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24. Februar 2011, 20:02 Uhr

Despotendämmerung in Libyen

Zeugen entlarven Gräuelherrschaft

Aus Tobruk berichtet

Gaddafi wankt, und die Welt bekommt erste Einblicke in die Schattenwelt des Despoten. Gefangene berichten von Folterhaft, Basen der Armee stehen offen, und Bürger zeigen ihre heimlich aufgenommenen Fotos und Videos. Es sind Zeugnisse grässlicher Verbrechen des Regimes gegen das eigene Volk.

Haddud kennt die Zelle gut, sagt er, jeden Winkel. Mehrfach war er hier über Wochen in Gefangenschaft. "Wir nannten das die Kammer der Dunkelheit", berichtet der 50-jährige Libyer. Eigentlich schreit er die ganze Zeit, gestikuliert wild herum. Nur wenige kleine Öffnungen ließen Lichtstrahlen in dieses Loch fallen, erzählt er. An den Wänden, sagt der bullige Mann, hätten ihn die Schergen von Muammar al-Gaddafi mit Handschellen angekettet. Nur für die stundenlangen Verhöre wurde er in einen anderen Raum gebracht. Seine Stimme überschlägt sich immer wieder, es ist ihm ein bisschen peinlich, dass er als erwachsener Mann Tränen in den Augen hat.

Haddud läuft durch die Gänge des Knasts von Tobruk in Ost-Libyen. Die Polizeiwache mit angeschlossenem Gefängnis war eins der ersten Gebäude, das die Aufständischen vor rund einer Woche gestürmt haben. Haddud war dabei. Innerhalb von einer halben Stunde, erzählt er, hätten Hunderte Bürger das zweistöckige Gebäude am zentralen Platz der Hafenstadt verwüstet, alle Gefangenen aus ihren Zellen geholt - und dann alles angesteckt. Der Ruß des Feuers hat die Gänge geschwärzt. Es riecht nach verbranntem Plastik, überall stehen die Skelette von Stühlen. "Al-Gaddafi over" hat jemand mit seinem Finger in den Ruß geschrieben.

Haddud schreit in seiner Wut weiter. Dreimal, sagt der Geschichtslehrer, sei er von der Polizei festgenommen worden. Warum, weiß er bis heute nicht. "Sie stellten mir immer die gleichen Fragen, ob ich mit Ausländern zusammenarbeite", sagt er. "Sie behaupteten, ich hätte die Schüler mit Propaganda gegen die Regierung aufhetzen wollen." Beim letzten Mal hätten ihn die Polizisten nach den ersten Vernehmungen nach Bengasi gebracht, die nächste größere Stadt. Dort saß er sechs Jahre im Gefängnis, ohne Prozess, ohne jeden Kontakt zu seiner Familie. Als er freigelassen wurde, konnte er nicht mehr als Lehrer arbeiten. "Das Einzige, was ich noch tun konnte, war Taxi fahren", sagt er.

"Die Spitze des Regimes muss büßen"

Die Wut Haddud und vieler andere Opfer des Überwachungsstaats von Muammar al-Gaddafi hat sich an der Polizeiwache entladen, diesem Symbol der Unterdrückung. Im Innenhof stehen Dutzende ausgebrannte Polizeifahrzeuge, angesteckt von einem wütenden Mob. Die Polizisten selbst, erinnert sich Haddud, seien schon Stunden zuvor geflüchtet. "Wir werden Einzelne nicht zur Rechenschaft ziehen", sagt ein vermummter Bewaffneter, "doch die an der Spitze des Regimes, sie müssen einfach büßen." Muammar al-Gaddafi, das ist für viele der Aufständischen klar, müsse mit dem Leben für seine Taten bezahlen.

Wie das Regime des Despoten funktioniert hat, es wird nun langsam sichtbar. Über die ägyptische Grenze, wo die Sicherheitsbehörden Libyens vor einigen Tagen abrupt die Flucht ergriffen, gelangen Journalisten in den abgeschotteten Wüstenstaat und dringen immer weiter ins Land vor. Die Geschichten von Haddud und Tausenden anderer Libyer entlarven Gaddafis Regime. Sie zeigen, dass der Despot - trotz seiner scheinbaren Läuterung Mitte der neunziger Jahre - im eigenen Land keineswegs Milde gezeigt hat. Und dass er derzeit mit allen Mitteln versucht, die Rebellion niederzuschlagen.

Im Osten des Landes haben die Sicherheitsbehörden bereits aufgegeben. Vor der riesigen Nasr-Armeebasis in Tobruk kontrollieren vermummte Bewaffnete der Rebellen den Zugang auf das Flugfeld. Aus den Waffenkammern haben sich die jungen Männer mit Gewehren und Handgranaten eingedeckt, sie haben hier die Macht übernommen.

Die Soldaten, die früher auf der Basis lebten, sind geflüchtet. Vor einem Kampfjet der libyschen Armee posieren nun die jungen Guerilla-Einheiten für Fotos, sie schwenken ihre Waffen. "Wir werden diese Basis bewachen, bis wir eine frei gewählte Regierung haben", sagen sie, "kommen die Gaddafi-Einheiten zurück, kämpfen wir bis zum letzten Mann."

