Der Tod von Slobodan Milosevic Zerreißprobe für ein geschundenes Volk

Der Tod von Slobodan Milosevic droht Serbien in eine tiefe Krise zu führen. Sein Ende in der Zelle weckt bittere Gefühle, plötzlich brechen unter den Menschen wieder schroffe Klüfte auf: Mehr Europa - oder mehr Nation?


In mehreren Städten Bosnien-Herzegowinas haben sich heute Anhänger des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic versammelt, um ihres Idols zu gedenken. In Banja
Luka legten die Menschen auf dem zentralen Platz der Stadt Kerzen und Blumen nieder. Im Zentrum der Stadt Bijeljina entzündeten Milosevic-Anhänger Kerzen und stellten Transparente mit Aufschriften wie "Helden sterben nicht" oder "Wir lieben dich" auf.

Milosevic-Anhänger: Der Despot hat die Serben tief geprägt
AFP

Milosevic-Anhänger: Der Despot hat die Serben tief geprägt

Auch wenn die Meinungen über den ehemaligen Machthaber weit auseinander gehen, hat Milosevic die Serben zutiefst geprägt und ist immer einer von ihnen gewesen - der stolze Anführer eines stolzen Volkes. Viele Menschen zollten seiner angriffslustigen Verteidigung vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal großen Respekt. Die Mehrheit der Serben hielt von dem internationalen Tribunal in Den Haag nichts. Das Gericht wurde zur Verfolgung der Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien gebildet. Aus ihrer Sicht ist es aber vor allem dafür gemacht, die Serben für ihre nationalen Ambitionen und ihren hartnäckigen Widerstand gegen die Vorstellungen Amerikas und Europas zu bestrafen.

Märtyrertod in der Zelle

Dass dieser Mann in seiner Zelle in Scheveningen gestorben ist, macht ihn nun in den Augen vieler zum Märtyrer. Sein Tod weckt bittere Gefühle in diesem Volk und droht Serbien in einem entscheidenden Jahr vor eine Zerreißprobe zu stellen. Der Rumpfstaat steht davor, mit Montenegro auch noch die letzte jugoslawische Teilrepublik an die Unabhängigkeit zu verlieren und womöglich sogar seine südliche Provinz Kosovo. Gleichzeitig sieht das Land seine Zukunft im Rahmen der Europäischen Union und gerät damit immer stärker unter den Druck, auch die anderen in Den Haag angeklagten Serben Ratko Mladic und Radovan Karadzic auszuliefern.

Schon mehren sich die Spekulationen, dass es unter diesen Umständen keine geordnete Festnahme und Auslieferung Mladics geben kann. Entweder der ehemalige bosnisch-serbische Armeechef bringe sich vorher um - oder komme bei der Festnahme ums Leben.

Viele ältere Serben fürchten sich, vor dem, was nun auf sie zukommt. "Serbien wird wieder einmal gespalten sein", glaubt eine Frau auf der Straße in Belgrad, "in die, die Milosevic preisen und die, die ihn hassen. Das wird uns noch einmal zehn Jahre zurückwerfen". In den Aberhunderten Leserbriefen an die renomierte Radio- und TV-Station B92 sind die Meinungen geteilt: Vor allem die Jüngeren sind wenig interessiert, andere melden sich mit beißender Kritik zu Wort, einige Ältere können dem Leben des früheren Starken Mannes etwas Positives abgewinnen.

Stoff für Verschwörungstheorien

Solange die Todesursache des früheren Präsidenten noch nicht fest steht, wird in Serbien viel über die Hintergründe seines Todes spekuliert. Milosevics Anwalt Zdenko Tomanovic legte heute in Den Haag neuen Stoff für Theorien über einen unnatürlichen Tod vor: Ein am Freitag verfasstes sechs Seiten langes  Schreiben seines Mandanten an die russische Botschaft. Darin äußerte Milosevic die Befürchtung, er könne in Haft ermordet werden. "Sie wollen mich vergiften, ich bin ernsthaft besorgt und unruhig", heißt es darin. Bei einer Untersuchung im Januar seien in seinem Blut Spuren eines starken Medikaments gegen Tuberkulose oder Lepra entdeckt worden. Eine solche Arznei habe er wissentlich nie genommen. Personen, gegen die er sein Land verteidigt habe, hätten ein Interesse daran, ihn zum Schweigen zu bringen, heißt es den Angaben zufolge in dem Brief weiter.

Chefanklägerin Del Ponte wies die Vergiftungsvorwürfe zurück: Dies sei unmöglich gewesen, sagte sie "Repubblica". Er sei im Gefängnis noch immer wie ein Präsident behandelt worden. "Vor allem der Zubereitung seiner Speisen wurde große Aufmerksamkeit gewidmet." Es habe keine Möglichkeit bestanden, dass Unbefugte mit dem Essen Milosevics in Berührung gekommen wären.

Der britische Pflichtverteidiger Steven Kay wies die bereits kursierende Selbstmordthese zurück: "Er sagte mir vor einigen Wochen: 'Ich habe diese Sache nicht so lange ausgestanden, um mir irgendetwas anzutun'."

Aufschluss wird das Ergebnis der Obduktion geben, die heute Nachmittag vorgenommen worden ist. Erste Ergebnisse soll es Montag früh geben.

ler/AFP/dpa/Reuters



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