Frankreichs Premier Ayrault in Berlin: Deutschstunde

Von , Paris

Euro-Krise, Zank ums Geld, öffentliche Sticheleien - es stand schon besser um die deutsch-französische Freundschaft. Nun soll Frankreichs Premier Ayrault bei seiner Antrittsvisite in Berlin die angeschlagene Beziehung zwischen Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel kitten.

Politiker Ayrault, Merkel: Schlichten, vermitteln, erklären Zur Großansicht
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Politiker Ayrault, Merkel: Schlichten, vermitteln, erklären

Sein Antrittsbesuch gleicht einer Wahlkampftournee: erst ein Vortrag vor erlesenem Publikum im Berliner Adlon-Hotel ("Deutschland und Frankreich im neuen Europa"), ein Tête-à-tête mit Kanzlerin Angela Merkel und für die breite Öffentlichkeit noch ein ausführliches Fernsehinterview in der "Tagesschau". Frankreichs Premier Jean-Marc Ayrault sorgt bei seiner Deutschlandreise am Donnerstag dafür, dass seine Botschaft für innigere Zusammenarbeit breit gestreut wird - und hoffentlich auch ankommt.

Ayrault will schlichten, vermitteln und erklären. Das tut Not. Denn Ayraults Visite fällt in einen deutsch-französischen Herbst, der durch Spannungen, Missverständnisse und Konflikte geprägt ist. Sechs Monate nach dem Amtsantritt der sozialistischen Regierung mühen sich Präsident François Hollande und Kanzlerin Merkel noch immer um eine halbwegs umgängliche Arbeitsatmosphäre.

Gewiss, auch mit Vorgänger Nicolas Sarkozy gab es anfangs Schwierigkeiten, aber der Politiker gehörte immerhin zum selben politischen Lager wie die Kanzlerin. Doch ausgerechnet zum 50. Jahrestag der Elysée-Verträge, die die Ära deutsch-französischer Freundschaft begründeten, verdichten sich die Sorgen um die Zukunft des Tandems Berlin-Paris: Der linke Hollande gilt in Berlin als undurchsichtig und dogmatisch, in Paris hingegen steht die Deutsche in dem Ruf, sie sei unsolidarisch und kompromisslos - eine "Frau aus Marmor".

Der Zwist begann vor Hollandes Amtsantritt

Die Schieflage begann, noch bevor François Hollande im Elysée einzog. Während des Wahlkampfs verkündete der Sozialist vollmundig, er werde den langwierig erörterten Euro-Vertrag "nachverhandeln" und irritierte damit Diplomaten in Berlin wie Brüssel. Noch am Tag der Amtseinführung besuchte Hollande die Kanzlerin, wie es üblich ist. Doch trotz wiederholter Treffen, Gesprächen und Verhandlungen blieb es oft bei "einem lautstarken Dialog von Taubstummen", hämte das konservative Blatt "Le Figaro".

Vieles trennt die beiden Politiker: Die Kanzlerin ist überzeugt, dass die Euro-Länder einer "neuen politischen Architektur" bedürfen, um dauerhafte Stabilität herzustellen. Der Präsident will, dass die Entscheidungen von demokratisch gewählten Mandatsträgern getroffen werden, nicht von einer EU-Verwaltung. Merkels Idee, ein Kontrolleur aus Brüssel würde Frankreichs Budget überprüfen, lehnte Hollande rundweg ab. Und während die Deutschen stets besorgt sind über den Ausbruch einer galoppierenden Inflation, warnte Ayrault in Berlin vor Deflation: "Europas Wirtschaft muss auch wachsen."

Als wären derartige Widersprüche nicht schon genug, wird das diplomatische Reizklima noch durch kolportierte Kritik und bissige Bemerkungen verschärft. Deutsche Sorgen um Frankreichs Arbeitslosenzahlen, Wettbewerbsfähigkeit und Schuldenstand wurden in Paris bisweilen als Bosheit empfunden, wenn etwa die "Bild"-Zeitung fragte: "Wird Frankreich das neue Griechenland?" Und Kommentare des deutschen Ex-Kanzlers Gerhard Schröder ("Die Wahlkampfversprechen des französischen Präsidenten werden sich an der ökonomischen Situation brechen") wurden als billige Beckmesserei gewertet. Auch Ayrault selbst bleibt da nicht immer diplomatisch: "Frankreich braucht keine Lektionen", betont er.

