Von Stefan Simons, Paris
Sein Antrittsbesuch gleicht einer Wahlkampftournee: erst ein Vortrag vor erlesenem Publikum im Berliner Adlon-Hotel ("Deutschland und Frankreich im neuen Europa"), ein Tête-à-tête mit Kanzlerin Angela Merkel und für die breite Öffentlichkeit noch ein ausführliches Fernsehinterview in der "Tagesschau". Frankreichs Premier Jean-Marc Ayrault sorgt bei seiner Deutschlandreise am Donnerstag dafür, dass seine Botschaft für innigere Zusammenarbeit breit gestreut wird - und hoffentlich auch ankommt.
Ayrault will schlichten, vermitteln und erklären. Das tut Not. Denn Ayraults Visite fällt in einen deutsch-französischen Herbst, der durch Spannungen, Missverständnisse und Konflikte geprägt ist. Sechs Monate nach dem Amtsantritt der sozialistischen Regierung mühen sich Präsident François Hollande und Kanzlerin Merkel noch immer um eine halbwegs umgängliche Arbeitsatmosphäre.
Gewiss, auch mit Vorgänger Nicolas Sarkozy gab es anfangs Schwierigkeiten, aber der Politiker gehörte immerhin zum selben politischen Lager wie die Kanzlerin. Doch ausgerechnet zum 50. Jahrestag der Elysée-Verträge, die die Ära deutsch-französischer Freundschaft begründeten, verdichten sich die Sorgen um die Zukunft des Tandems Berlin-Paris: Der linke Hollande gilt in Berlin als undurchsichtig und dogmatisch, in Paris hingegen steht die Deutsche in dem Ruf, sie sei unsolidarisch und kompromisslos - eine "Frau aus Marmor".
Der Zwist begann vor Hollandes Amtsantritt
Die Schieflage begann, noch bevor François Hollande im Elysée einzog. Während des Wahlkampfs verkündete der Sozialist vollmundig, er werde den langwierig erörterten Euro-Vertrag "nachverhandeln" und irritierte damit Diplomaten in Berlin wie Brüssel. Noch am Tag der Amtseinführung besuchte Hollande die Kanzlerin, wie es üblich ist. Doch trotz wiederholter Treffen, Gesprächen und Verhandlungen blieb es oft bei "einem lautstarken Dialog von Taubstummen", hämte das konservative Blatt "Le Figaro".
Vieles trennt die beiden Politiker: Die Kanzlerin ist überzeugt, dass die Euro-Länder einer "neuen politischen Architektur" bedürfen, um dauerhafte Stabilität herzustellen. Der Präsident will, dass die Entscheidungen von demokratisch gewählten Mandatsträgern getroffen werden, nicht von einer EU-Verwaltung. Merkels Idee, ein Kontrolleur aus Brüssel würde Frankreichs Budget überprüfen, lehnte Hollande rundweg ab. Und während die Deutschen stets besorgt sind über den Ausbruch einer galoppierenden Inflation, warnte Ayrault in Berlin vor Deflation: "Europas Wirtschaft muss auch wachsen."
Als wären derartige Widersprüche nicht schon genug, wird das diplomatische Reizklima noch durch kolportierte Kritik und bissige Bemerkungen verschärft. Deutsche Sorgen um Frankreichs Arbeitslosenzahlen, Wettbewerbsfähigkeit und Schuldenstand wurden in Paris bisweilen als Bosheit empfunden, wenn etwa die "Bild"-Zeitung fragte: "Wird Frankreich das neue Griechenland?" Und Kommentare des deutschen Ex-Kanzlers Gerhard Schröder ("Die Wahlkampfversprechen des französischen Präsidenten werden sich an der ökonomischen Situation brechen") wurden als billige Beckmesserei gewertet. Auch Ayrault selbst bleibt da nicht immer diplomatisch: "Frankreich braucht keine Lektionen", betont er.
Empfindlichkeiten gibt es auch auf deutscher Seite: Angela Merkel ist irritiert, weil Hollande immer wieder darauf hinwies, die Zerwürfnisse mit der Kanzlerin seien durch den "unterschiedlichen Wahlkampfkalender" bestimmt - so als richteten sich die Argumente der Deutschen einzig und allein nach der im nächsten Jahr anstehenden Bundestagswahl. Derartige Sticheleien erwiesen sich als kontraproduktiv.
"Im Moment reicht das Verständnis vielleicht nicht aus"
Es ist eine Menge Ballast im Gepäck von Deutschlandkenner Ayrault, der sich in Berlin eine Portion "gegenseitigen Respekt" ausbat und im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" konstatierte: "Im Moment reicht das Verständnis vielleicht nicht aus."
Wenn einer in dieser diplomatisch-menschlichen Beziehungskiste aufräumen kann, dann ist es Jean-Marc Ayrault. Der Franzose - empfangen mit dem ganzen militärischen Protokoll, das einem Regierungschef zusteht - war nämlich ursprünglich Deutschlehrer: Sprachkundig und germanophil, kennt Ayrault nicht nur die Interessenskonflikte, sondern auch die Unterschiede in der politischen Kultur.
Dabei gibt es durchaus Fortschritte. Erleichtert wird in Berlin wahrgenommen, dass Hollande mit seiner Wende vom Sozialisten zum Sozialdemokraten freundliche Worte für Unternehmer findet, sich für mehr Wettbewerb und eine angebotsorientierte Wirtschaft stark macht. "Die Rückkehr zu Wirtschaftswachstum und die Senkung der Arbeitslosigkeit sind unser Kompass", erläuterte Ayrault den Kurs seines Präsidenten.
In der Außenpolitik sind sich Berlin und Paris ebenfalls einig, auch wenn die Franzosen - Beispiel: Anerkennung von Syriens Opposition - gerne mal mit einem Solo-Auftritt vorpreschen. Dennoch hat sich Deutschland auch in der Frage um den Mali-Einsatz hinter Frankreich gestellt, eine Haltung, die die Diplomaten am Quai d'Orsay mit Befriedigung zur Kenntnis nahmen.
Bleibt das Atmosphärische: Und hier nutzte Lehrer Ayrault seine intensiven Deutschstunden, um die Partner jenseits des Rheins zu beruhigen. Die pädagogische Übung in Berlin muss der Premierminister freilich noch einmal wiederholen - nach seiner Rückkehr in Paris.
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