Der Westen und die Mohammed-Karikaturen Im Mauseloch der Angst

Das Attentat auf den Zeichner Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, eine tödliche Fatwa zu vollstrecken. Im Fall von Salman Rushdie vor gut 20 Jahren war der Protest laut. Heute gehen westliche Dichter und Denker in Deckung, wenn es um den Schutz "religiöser Gefühle" geht.

Von Henryk M. Broder


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Terror: Angriff auf dänischen Karikaturisten
Im Jahre 1988 erschien Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse" in der amerikanischen Originalausgabe. Worauf der iranische Staats- und Revolutionsführer, Ajatollah Chomeini, eine "Fatwa" gegen Rushdie erklärte und ein hohes Kopfgeld für dessen Ermordung auslobte. Es kam zu mehreren Anschlägen auf die Übersetzer und Verleger des Romans, wobei der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi ums Leben kam. Millionen von Muslimen in aller Welt, die keine Zeile des Buches gelesen und den Namen Salman Rushdie noch nie gehört hatten, wollten das Todesurteil gegen den Autor vollstreckt sehen, je schneller, desto besser, um mit seinem Blut die beschmutzte Ehre des Propheten wieder reinzuwaschen.

In dieser Atmosphäre traute sich kein deutscher Verlag, Rushdies Buch zu publizieren. Worauf einige Schriftsteller, unter ihnen Günter Grass, die Initiative ergriffen, damit Rushdies Roman in Deutschland erscheinen konnte - in einem Verlag, der ausschließlich zu diesem Zweck gegründet wurde. Er hieß ARTIKEL 19 - wie der Paragraf der Uno-Deklaration, der das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert - und war ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem Dutzende von Verlagen, Organisationen und Einzelpersonen beteiligt waren, darunter Bertelsmann, Fischer, Hoffmann & Campe, Suhrkamp und Wagenbach, der Verband deutscher Schriftsteller und das PEN-Zentrum der Bundesrepublik, Norbert Blüm und Oskar Lafontaine, Hans Magnus Enzensberger und Klaus Staeck, Frank Schirrmacher und Roger Willemsen. Es war die breiteste Koalition, die je in der Bundesrepublik zustande gekommen war.

Verständnis für die verletzten Gefühle der Muslime

17 Jahre später, nachdem die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" auf einer Seite ein Dutzend Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, kam es in der islamischen Welt zu ähnlichen Reaktionen: Millionen Muslime zwischen London und Jakarta, die keine der Karikaturen gesehen oder auch nur den Namen der Zeitung je gehört hatten, demonstrierten gegen die Beleidigung des Propheten und verlangten die angemessene Bestrafung der Übeltäter: mit dem Tode. Osama bin Laden ging so weit, die Auslieferung der Zeichner zu verlangen, um sie von einem islamischen Gericht aburteilen zu lassen.

Doch anders als im Falle von Rushdie solidarisierte sich diesmal kaum jemand mit den bedrohten dänischen Karikaturisten. Im Gegenteil. Günter Grass, der die ARTIKEL-19-Aktion angestoßen hatte, äußerte sein Verständnis für die verletzten Gefühle der Muslime und die daraus resultierenden gewalttätigen Reaktionen; diese seien, so Grass, eine "fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat", womit er eine Äquidistanz zwischen den zwölf Karikaturen und den Mordaufrufen auf die Karikaturisten herstellte. Bei der Gelegenheit wurde Grass auch grundsätzlich: "Wir haben das Recht verloren, unter dem Dach auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen."

Der damalige britische Innenminister Jack Straw nannte die Veröffentlichung der Karikaturen "unnötig, unsensibel, respektlos und falsch". Der "Vorwärts", das Organ der SPD, verteidigte die Meinungsfreiheit im Allgemeinen, meinte aber, in diesem speziellen Fall würden die Dänen die Freiheit "missbrauchen, nicht im rechtlichen, aber im politischen-moralischen Sinne". Fritz Kuhn, 1955 geboren, hatte ein Déjà-vu: "Mich haben sie (die Karikaturen) an die antijüdischen Zeichnungen in der Hitler-Zeit vor 1939 erinnert." Womit der damalige Fraktionschef der Grünen bewies, dass er entweder ein sensationelles pränatales Gedächtnis oder noch keine einzige antisemitische Karikatur aus dem "Stürmer" gesehen hat.

Als würden Eunuchen über Sex reden

Es war, als würden Blinde über Kunst, Taube über Musik und Eunuchen über Sex diskutieren - vom Hörensagen, denn abgesehen von "taz", "Welt" und "Zeit" waren alle deutschen Zeitungen und Magazine der Empfehlung von Claudia Roth gefolgt - "Deeskalation beginnt zu Hause" - und hatten auf einen Abdruck der Karikaturen vorsorglich verzichtet. So wie es auch der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter geraten hatte: "Der Westen sollte alle Provokationen unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen..." Wobei Richter offen ließ, ob "der Westen" auch das Tragen von Miniröcken, den Genuss von Schweinefleisch und die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unterlassen sollte, um keine Gefühle von Erniedrigung und Demütigung in der islamischen Welt hervorzurufen.

