Designierter Regierungschef Papademos Athens nüchterner Rechner

Seine Karriere führte Loukas Papademos in höchste europäische Bankenkreise - nun steht er vor seiner schwersten Aufgabe: Als neuer Regierungschef muss er Griechenland vor dem Kollaps bewahren. Das Know-how bringt er mit. Doch viele Landsleute haben ihn in äußerst schlechter Erinnerung.

Griechenlands neuer Regierungschef Papademos: "Er genießt hohes Vertrauen"
REUTERS

Griechenlands neuer Regierungschef Papademos: "Er genießt hohes Vertrauen"

Von und


Hamburg - Er gilt als Technokrat, Pragmatiker und vor allem als kühler Rechner. Diese Eigenschaft kann Loukas Papademos gut brauchen - denn die Aufgabe, die ihm bevorsteht, ist gewaltig: Als Chef einer Übergangsregierung soll er Griechenland aus der wohl schwersten Krise seiner Geschichte führen.

Befürworter eines Papademos-Engagements erhoffen sich von ihm nicht weniger als die Rettung des Landes: Der 64-Jährige soll sich erfolgreich gegen den drohenden Staatsbankrott aufbäumen. "Er steht für eine Politik des Vertrauens. Sowohl nach innen als auch nach außen genießt er hohes Ansehen", sagte der Politikwissenschaftler Janis Emmanouilidis im Deutschlandfunk.

Papademos selber bereitete die Griechen bereits in seinem ersten Statement auf weitere herbe Einschnitte bevor. Griechenland stehe an der entscheidenden Kreuzung. "Die griechische Wirtschaft steht trotz aller bereits unternommenen Anstrengungen vor riesigen Problemen." Der Weg aus der Krise werde nicht einfach, sagte Papademos weiter. "Aber ich bin überzeugt, dass unsere Probleme schneller und besser gelöst werden können, wenn Einigkeit, Verständnis und Besonnenheit herrschen."

Papademos verfüge als früherer Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (2002 bis 2010) über ausgezeichnete Kontakte in die europäischen Finanz- und Politikzentren, argumentieren diejenigen, die sich den Parteilosen an der Spitze einer Übergangsregierung wünschten. Die nötige Fachkenntnis bringt er also mit.

Begonnen hat er seine Karriere als Physiker und Elektrotechniker, doch schnell entwickelte sich Papademos zum Vollblut-Banker. Vor seiner Laufbahn bei der Notenbank, die 1985 begann, war Papademos Dozent an der Columbia University in New York und arbeitete als Volkswirt bei der Zweigstelle der US-Notenbank in Boston.

Mit den Ursachen und Folgen der internationalen Finanzmarktkrise kennt sich Papademos bestens aus, schon früh hatte er vor den Folgen eines internationalen Finanzcrashs gewarnt. Im Jahr 2005 beschrieb er das Risiko der "Übertreibungen an den Märkten", besonders im Bereich der US-Immobilien. Keine zwei Jahre später löste die sogenannte Subprime-Krise tatsächlich erhebliche Turbulenzen an den internationalen Bankplätzen aus.

Bei aller ökonomischer Expertise: als "Anpacker" gilt Papademos in seinem Heimatland nicht gerade. Er ist kein geborener Politiker, sucht nur selten das Rampenlicht. Bei Pressekonferenzen begnügte er sich als EZB-Vize meist mit einer passiven Rolle. Die "Börsen-Zeitung" charakterisierte Papademos anlässlich seines Abschieds von der Europäischen Zentralbank als peniblen Arbeiter, der für ein perfektes Resultat auch einmal einen Abgabetermin verstreichen ließ.

Böse Erinnerungen an die Euro-Einführung

In den Verhandlungen über seinen möglichen befristeten Krisenjob war Papademos zuletzt jedoch äußerst entschlossen aufgetreten: Er habe sich dafür ausgesprochen, den Termin für die am 19. Februar geplanten Neuwahlen auf März zu verschieben, heißt es in Athen. Die Übergangsregierung hätte sonst nicht ausreichend Zeit.