Die Scharfschützen töten per Kopfschuss - direkt zwischen die Augen

Wie brutal sich der taumelnde Gaddafi gegen den Volksaufstand wehrt, hat Mustafa in den letzten Tagen dokumentiert. Mehrere Tage lang hat der Arzt aus Tobruk in einer Klinik in Bengasi ausgeholfen, wo die Auseinandersetzung mit dem Regime besonders heftig tobte. 24 Stunden am Tag, berichtet er, seien schwerverletzte und verwundete Demonstranten in das Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ärzte operierten rund um die Uhr. "Es waren Szenen wie im Krieg", sagt er, "wir mussten schnell entscheiden, wem wir überhaupt noch helfen konnten und wen wir gleich aufgeben." Um die 70 Tote habe er selber gesehen. Vermutlich aber seien es noch sehr viel mehr gewesen.

In seinen kurzen Arbeitspausen hat Mustafa mit seinem Smartphone gefilmt. Nun flackern die Bilder auf einem Flachbild-TV in einem der Hotels von Tobruk. Die verwackelten Szenen sind verstörend. Penibel hat Mustafa in der Leichenhalle des Krankenhauses die Toten gefilmt. Mehrere von ihnen haben Kopfschüsse, direkt zwischen den Augen. Die Aufnahmen, von denen es mittlerweile viele gibt, belegen, dass die Gerüchte über Scharfschützen, die gegen die Demonstranten eingesetzt werden, wahr sind. "Gaddafi hat seinem eigenen Volk den Krieg erklärt", sagt Mustafa, "jeden Tag begehen seine Getreuen Kriegsverbrechen gegen uns, und die gesamte Welt schaut tatenlos zu."

Mustafa fleht die anwesenden Fernsehjournalisten an, die Bilder auch im Westen zu verbreiten. Dort, sagt er, müssten die Regierungen endlich begreifen, dass das libysche Volk dringend Hilfe brauche. Er lässt ein anderes Video laufen. Vor dem Krankenhaus sind mehrere Jeeps zu sehen. Auf ihnen afrikanische Söldner in verschiedenen Uniformen, die durch eine Ansammlung von Menschen fahren. Immer wieder schießen sie in die Luft - aber auch auf die Demonstranten.

Nicht nur für Mustafa sind diese Bilder der Beleg, dass Gaddafi - nachdem große Teile der Armee zu den Regimegegnern übergelaufen sind - tatsächlich Tausende skrupelloser Söldner ins Land gebracht hat, um den Protest mit tödlicher Gewalt niederzuringen.

Das Regime will nicht aufgeben

Das Regime, so angeschlagen es auch sein mag, versucht weiter alles, die Veröffentlichung solcher Aufnahmen zu verhindern. Düster drohte am Mittwoch einer der letzten Gaddafi-Minister, die dem Despoten noch nicht den Rücken gekehrt haben, alle Journalisten im Land seien illegal dort und müssten mit drakonischen Strafen rechnen. Mit bisher unbekannten technischen Mitteln stört das Regime zudem seit Tagen die Datensatelliten, mit denen Fernsehteams und Print-Journalisten ihre Berichte aus dem Land in die Heimatredaktionen schicken. Bisher ist es meist noch gelungen, eine Verbindung herzustellen.

So intensiv wie Gaddafi hat wohl zuvor nur Saddam Hussein im Irak versucht, die Wahrheit über sein Land zu zensieren.

Im Westen des Landes, im Machtzentrum Tripolis und in den angrenzenden Städten, funktioniert der Abschottungsapparat zumindest noch teilweise. Westliche Journalisten sind hier noch nicht angekommen. Bisher gibt es nur Augenzeugenberichte von brutalen Angriffen auf die Proteste. An der westlichen Grenze des Landes suchen die libyschen Grenzwächter die Tausenden Flüchtlinge intensiv nach Speicherkarten und Mobiltelefonen ab, sie sollen die Bilder des Grauens nicht zu den Reportern hinter der Grenze bringen. Gleichwohl gelingt es Einzelnen, ihre Zeugnisse von brutalen Aktionen des Staats gegen die eigenen Bürger öffentlich zu machen.

Für Freitag befürchten die Regimegegner einen neuen Höhepunkt der Gewalt. In der Hauptstadt Tripolis haben sie zu einer Großdemonstration aufgerufen. Schon jetzt sind wohl deswegen Tausende Söldner rund um die Stadt postiert, immer neue Gruppen von ihnen beziehen in der Stadt Stellungen und gehen gegen Menschenansammlungen vor. Mit einem letzten brutalen Gegenschlag, das jedenfalls befürchten die Oppositions-Komitees im Osten des Landes, will sich Gaddafi möglicherweise ein letztes Mal gegen die Revolte aufbäumen.

Gerade weil der Diktator weiß, dass seine Zeit gekommen ist, scheint er die letzten Skrupel endgültig abgelegt zu haben.

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