Wären die Mohammed-Karikaturen flächendeckend in der deutschen Presse nachgedruckt worden, hätten die Zeitungsleser sich selbst ein Bild machen können, wie exzessiv harmlos die zwölf Zeichnungen waren und wie bizarr und gegenstandslos die ganze Debatte, statt die Beurteilung "Experten" zu überlassen, die jede Kritik am Papst und der Kirche, jede blasphemische Kunstaktion im Namen der Meinungsfreiheit verteidigen, im Falle der Mohammed-Karikaturen allerdings plötzlich der Ansicht waren, man müsse auf religiöse Gefühle anderer Menschen Rücksicht nehmen.

Das freilich war nur eine Ausrede, eine Art Mauseloch der Angst. Denn zwischen der Rushdie-Affäre und dem Karikaturen-Debakel war einiges passiert: 9/11, die Anschläge von London, Madrid, Bali, Jakarta, Djerba, die von manchen Kommentatoren ebenfalls als Ausdruck der Erniedrigung und Demütigung der islamischen Welt durch den Westen interpretiert wurden. Vor dieser Drohkulisse schien es vernünftiger und vor allem sicherer, "Respekt" vor religiösen Gefühlen zu bekunden als auf dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu bestehen.

Das Recht zu beleidigen ist wichtiger als der Schutz vor Beleidigung

Und es waren nur wenige, die aus der Reihe tanzten, der britische Komiker Rowan Atkinson ("Mr. Bean") erklärte, "das Recht zu beleidigen" sei "sehr viel wichtiger, als das Recht, nicht beleidigt zu werden", die aus Somalia stammende und damals in Holland lebende säkulare Muslimin Ayaan Hirsi Ali schrieb ein Manifest, das mit den Worten begann: "I am here to defend the right to offend."

Aber das waren Ausnahmen. Sogar der damalige französische Präsident, Jacques Chirac, vergaß vorübergehend, dass er die "Grande Nation" vertritt, zu der auch Sartre, Voltaire und Victor Hugo gehören, und dekretierte, dass "alles, was den Glauben anderer, zumal den religiösen Glauben, beleidigen könnte, vermieden werden muss".

So begann die geforderte "Deeskalation" nicht nur "zu Hause", sie endete auch vor der eigenen Haustür. Denn die andere Seite denkt nicht daran zu deeskalieren. Die Fatwa gegen Salman Rushdie ist immer noch in Kraft, der Mordanschlag gegen Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, ein Todesurteil zu vollstrecken, dem keine Straftat zugrunde liegt. Der Islam mag in der Theorie eine "Religion des Friedens" sein, die Praxis sieht anders aus.