Aber würde man Papademos mehr Zeit einräumen? Kaum kursierten erste Gerüchte über ein Engagement Papademos', wurden Stimmen laut, dass eine solche Personalie auch zu einem Legitimationsproblem führe: Es stünde dann ein Banker an der Spitze Griechenlands - und kein Politiker.

Viele Griechen verbinden zudem nicht nur positive Erinnerungen mit Papademos. Als früherer Präsident der griechischen Zentralbank, der er von 1994 bis 2002 vorstand, war er maßgeblich an der Einführung des Euro in Griechenland beteiligt. Nach der Währungsumstellung stiegen die Preise damals deutlich: "Wenn ich an Papademos denke, dann denke ich vor allem daran, dass die Flasche Wasser am Kiosk einst 50 Drachmen gekostet hat, nach der Einführung des Euro kostete sie umgerechnet 170 Drachmen", sagte am Montag Georgios Vlachos, landesweit bekannter Reporter beim Rundfunksender Alpha Radio.

Papademos lehnte 2010 und 2011 dankend ab

Es ist bereits der dritte Anlauf, Papademos auf einen führenden Posten im griechischen Kabinett zu drängen - bisher hatte sich der Banker erfolgreich gewehrt. Eigentlich hätte er schon seit Juni 2011 als Finanzminister im Kabinett von Georgios Papandreou an einer Rettung der griechischen Staatsfinanzen arbeiten sollen. Damals lehnte er jedoch dankend ab. Stattdessen besetzte mit Evangelos Venizelos die "zweite Wahl" den wichtigen Posten. 2010 hatte Papandreou zuvor schon einmal vergeblich versucht, den Finanzexperten in sein Kabinett zu locken.

Schon als in der vergangenen Woche erste Meldungen über ein mögliches Engagement Papademos' die Runde machten, waren die Reaktionen im Land gespalten. Gegner des rigiden Sparkurses der bisherigen Regierung - und das ist die Mehrheit im Land - fürchten den Banker. Sie erwarten, dass er konsequent die Vorgaben von EU und IWF umsetzen wird, ohne die Bevölkerung zu schonen.



insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ProFußball21 10.11.2011
1. Endlich ein Banker an der Staatsmacht, endlich!
Ist doch toll. In Deutschland hatten sie doch auch schon einen dieser Herren als Staatsoberhaupt installiert, allerdings nur als Grüßonkel. Dass jetzt ein echter Banker in Griechenland drankommt und auch von der EU ermächtigt wird, könnte ja zynischerweise noch als "Verursacherprinzip" durchgehen. War es nicht Voltaire, der schon weiland davon sprach, dass, wenn ein Banker aus dem Fenster hupfe, man geflissentlich hinterherspringen möge, weil sich das bestimmt lohne? Führt Staaten endlich wie ein Unternehmen (Berlusconi hat ja schon gezeigt, wie das alles besser geht) und/oder wie Banken, die wissen schließlich, wie „es“ geht. Jetzt ist „Volksgemeinschaft statt Volksfront“ angesagt (ersatzweise „Große, resp. Allparteien-Koaliation“). Merkel et.al. fordern ja schon seit geraumer Zeit "marktkonforme politische Entscheidungen". An „demokratiekonforme Märkte“ denkt verständlicherweise niemand. Insoweit ist es nur konsequent, wenn jetzt das Kapital - in Person der Ackermänner dieser Welt - nicht nur in-, sondern ganz offiziell regiert, um den "Terror der Ökonomie" (Viviane Forrester) durchzusetzen. Die können das, ganz professionell, und sie können eben auch Bilanzen lesen: Welchen Nutzen etwa hat denn schon die Demokratie oder (das soziale) Leben, die nutzlos für den Profit sind? Hurra, es geht voran!
Nonvaio01 10.11.2011
2. Landsleute
Zitat von sysopSeine Karriere führte Loukas Papademos in höchste europäische Bankenkreise - nun steht er vor seiner schwersten Aufgabe: Als neuer Regierungschef muss er Griechenland vor dem Kollaps bewahren. Das Know-how*bringt er mit. Doch viele Landsleute haben ihn in äußerst schlechter Erinnerung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796401,00.html
Landsleute sind egal, die sind nur nervig, was zaehlt ist das die Banken Ihr Geld bekommen auf gedeih und verderb. Jemanden an die macht setzten ohne wahlen ist ein putsch und nichts weiter. Dann auch moch jemanden zu nehmen der von der EZB kommt ist einfach eine frechheit. Moechte wissen was in D los ist wenn das Maerkel weg ist und Ackermann dann kanzler ist ohne wahlen, mit der begruendung das Finanzen erstmal geregelt werden muessen. da wurde die Demokratie zu grabe getragen und Griechenland als Test genutzt um zu sehen wie es denn von der Bevoelkerung aufgenommen wird. Und unsere Presse hat nichts besseres zu tun als das als erfolg zu verkaufen? Eine echte Schande ist das.
saphara 10.11.2011
3. Super, die Sparmaßnahmen greifen schon durch!
Wie praktisch, da müssen die Griechen am Türschild des Ministerpräsidenten nur noch das "N" und "R" wegkratzen und statt "EOU" "MOS" anhängen. So haben Sie gleich gespart!!
wika 10.11.2011
4. Auch ihm kann es nicht gelingen …
… weil selbst er die Mathematik nicht außer Kraft setzen kann. Hier geht es um die „Guthabenkrise“, sprich das Gegenstück zur Schuldenkrise. Die Geldberge wuchern derzeit exponentiell und das kaputte Geldsystem, welches immer noch das maß der Dinge ist, wird ihm gar keine Chance lassen, egal wie sehr er Griechenland am Ende zu Tode sparen wird. Alles andere ist Kosmetik und Ablenkung. Er wird sich in Bälde in eine Reihe stellen können mit unserer Kanzlerin Merkel, die den ersten *Wirtschafts-Kriegsnobelpreis* am Rande von Cannes abgefischt hat … Link e (Realsatire) (http://qpress.de/2011/11/06/merkel-bekommt-ersten-wirtschafts-kriegsnobelpreis/). Laudator-Träller-Maxe war dabei Obama höchst selbst. Wenn Papademos seinen Job als Bock und Gärtner gut macht, dann wäre er allenfalls der nächste Aspirant für diese hohe Auszeichnung. Eine Gesundung Griechenlands wird jedoch nicht eher eintreten bis nicht diese kaputte Geldsystem kastriert ist.
chlorid 10.11.2011
5. Prima Sache
Zitat von Nonvaio01Landsleute sind egal, die sind nur nervig, was zaehlt ist das die Banken Ihr Geld bekommen auf gedeih und verderb. Jemanden an die macht setzten ohne wahlen ist ein putsch und nichts weiter. Dann auch moch jemanden zu nehmen der von der EZB kommt ist einfach eine frechheit. Moechte wissen was in D los ist wenn das Maerkel weg ist und Ackermann dann kanzler ist ohne wahlen, mit der begruendung das Finanzen erstmal geregelt werden muessen. da wurde die Demokratie zu grabe getragen und Griechenland als Test genutzt um zu sehen wie es denn von der Bevoelkerung aufgenommen wird. Und unsere Presse hat nichts besseres zu tun als das als erfolg zu verkaufen? Eine echte Schande ist das.
Wieso? Ich bin von der Entscheidung begeistert. Jemand, der etwas von der Sache versteht, ist mir lieber, als wieder einer dieser ahnungslosen Politiker. Undemokratisch finde ich das auch nicht. Das Volk hat gewählt und darf demnächst wieder wählen. Jetzt musste schnell eine Übergangslösung gefunden werden. Prima. Die Schuldenkrise entfaltet ihre reinigende Wirkung. Berlusconi ist auch schon gefallen, was will man mehr? So ist das eben bei uns Menschen: Es muss erst richtig krachen, damit sich was ändert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.