Empfindlichkeiten gibt es auch auf deutscher Seite: Angela Merkel ist irritiert, weil Hollande immer wieder darauf hinwies, die Zerwürfnisse mit der Kanzlerin seien durch den "unterschiedlichen Wahlkampfkalender" bestimmt - so als richteten sich die Argumente der Deutschen einzig und allein nach der im nächsten Jahr anstehenden Bundestagswahl. Derartige Sticheleien erwiesen sich als kontraproduktiv.

"Im Moment reicht das Verständnis vielleicht nicht aus"

Es ist eine Menge Ballast im Gepäck von Deutschlandkenner Ayrault, der sich in Berlin eine Portion "gegenseitigen Respekt" ausbat und im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" konstatierte: "Im Moment reicht das Verständnis vielleicht nicht aus."

Wenn einer in dieser diplomatisch-menschlichen Beziehungskiste aufräumen kann, dann ist es Jean-Marc Ayrault. Der Franzose - empfangen mit dem ganzen militärischen Protokoll, das einem Regierungschef zusteht - war nämlich ursprünglich Deutschlehrer: Sprachkundig und germanophil, kennt Ayrault nicht nur die Interessenskonflikte, sondern auch die Unterschiede in der politischen Kultur.

Dabei gibt es durchaus Fortschritte. Erleichtert wird in Berlin wahrgenommen, dass Hollande mit seiner Wende vom Sozialisten zum Sozialdemokraten freundliche Worte für Unternehmer findet, sich für mehr Wettbewerb und eine angebotsorientierte Wirtschaft stark macht. "Die Rückkehr zu Wirtschaftswachstum und die Senkung der Arbeitslosigkeit sind unser Kompass", erläuterte Ayrault den Kurs seines Präsidenten.

In der Außenpolitik sind sich Berlin und Paris ebenfalls einig, auch wenn die Franzosen - Beispiel: Anerkennung von Syriens Opposition - gerne mal mit einem Solo-Auftritt vorpreschen. Dennoch hat sich Deutschland auch in der Frage um den Mali-Einsatz hinter Frankreich gestellt, eine Haltung, die die Diplomaten am Quai d'Orsay mit Befriedigung zur Kenntnis nahmen.

Bleibt das Atmosphärische: Und hier nutzte Lehrer Ayrault seine intensiven Deutschstunden, um die Partner jenseits des Rheins zu beruhigen. Die pädagogische Übung in Berlin muss der Premierminister freilich noch einmal wiederholen - nach seiner Rückkehr in Paris.

