Despotendämmerung in Libyen Zeugen entlarven Gräuelherrschaft

Gaddafi wankt, und die Welt bekommt erste Einblicke in die Schattenwelt des Despoten. Gefangene berichten von Folterhaft, Basen der Armee stehen offen, und Bürger zeigen ihre heimlich aufgenommenen Fotos und Videos. Es sind Zeugnisse grässlicher Verbrechen des Regimes gegen das eigene Volk.

Aus Tobruk berichtet

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Haddud kennt die Zelle gut, sagt er, jeden Winkel. Mehrfach war er hier über Wochen in Gefangenschaft. "Wir nannten das die Kammer der Dunkelheit", berichtet der 50-jährige Libyer. Eigentlich schreit er die ganze Zeit, gestikuliert wild herum. Nur wenige kleine Öffnungen ließen Lichtstrahlen in dieses Loch fallen, erzählt er. An den Wänden, sagt der bullige Mann, hätten ihn die Schergen von Muammar al-Gaddafi mit Handschellen angekettet. Nur für die stundenlangen Verhöre wurde er in einen anderen Raum gebracht. Seine Stimme überschlägt sich immer wieder, es ist ihm ein bisschen peinlich, dass er als erwachsener Mann Tränen in den Augen hat.

Haddud läuft durch die Gänge des Knasts von Tobruk in Ost-Libyen. Die Polizeiwache mit angeschlossenem Gefängnis war eins der ersten Gebäude, das die Aufständischen vor rund einer Woche gestürmt haben. Haddud war dabei. Innerhalb von einer halben Stunde, erzählt er, hätten Hunderte Bürger das zweistöckige Gebäude am zentralen Platz der Hafenstadt verwüstet, alle Gefangenen aus ihren Zellen geholt - und dann alles angesteckt. Der Ruß des Feuers hat die Gänge geschwärzt. Es riecht nach verbranntem Plastik, überall stehen die Skelette von Stühlen. "Al-Gaddafi over" hat jemand mit seinem Finger in den Ruß geschrieben.

Haddud schreit in seiner Wut weiter. Dreimal, sagt der Geschichtslehrer, sei er von der Polizei festgenommen worden. Warum, weiß er bis heute nicht. "Sie stellten mir immer die gleichen Fragen, ob ich mit Ausländern zusammenarbeite", sagt er. "Sie behaupteten, ich hätte die Schüler mit Propaganda gegen die Regierung aufhetzen wollen." Beim letzten Mal hätten ihn die Polizisten nach den ersten Vernehmungen nach Bengasi gebracht, die nächste größere Stadt. Dort saß er sechs Jahre im Gefängnis, ohne Prozess, ohne jeden Kontakt zu seiner Familie. Als er freigelassen wurde, konnte er nicht mehr als Lehrer arbeiten. "Das Einzige, was ich noch tun konnte, war Taxi fahren", sagt er.

"Die Spitze des Regimes muss büßen"

Die Wut Haddud und vieler andere Opfer des Überwachungsstaats von Muammar al-Gaddafihat sich an der Polizeiwache entladen, diesem Symbol der Unterdrückung. Im Innenhof stehen Dutzende ausgebrannte Polizeifahrzeuge, angesteckt von einem wütenden Mob. Die Polizisten selbst, erinnert sich Haddud, seien schon Stunden zuvor geflüchtet. "Wir werden Einzelne nicht zur Rechenschaft ziehen", sagt ein vermummter Bewaffneter, "doch die an der Spitze des Regimes, sie müssen einfach büßen." Muammar al-Gaddafi, das ist für viele der Aufständischen klar, müsse mit dem Leben für seine Taten bezahlen.

Wie das Regime des Despoten funktioniert hat, es wird nun langsam sichtbar. Über die ägyptische Grenze, wo die Sicherheitsbehörden Libyens vor einigen Tagen abrupt die Flucht ergriffen, gelangen Journalisten in den abgeschotteten Wüstenstaat und dringen immer weiter ins Land vor. Die Geschichten von Haddud und Tausenden anderer Libyer entlarven Gaddafis Regime. Sie zeigen, dass der Despot - trotz seiner scheinbaren Läuterung Mitte der neunziger Jahre - im eigenen Land keineswegs Milde gezeigt hat. Und dass er derzeit mit allen Mitteln versucht, die Rebellion niederzuschlagen.

