Der vergessene Sklavenaufstand Tod im Gulag

In dem auf der Buchmesse gefeierten Werk "Gulag" rechnet die Autorin mit dem sowjetischen Zwangsarbeitersystem ab. Nahezu unerwähnt bleibt jedoch der Sklavenaufstand in der von deutschen Kriegsgefangenen erbauten Stadt Workuta. 1953 erhoben sich dort 100.000 Häftlinge. Die Revolte endete mit 481 Toten.

Von Fritjof Meyer


2. Weltkrieg: Deutsche Kriegsgefangene in einem russischen Lager
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2. Weltkrieg: Deutsche Kriegsgefangene in einem russischen Lager

Hamburg - Ein Buch über Russland macht auf der Frankfurter Buchmesse Furore: "Gulag", die erste Zusammenfassung aller Quellen über das sowjetische Zwangsarbeitersystem. Rezensenten sprechen vom wichtigsten politischen Buch nicht nur auf der Messe, sondern zur osteuropäischen Zeitgeschichte überhaupt. Die Verfasserin Anne Applebaum, Kolumnistin der "Washington Post", führt Klage, dass Stalins Verbrechen weit weniger beachtet würden als die Massenmorde Hitlers.

Nur am Rande, in einem Augenzeugenbericht, erwähnt sie einen bemerkenswerter Sklavenaufstand, der vor 50 Jahren 2000 Kilometer nördlich von Moskau stattfand. Die fast Revolte von Workuta. Während der Arbeiteraufstand in der DDR zum 50. Jahrestag groß gefeiert wurde, ist diese blutig beendete Rebellion nahezu vergessen.

Die Unruhen gingen zwei Monate nach Stalins Tod zunächst vom nordsibirischen Gulag-Zentrum Norilsk aus. Im Mai 1953 hatten Streikkomitees der Häftlinge bessere Lebensbedingungen und eine Amnestie auch für die politischen Gefangenen gefordert. Nach der Verhaftung des sowjetischen Geheimpolizeichefs Berija sprang der Funke über nach Workuta, 36 Bahnstunden von Moskau entfernt, wo der Ural ans Eismeer reicht. Dorthin wurden ungefähr zwei Millionen Gefangene verbracht, um nach Kohle zu graben. 200.000 kamen ums Leben, davon 15.000 durch eine Kugel.

Ein Löffel Brei nach 12 Stunden Arbeit

Die Häftlinge bauten die Stadt Workuta auf, in der 100.000 Freie lebten, und brachten 34 Schächte nieder, denen jeweils ein oder zwei Barackenlager für die Zwangsarbeiter zugeordnet waren. Nur bei Erfüllung des kaum zu schaffenden Tagessolls gab es nach zwölf Arbeitsstunden Brot, Suppe und einen Löffel Brei. 1953 befanden sich in Workuta über 100.000 Häftlinge vieler Nationalitäten, darunter 20.000 Deutsche: Deportierte von der Wolga, verurteilte Kriegsgefangene, Sträflinge aus den Nachkriegslagern Buchenwald und Sachsenhausen, Oppositionelle aus der DDR und gänzlich Unschuldige. Unter ihnen der Berliner Stadtverordnete Richard Werner (KPD), der schon bei den Nazis eingesessen hatte; die Mutter des Ostexperten und Ex-Kommunisten Wolfgang Leonhardt und der Vater des Stasi-Nachlassverwalters Joachim Gauck.

Vor 50 Jahren, am 1.August 1953, stellten sich Tausende Zwangsarbeiter des Schachts 29 am Lagerzaun auf, hakten sich unter und riefen zum Generalstreik. Ihre Losung: "Keine Freiheit - keine Kohle!" Die Wachposten brachten Maschinengewehre in Stellung. Lagerkommandant Generalmajor Derewjenko schrie: "Ich gebe euch fünf Minuten!" Ukrainische

Häftlinge sangen Freiheitslieder, die anderen riefen im Chor zurück: "Brüder, schießt nicht!" Aber sie schossen: Es gab 64 Tote, darunter der Deutsche Hans Georg Kirche, der in der ersten Reihe gestanden hatte, 136 Schwerverwundete und ungezählte Leichtverletzte.

Heute schuften Schwerkriminelle in den Kohlegruben

In zehn anderen Schächten streikten 12.000 Gefangenen weiter. Truppen wurden herangeführt, insgesamt 481 Häftlinge getötet. Den ersten ausführlichen Rapport über die dramatischen Vorgänge lieferte nach seiner Entlassung aus dem Lager im folgenden Jahr der Arzt Josef Schölmerich (unter dem Namen "Scholmer") mit seinem Buch: "Die Toten kehren zurück". Jetzt erschien (im Schutter-Verlag, Köln) der Bericht der Filmjournalistin Ursula Rumin, die 1952 in Berlin festgenommen und nach Workuta verschleppt worden war.

Buchtitel "Der Gulag": Abrechnung mit dem sowjetischen Zwangsarbeitersystem

Buchtitel "Der Gulag": Abrechnung mit dem sowjetischen Zwangsarbeitersystem

Heute gibt es nur noch acht Kohlegruben in Workuta. Deren Förderkosten liegen über dem Weltmarktpreis. Noch existieren drei Arbeitslager für Schwerkriminelle. In der von deutschen Kriegsgefangenen erbauten Stadt stehen viele Häuser leer: Die Bewohner sind in wärmere Zonen zurückgekehrt, da es keine Arbeit mehr gibt. Holzhäuser fallen einfach um: Die Tundra greift nach der von Millionen von Opfern verfluchten Stadt.

Im Keller eines Plattenbaus werden die Karteikarten und Personalunterlagen der Häftlinge aufbewahrt, nach den Regeln der sowjetischen Bürokratie "auf ewig". Dort finden sich auch die Akten von Schölmerich und von Rumin. Das Dossier des Häftlings Kirche aus der ersten Reihe birgt zwei Sterbeurkunden: "Getötet am 1.August 1953" und verstorben an "Herzversagen" am 5.August 1953. Offenbar sollte vertuscht werden, dass Kirche erschossen wurde - dass überhaupt der Aufstand stattgefunden hatte.

Nahe der Grube 29 stecken einige Blechkreuze in der Erde. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat davor ein Denkmal aufgestellt. Auch in der Stadt steht ein Denkmal für die Opfer der "Repression", ebenso wie eine Lenin-Statue. Die Baracken dagegen sind längst verheizt, Wachtürme und Stacheldraht verschwunden. Hier und da findet sich ein Blechnapf, der Überrest einer Pritsche. Den Rest hat sich die Tundra zurückgeholt.



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