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1. Paris und Berlin...
glücklicher südtiroler 15.11.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Zank ums Geld, öffentliche Sticheleien - es stand schon besser um die deutsch-französische Freundschaft. Nun soll Frankreichs Premier Ayrault bei seiner Antrittsvisite in Berlin die angeschlagene Beziehung zwischen Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel kitten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsch-franzoesische-beziehung-jean-marc-ayrault-besucht-merkel-a-867507.html
Man kann es drehen und wenden wie man will; man kann aber nicht die Probleme wegreden oder einfach negieren. Die Französischen Zahlen sind nicht nicht so viel schöner wie die einiger Krisenländer. Die Wirtschaft stockt und viele in der Vergangenheit gemachte Fehler bringt die Krise nun an die Oberfläche. Es geht um grundsätzlich unterschiedliche Konzepte wie die Krise zu meistern ist. Die Austeritätspolitik Deutschlands beginnt nun auf das Land zurückzufallen. Es gibt mittlerweile kein 'Irgendwoanders' mehr wohin man hinexportieren könne und das die wichtigen traditionellen europäischen Märkte zu ersetzen imstande ist. Die gestrigen Streiks haben gezeigt daß die Menschen nicht mehr können und hohe zweistellige Arbeitslosenraten nicht mehr zu bewältigen sind. Hollande wird gestern wohl nachdenklich die Nachrichten gesehen haben und wohl zum Schluss gekommen sein daß sein land bald auch so aussehen könnte. Es braucht eine neue Politik für mehr Wachstum und mehr Ausgleich; dies hat man in Berlin wohl auch erkannt. Zumal die Mittelständische Industrie immer härter getroffen wird und diese vielfach auf nahe Märkte angewiesen sind. Und; verlieren die Deutschen die Franzosen dann wird es wirklich einsam in Europa; so einsam wie der deutsche Bundesbankpräsident bei der letzten Abstimmung in der EZB... Fr. Merkel hat ihren Gegenspieler bekommen...; endgültig... Hinter den Kulissen geht es hart auf hart... Schian Gruaß...
2. ...
Zereus 15.11.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Zank ums Geld, öffentliche Sticheleien - es stand schon besser um die deutsch-französische Freundschaft. Nun soll Frankreichs Premier Ayrault bei seiner Antrittsvisite in Berlin die angeschlagene Beziehung zwischen Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel kitten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsch-franzoesische-beziehung-jean-marc-ayrault-besucht-merkel-a-867507.html
Die Nachverhandlung des Euro-Vertrags und die Tatsache, dass uns Frankreich knallhart in den Rücken gefallen ist, als es die Positionen von Spanien, Italien und den restlichen Problemkandidaten 1:1 übernommen hat, werden das diplomatische Klima zwischen beiden Ländern noch länger belasten. Und passiert so etwas nochmal, könnte sich in deutschen Diplomatenkreisen durchaus die Erkenntnis durchsetzen, dass man eigentlich keine Feinde mehr braucht, wenn man Frankreich zum Freund hat. In diesem Lichte dürfte es für beide Seiten besser sein, währungspolitisch wieder getrennte Wege zu gehen. Beim Geld hört die Freundschaft nunmal auf, das ist in internationalen Beziehungen nicht anders als im Privatleben.
3. Hoi! Geht's uns nicht gut?
Europa! 15.11.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Zank ums Geld, öffentliche Sticheleien - es stand schon besser um die deutsch-französische Freundschaft. Nun soll Frankreichs Premier Ayrault bei seiner Antrittsvisite in Berlin die angeschlagene Beziehung zwischen Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel kitten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsch-franzoesische-beziehung-jean-marc-ayrault-besucht-merkel-a-867507.html
In Paris ein Premierminister, der Deutschlehrer war, in Moskau ein Präsident, der perfekt Deutsch spricht ... Da muss doch Verständigung möglich sein. Gib Dir Mühe, Angie, okay?
4. Ist doch ganz einfach
oldsaxon 16.11.2012
Schuldenschnitt für Alle und flächendeckender Mindestlohn von mindestens 9 €...., fertig. Es könnte so einfach sein.
5. Frankreich ...
marant 16.11.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Zank ums Geld, öffentliche Sticheleien - es stand schon besser um die deutsch-französische Freundschaft. Nun soll Frankreichs Premier Ayrault bei seiner Antrittsvisite in Berlin die angeschlagene Beziehung zwischen Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel kitten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsch-franzoesische-beziehung-jean-marc-ayrault-besucht-merkel-a-867507.html
In diesem ungleichen Duell gibt es für Frankreich nur eine offene Karte, die zu spielen ist, und zwar Isolationsängste wecken. Ansonsten sieht es nicht gut aus, denn wenn auch kein gutes Ende für Deutschland prophezeit wird, erwies sich die deutsche Exportwirtschaft äusserst robust, und lenkte die Warenströme auf neue Bahnen, was andererseits die deutsche Politik spürbar resistenter gegen französische Polit-Manöver machte. Der schwache Euro machte die Exporte billig, und selbst die Konzerne, wie bsw. VW konnten auf dem alten Kontinent punkten, sprich weitere Marktanteile sichern, und ganz "nebenbei" PSA in den Schatten stellen. Inzwischen ist VW 40-mal so viel wert wie Peugeot. Und noch eins: die Finanzindustrie. Französische Finanzinstitute sind doppelt so hoch wie die deutschen im Süden involviert, was im Fall der Falle eine regelrechte Kernschmelze in diesem Sektor verursachen würde; harte Zahlen. In diesem Sinne sind die Schuldner unbedingt zu retten, koste es was es wolle. Was Frankreich verbleibt, ist die Isolationskarte zu spielen ...
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