlene Höchstmenge überschreiten", warnten die Wissenschaftler vom Battelle Pacific Northwest Laboratory.

Die wirkliche Gefahr vermuteten sie jedoch an anderer Stelle. Über die Hälfte des Oxids sei "atemfähig", das heißt so mikroskopisch-fein gekörnt, dass es nicht in den Bronchialhärchen hängen bleibt, sondern tief in die Lungenflügel eindringt. Dort aber lösen sich rund 43 Prozent der Giftpartikel in der Lungenflüssigkeit auf. "Dieses Ergebnis weist auf ein mögliches chemisches Vergiftungsrisiko neben der Strahlengefahr hin", vermuten die Forscher. Diese bis dahin völlig vernachlässigte Gefahr müsse eingehend geprüft werden.

Auf Grund ähnlicher Ergebnisse, die britische Wissenschaftler nach dem Golfkrieg gewonnen hatten, warnten sie bereits vor vier Jahren vor den Gesundheitsgefahren von DU. An den Einsatzkriterien für die Uran-Munition änderte sich gleichwohl nichts.

Auch überall sonst geschah wenig. Dabei ist bekannt, dass gerade Schwermetalle gesundheitliche Schäden verursachen können, unter denen so viele Veteranen und Zivilisten heute leiden ­ von Schlafstörungen bis zur Immunschwäche, vom Versagen wichtiger innerer Organe bis zu Krebs.

Denn neben den toxischen Gefahren von DU hinterlässt der Einsatz moderner Waffen unzählige weitere, größtenteils ungeprüfte Komponenten. Rückstände etwa des auf allen Schlachtfeldern reichlich eingesetzten Trinitrotoluols (TNT), des wohl verbreitetsten militärischen Sprengstoffs, werden verdächtigt, karzinogen zu sein und Leukämie auszulösen.

Doch selbst ungelöste, chemisch weit weniger aggressive DU-Partikel können nach Expertenmeinung im schlimmsten Fall Verheerungen anrichten, wenn sie erst einmal im Körper eingelagert sind. Die mit hoher Geschwindigkeit ausgestoßenen Teilchen der Alpha-Strahlung sind durchaus in der Lage, benachbarte Zellen zu verwüsten. Trifft solch ein Partikel einen Zellkern, kann es eine biologische Kettenreaktion auslösen, die zu einem bösartigen Tumor führt. Wolfgang Köhnlein, stellvertretender Vorsitzender der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung, ist jedenfalls überzeugt, dass Soldaten noch lange nach ihrem Einsatz an Leukämie erkranken können.

Darüber hinaus wussten die amerikanischen Forscher, dass ein DU-Risiko auch nach Kriegsende durch den vom Boden wieder aufgewirbelten Uranstaub fortbesteht. In weitaus höherer Gefahr als das Personal von Nato-Schießständen lebt deshalb die Bevölkerung im Südirak oder im ehemaligen Jugoslawien, wo dieser Giftstaub tonnenweise ausgestreut wurde.

ABC-Atemmasken, luftundurchlässige Bekleidung und Prüfgeräte, welche die Nato seit dem 1. Juli 1999 schließlich als zweckmäßige Schutzvorkehrungen für ihre Soldaten vorsah ­ ein Appell, der aber nicht alle Soldaten erreichte ­, stehen der Bevölkerung nicht zur Verfügung. Die weiß in der Regel zudem noch weniger als die Soldaten, wo sie mit giftigem Uranstaub rechnen muss.

Dass allen öffentlichen Harmlosigkeitsbeteuerungen zum Trotz auch unter Militärexperten die Sorge vor unkontrollierbaren Auswirkungen der DU-Munition Bestand hatte, beweist der Brief eines Oberstleutnants Ziehmn vom US-Atomwaffenzentrum Los Alamos National Laboratory. Am 1. März 1991, mit Beginn der Waffenruhe im Golfkrieg, in dem insgesamt 300 Tonnen abgereichertes Uran verschossen wurden, warnte der Experte die Abteilung für Studien und Analysen des Pentagon:

"Es gab und gibt weiterhin Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen von abgereichertem Uran auf die Umwelt. Daher besteht die Gefahr, dass DU-Munition politisch als nicht mehr hinnehmbar erscheinen könnte."

SIEGESMUND VON ILSEMANN



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