Aus Tobruk berichtet Matthias Gebauer
Wie brutal sich der taumelnde Gaddafi gegen den Volksaufstand wehrt, hat Mustafa in den letzten Tagen dokumentiert. Mehrere Tage lang hat der Arzt aus Tobruk in einer Klinik in Bengasi ausgeholfen, wo die Auseinandersetzung mit dem Regime besonders heftig tobte. 24 Stunden am Tag, berichtet er, seien schwerverletzte und verwundete Demonstranten in das Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ärzte operierten rund um die Uhr. "Es waren Szenen wie im Krieg", sagt er, "wir mussten schnell entscheiden, wem wir überhaupt noch helfen konnten und wen wir gleich aufgeben." Um die 70 Tote habe er selber gesehen. Vermutlich aber seien es noch sehr viel mehr gewesen.
In seinen kurzen Arbeitspausen hat Mustafa mit seinem Smartphone gefilmt. Nun flackern die Bilder auf einem Flachbild-TV in einem der Hotels von Tobruk. Die verwackelten Szenen sind verstörend. Penibel hat Mustafa in der Leichenhalle des Krankenhauses die Toten gefilmt. Mehrere von ihnen haben Kopfschüsse, direkt zwischen den Augen. Die Aufnahmen, von denen es mittlerweile viele gibt, belegen, dass die Gerüchte über Scharfschützen, die gegen die Demonstranten eingesetzt werden, wahr sind. "Gaddafi hat seinem eigenen Volk den Krieg erklärt", sagt Mustafa, "jeden Tag begehen seine Getreuen Kriegsverbrechen gegen uns, und die gesamte Welt schaut tatenlos zu."
Mustafa fleht die anwesenden Fernsehjournalisten an, die Bilder auch im Westen zu verbreiten. Dort, sagt er, müssten die Regierungen endlich begreifen, dass das libysche Volk dringend Hilfe brauche. Er lässt ein anderes Video laufen. Vor dem Krankenhaus sind mehrere Jeeps zu sehen. Auf ihnen afrikanische Söldner in verschiedenen Uniformen, die durch eine Ansammlung von Menschen fahren. Immer wieder schießen sie in die Luft - aber auch auf die Demonstranten.
Nicht nur für Mustafa sind diese Bilder der Beleg, dass Gaddafi - nachdem große Teile der Armee zu den Regimegegnern übergelaufen sind - tatsächlich Tausende skrupelloser Söldner ins Land gebracht hat, um den Protest mit tödlicher Gewalt niederzuringen.
Das Regime will nicht aufgeben
Das Regime, so angeschlagen es auch sein mag, versucht weiter alles, die Veröffentlichung solcher Aufnahmen zu verhindern. Düster drohte am Mittwoch einer der letzten Gaddafi-Minister, die dem Despoten noch nicht den Rücken gekehrt haben, alle Journalisten im Land seien illegal dort und müssten mit drakonischen Strafen rechnen. Mit bisher unbekannten technischen Mitteln stört das Regime zudem seit Tagen die Datensatelliten, mit denen Fernsehteams und Print-Journalisten ihre Berichte aus dem Land in die Heimatredaktionen schicken. Bisher ist es meist noch gelungen, eine Verbindung herzustellen.
So intensiv wie Gaddafi hat wohl zuvor nur Saddam Hussein im Irak versucht, die Wahrheit über sein Land zu zensieren.
Im Westen des Landes, im Machtzentrum Tripolis und in den angrenzenden Städten, funktioniert der Abschottungsapparat zumindest noch teilweise. Westliche Journalisten sind hier noch nicht angekommen. Bisher gibt es nur Augenzeugenberichte von brutalen Angriffen auf die Proteste. An der westlichen Grenze des Landes suchen die libyschen Grenzwächter die Tausenden Flüchtlinge intensiv nach Speicherkarten und Mobiltelefonen ab, sie sollen die Bilder des Grauens nicht zu den Reportern hinter der Grenze bringen. Gleichwohl gelingt es Einzelnen, ihre Zeugnisse von brutalen Aktionen des Staats gegen die eigenen Bürger öffentlich zu machen.
Für Freitag befürchten die Regimegegner einen neuen Höhepunkt der Gewalt. In der Hauptstadt Tripolis haben sie zu einer Großdemonstration aufgerufen. Schon jetzt sind wohl deswegen Tausende Söldner rund um die Stadt postiert, immer neue Gruppen von ihnen beziehen in der Stadt Stellungen und gehen gegen Menschenansammlungen vor. Mit einem letzten brutalen Gegenschlag, das jedenfalls befürchten die Oppositions-Komitees im Osten des Landes, will sich Gaddafi möglicherweise ein letztes Mal gegen die Revolte aufbäumen.
Gerade weil der Diktator weiß, dass seine Zeit gekommen ist, scheint er die letzten Skrupel endgültig abgelegt zu haben.
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