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Aufstand in Libyen: Gaddafi kämpft um seine letzten Bastionen
Im Osten des Landes haben die Sicherheitsbehörden bereits aufgegeben. Vor der riesigen Nasr-Armeebasis in Tobruk kontrollieren vermummte Bewaffnete der Rebellen den Zugang auf das Flugfeld. Aus den Waffenkammern haben sich die jungen Männer mit Gewehren und Handgranaten eingedeckt, sie haben hier die Macht übernommen.

Die Soldaten, die früher auf der Basis lebten, sind geflüchtet. Vor einem Kampfjet der libyschen Armee posieren nun die jungen Guerilla-Einheiten für Fotos, sie schwenken ihre Waffen. "Wir werden diese Basis bewachen, bis wir eine frei gewählte Regierung haben", sagen sie, "kommen die Gaddafi-Einheiten zurück, kämpfen wir bis zum letzten Mann."



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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
newliberal 24.02.2011
1. Nur mal so zur Erinnerung !
Hätte man damals das Problem Gaddafi gelöst wären dem lybischen Volk weitere 15 Jahre mit diesem Irren erspart geblieben. Gaddafi entkam damals nur denkbar knapp seiner Exekution. Ach ja, der damalige Präsident war der damalige Lieblingsgegner der Gutmenschen hierzulande "Sonne statt Reagan" und "Petting statt Pershing"- damals wie heute noch völlig realitätsfremd aber dafür "Gut" http://news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/april/15/newsid_3975000/3975455.stm
demophon 24.02.2011
2. Genozid stoppen
Die Ereignisse in Libyen erinnern an das Massaker von Srebrenica. Damals ist der Westen dafür gescholten worden, weil er diese Gräueltat nicht verhindert hat. Nun muss jemand den Genozid in Libyen stoppen. Wenn es die Ägypter oder Algerier nicht tun, muss Europa handeln.
Gertrud Stamm-Holz 24.02.2011
3. irak
Zitat von sysopGaddafi wankt, und die Welt bekommt erste Einblicke in die Schattenwelt des Despoten. Gefangene berichten von Folterhaft, Basen der Armee stehen offen, und Bürger zeigen ihre heimlich aufgenommenen Fotos und Videos. Es sind Zeugnisse grässlicher Verbrechen des Regimes gegen das eigene Volk. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747565,00.html
Im Irak ist es genauso zugegangen. Was aber irgendwie nie so wirklich publik geworden ist.
simonlange 24.02.2011
4. your prob not ours
Zitat von sysopGaddafi wankt, und die Welt bekommt erste Einblicke in die Schattenwelt des Despoten. Gefangene berichten von Folterhaft, Basen der Armee stehen offen, und Bürger zeigen ihre heimlich aufgenommenen Fotos und Videos. Es sind Zeugnisse grässlicher Verbrechen des Regimes gegen das eigene Volk. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747565,00.html
Warum sollte der Westen eingreifen? Um am Ende wieder der Böse zu sein und ein Saddam ähh Gaddafi ist am Ende wieder dank Verklärung der "Gute"? Sie können ja bei der arabischen Liga anfragen...
Fischstaebchen 24.02.2011
5. ...
Zitat von newliberalHätte man damals das Problem Gaddafi gelöst wären dem lybischen Volk weitere 15 Jahre mit diesem Irren erspart geblieben. Gaddafi entkam damals nur denkbar knapp seiner Exekution. Ach ja, der damalige Präsident war der damalige Lieblingsgegner der Gutmenschen hierzulande "Sonne statt Reagan" und "Petting statt Pershing"- damals wie heute noch völlig realitätsfremd aber dafür "Gut" http://news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/april/15/newsid_3975000/3975455.stm
Über das ständige Lamentieren über "Gutmenschen" könnte ich hier mittlerweile nur noch Kotzen. Klar, sie haben es schon vor 15 Jahren gewusst - nur hat niemand auf Sie gehört. Und jetzt der Friedensbewegung indirekt Schuld an den heutigen Greultaten zu geben... Sind schon ein toller Hecht.
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