Mitten in Berlin lebt eine deutsch-türkische Rechtsanwältin, die vor kurzem abtauchen musste, weil sie mit Morddrohungen überzogen wurde, nachdem sie ein Buch veröffentlicht hatte. Es enthält keine einzige Mohammed-Karikatur, allein der Titel ist eine Provokation, die ans Eingemachte geht: "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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avollmer 02.01.2010
1. 800 Jahre hinter dem Christentum zurück
Der Islam ist 800 Jahre jünger als das Christentum, wir können also noch mit weiteren 400 Jahren frühmittelalterlicher Staatskultur rechnen. Obwohl Ahmadinedschad, Taliban und Wahabiten alles unternehmen um in ihren Ländern die Anzahl säkularer und laizistischer Jakobiner zu mehren. Wir sollten das Unterstützen und landessprachliche Ausgaben von klassischer politischer Literatur (Locke, Berkeley, Hume, Rousseau, Hobbes) statt Bomben abwerfen. Für einen Tagesetat des Bundeswehr-Einsatz könnte man alle afghanischen Haushalte versorgen ...
bestoffive 02.01.2010
2. Sieg der Political Corectness
Zitat von sysopDas Attentat auf den Zeichner Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, eine tödliche Fatwa zu vollstrecken. Im Fall von Salman Rushdie vor gut 20 Jahren war der Protest laut. Heute gehen westliche Dichter und Denker in Deckung, wenn es um den Schutz "religiöser Gefühle" geht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,669793,00.html
Nun, was beschwert sich denn der "Spiegel"? Wer hätte denn von uns Lesern und Kommentatoren die Möglichkeit, das *Sturmgeschütz der Meinungsfreiheit* zu werden? Was für ein heuchlerischer Artikel! Erst wenn der "Spiegel" ein Jahr lang in jeder Ausgabe religiöse, politische, regionale, physionomische und nationale Eigenheiten karrikiert und abdruckt, kann irgendjemand an der Brandstwiete mit erhobenem Haupt mitreden.
yato, 02.01.2010
3. Wo sind die Lichterketten der Moslems?
Zitat von sysopDas Attentat auf den Zeichner Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, eine tödliche Fatwa zu vollstrecken. Im Fall von Salman Rushdie vor gut 20 Jahren war der Protest laut. Heute gehen westliche Dichter und Denker in Deckung, wenn es um den Schutz "religiöser Gefühle" geht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,669793,00.html
...die sich zur Demokratie und zur Akzeptanz unserer Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit bekennen? Wer bei diesen gewalttätigen Angriffen im Namen des Islam schweigt, der bietet ein Bild als ob er das billigen würde. Umgekehrt betrachtet: wie würde das Bild von Deutschland heute aussehen wenn nicht bei jeder Nazi-Demo die doppelte Menge Gegendemonstranten auf der Strasse stünde, sondern Niemand - Nichts als schweigen. Dieses Schweigen brüllt mich an. Dieses Schweigen der Mehrheit der Muslime zu solchen Taten finde ich das eigentlich erschreckende! genau das ist der punkt! ich wurde erst "moslemfeindlich" oder "islamfeindlich" als ich sah dass die mehrheit der moslems dazu schweigt oder das sogar gut findet, wenn hier in europa mit gewalt unsere hart erkämpfte meinungsfreiheit (das zentrum der demokratie) angegriffen wird. solange sich (durch moderne moslems, die sich von dieser gewalt sichtbar distanzieren. wer schweigt, der billigt es) nichts ändert sehe ich moslems ganz genau so rückständig wie unsere rechten glatzen. beide wollen auf ihre jeweils spezielle art zurück ins mittelalter und deshalb gehört dieser eindringling mit axt (der film "shining" mit jack nicholson lässt grüssen) der den karrikaturisten in seinem haus angriff bis zum lebensende in den knast genauso wie der typ, der vor kurzem im flugzeug zündelte. europa hat die aufgabe die moderne, die meinungsfreiheit und die demokratie zu verteidigen, sonst sehen wir uns irgendwann wieder in einer diktatur und müssen nochmal durch diesen schon überwunden geglaubten gewaltexzess den wir seit dem mittelalter über den 30jährigen krieg bis hin zum "1000jährigen nazi reich" gut kennen. ich könnte kotzen wenn ich worte von solch gebündelter dummheit wie: "der heilige krieg" höre. gewalt ist nie heilig sondern hier brüllt lediglich der affe unserer genetischen herkunft. wenn wir salman rushdie, hisri ali und diese karrikaturisten nicht wirksam verteidigen dann können wir gleich zur intoleranz, dogma und diktatur konvertieren und künftig nur noch die klappe halten!
kaiserudo 02.01.2010
4. Herr Broder auf dem Weg zum Licht !
Zitat von sysopDas Attentat auf den Zeichner Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, eine tödliche Fatwa zu vollstrecken. Im Fall von Salman Rushdie vor gut 20 Jahren war der Protest laut. Heute gehen westliche Dichter und Denker in Deckung, wenn es um den Schutz "religiöser Gefühle" geht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,669793,00.html
Vollkommen richtig. Hendrik Broder trifft mal wieder des Pudels Kern. Allerdings sollte man sehen das in Israel Uri Avnery von fanatischen rechtsaußen Politiker Todesdrohungen bekommen hat und das Rabbin ja auch von fanatischen orthodoxen Juden hingemetzelt wurde. Irgendwie sind sich alle Religionen gleich. Immer geht es den Religionen um die Unterdrückung freier Meinungsäußerung. Dabei schrecken sie auch vor Todesdrohungen oder vor Mord nicht zurück. Wenn Herr Broder diesen Aspekt noch mit einbeziehen würde bräuchte er beim Schreiben nicht das rechte Auge zudrücken .-)
Baikal 02.01.2010
5. Politische Feigheit
Zitat von sysopDas Attentat auf den Zeichner Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, eine tödliche Fatwa zu vollstrecken. Im Fall von Salman Rushdie vor gut 20 Jahren war der Protest laut. Heute gehen westliche Dichter und Denker in Deckung, wenn es um den Schutz "religiöser Gefühle" geht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,669793,00.html
Das kommt eben dabei raus, wenn ständig von Integration geredet wird aber der Mut fehlt, die zu Integrierenden auch selbst auszusuchen und Zuwanderung aus politischer Feigheit nun als eine Art Menschrecht zu Lasten der einheimischen Bürger zu betrachten.
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