Deutsch-polnische Beziehungen Schwierige Partner - aber nur politisch

Laut einer Umfrage haben die Deutschen Vorbehalte gegenüber Polens EU-Mitgliedschaft und lehnen eine Sonderrolle des Landes ab. Experten sehen's gelassen: Auf kultureller Ebene findet ein reger Austausch beider Nationen statt - ganz unkompliziert.

Von Carolin Jenkner


Hamburg - Wenn Doris Lemmermeier von den deutsch-polnischen Beziehungen spricht, dann hört sich alles viel weniger kompliziert an, als es auf dem EU-Gipfel vor zwei Wochen in Brüssel war. Die Geschäftsführerin des deutsch-polnischen Jugendwerkes in Potsdam sorgt dafür, dass jährlich 160.000 deutsche und polnische Jugendliche miteinander ins Gespräch kommen. Die Jugendlichen verstehen sich meistens gut und interessieren sich füreinander, deswegen lässt Doris Lemmermeier sich durch Umfragen über das deutsch-polnische Verhältnis nicht beunruhigen. Auch nicht von der Umfrage, die heute veröffentlicht wurde.

Jubel nach Referendum: 2003 stimmten 79 Prozent der Polen für einen EU-Beitritt ihres Landes - heute sind immer noch 85 Prozent dafür
AP

Jubel nach Referendum: 2003 stimmten 79 Prozent der Polen für einen EU-Beitritt ihres Landes - heute sind immer noch 85 Prozent dafür

Die deutsche Zeitung "Die Welt" und die polnische Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Newsweek" hatten jeweils 1000 Deutsche und Polen zu ihrer Einstellung zur Mitgliedschaft Polens in der EU und zu Polens Rolle in Europa befragt.

47 Prozent der befragten Deutschen halten demnach die Mitgliedschaft Polens für eine "gute Sache". 36 Prozent allerdings meinen, dass die Osterweiterung eine "schlechte Sache" ist. Die Polen sind da euphorischer: 85 Prozent sind für die EU-Mitgliedschaft ihres Landes.

"Das ist doch gar nicht schlecht", sagt Doris Lemmermeier SPIEGEL ONLINE. "Auf jeden Fall nicht dramatisch." Schließlich habe es in letzter Zeit viele Unsicherheiten und Missverständnisse gegeben.

Umfrage ist "Augenblicksdarstellung"

Dass die Beurteilung seitens der Deutschen eher mittelmäßig ausfällt, mag tatsächlich mit dem Zeitpunkt der Umfrage zusammenhängen, vermutet Jutta Frasch, Stellvertreterin des Deutschen Botschafters in Warschau. "Die Umfrage wurde kurz nach dem Europäischen Rat in Brüssel gemacht", sagte sie zu SPIEGEL ONLINE. "Da war Polen überall negativ in der Presse." Jutta Frasch bezeichnet die Umfrage daher als eine "Augenblicksdarstellung".

Jerzy Kranz, ehemaliger polnischer Botschafter in Deutschland vermutet, dass die skeptische Haltung der Deutschen auch an ihrer "Abwehrhaltung" liegt. "Es gibt eine Tendenz in Deutschland, sich gegen die Außenwelt zu wehren." Man habe Angst vor der Konkurrenz, dabei sei der polnische Schlachter, verglichen mit der gesamten Globalisierung, eine lächerliche Gefahr.

Die Euroskepsis von Präsident Lech und Premier Jaroslaw Kaczynski kommt in Polen laut der Umfrage nicht gut an. 55 Prozent der Polen glauben, dass ihr Land unter der Regierung "dauerhaft an den Rand Europas geschoben wird". Diese Ansicht teilen nur 34 Prozent der Deutschen. Die Mehrheit von 41 Prozent glaubt, dass sich das Verhältnis nicht verändern wird.

Am 21. und 22. Juni hatte die polnische Regierung auf dem EU-Gipfel mehrfach damit gedroht, einen Kompromiss über einen europäischen Reformvertrag platzen zu lassen. Außerdem hatte Premierminister Jaroslaw Kaczynski gefordert, die polnischen Kriegstoten aus dem Zweiten Weltkrieg gegen mehr Stimmengewicht in der EU aufzurechnen.

Deutschland will keine Sonderrolle für Polen

Ein Argument, das die Deutschen laut der Umfrage kaum nachvollziehen können. 88 Prozent der Befragten weisen demnach den Anspruch Polens zurück, wegen des polnischen Leids im Zweiten Weltkrieg die Interessen des Landes in der EU besonders zu berücksichtigen. Die Polen sind sich in der Frage ebenfalls uneins: 48 Prozent sind für eine Berücksichtigung der polnischen Vergangenheit, 49 Prozent dagegen. Gerade die jungen und gut ausgebildeten Polen sind eher gegen eine Sonderrolle ihres Landes in der EU.

Trotzdem: Die Vergangenheit, der Zweite Weltkrieg, ist nach wie vor eine große Last, die auf den deutsch-polnischen Beziehungen ruht. Jutta Frasch glaubt, dass sich das so schnell auch nicht ändern wird: "Die deutsch-polnische Geschichte spielt immer eine Rolle. Das ist ein Element unserer Beziehungen."

Für die Jugendlichen, die an den Austauschprogrammen des deutsch-polnischen Jugendwerks teilnehmen, spielt der Zweite Weltkrieg hingegen nur noch eine untergeordnete Rolle, meint zumindest Doris Lemmermeier. "Die Jugendlichen wollen nicht auf die Vergangenheit festgenagelt werden", erzählt sie. "Sie wollen die Zukunft gestalten."

Polen lehnen "Europa der zwei Geschwindigkeiten" ab

Trotz guter Beziehungen auf Austauschebene: Polen in der EU das gleiche Stimmgewicht zu geben wie der doppelt so großen Bundesrepublik, lehnen die Deutschen ab: 82 Prozent der Befragten sprachen sich dagegen aus, nur 15 Prozent dafür. 77 Prozent der Polen wünschen sich hingegen, in der EU genauso viel zu sagen zu haben wie der große Nachbar Deutschland.

Die Deutschen können sich zudem, anders als die Polen, ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten" gut vorstellen. Auf die Frage, ob sie es gut fänden, wenn Länder, die in der EU enger zusammenarbeiten wollen, das tun würden, ohne auf Länder wie Polen, die das nicht wollen, Rücksicht zu nehmen, antworteten 55 Prozent der Deutschen mit ja. Die Polen sprachen sich mit 57 Prozent dagegen aus.

"Es ist doch normal, dass jedes Land sein Stimmengewicht maximieren will und dass andere Länder schneller voranschreiten wollen", findet Doris Lemmermeier vom deutsch-polnischen Jugendwerk. Eine Verschlechterung der Beziehungen sieht sie darin noch lange nicht.

Jutta Frasch meint: "Die deutsch-polnischen Beziehungen sind ein permanenter Prozess, da muss man immer hart dran arbeiten." Auf der politischen Ebene habe es "Irritationen" gegeben, aber auf kultureller und wirtschaftlicher Ebene seien die Beziehungen sehr gut. Sie hofft, dass dies auch auf die politische Ebene wirkt.



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